Behinderung durch Alkohol während der Schwangerschaft (FASD)

Wegen ein paar Whisky mit Cola
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Foto: don limpio / photocase

Sie wusste damals nicht, dass sie schwanger war. Nun ist ihr Kind schwerbehindert
Deutschland spricht 2019

Bis zuletzt hatte ich gehofft, dass ich nicht schuld bin an Majas* Behinderung. Als die Ärztin mir dann meinen Verdacht bestätigte, hat es mir den Boden unter den Füßen weggerissen, und ich bin nur noch in die Tiefe gerauscht, die Sturzfahrt hörte gar nicht mehr auf. Ich sagte es Maja ein paar Wochen später, als ich mich wieder gefangen hatte: „Maja, deine Probleme kommen daher, weil ich Alkohol getrunken habe, als ich noch nicht wusste, dass du in meinem Bauch bist. Es tut mir so leid!“ Sie sagte: „Mama, ich bin dir nicht böse. Du hast es ja nicht absichtlich getan.“ Ich hatte solche Angst gehabt, dass sie mich hasst, wenn sie Bescheid weiß.  

Maja hat eine angeborene Alkoholschädigung, das Krankheitsbild heißt abgekürzt FASD. Sie ist jetzt elf und intelligent, aber sie kann sich immer noch nicht selber anziehen. Was ich ihr heute sage, hat sie morgen vergessen. Sie hat auch keinen Orientierungssinn: Auf dem Weg zur Oma, ein paar Straßen weiter, würde sie sich verlaufen. Das Schlimmste sind aber ihre Wutanfälle. Einmal riss sie von ihrem Hochbett die Rutsche weg und die Gardine samt Dübel von der Wand. Wenn sie wütend ist, ist sie so außer sich, dass sie nachher nicht mehr weiß, was sie getan hat.

Eines Tages sagte Maja: "Ich wünschte, ich wäre tot"

Und das alles ist so, weil ich in den ersten Schwangerschaftswochen an zwei oder drei Wochenenden mit meinem damaligen Freund durch die Discos gezogen bin und getrunken habe. Es müssen pro Abend zwischen drei und sechs Gläser Whisky-Cola gewesen sein. Ich wusste nicht, dass ich schwanger war. Als mir mein Frauenarzt die „frohe“ Botschaft verkündete, fiel ich aus allen Wolken. Wie konnte das sein? Ich hatte doch die Pille genommen! Sie hat nicht gewirkt, erklärte mir mein Arzt, weil ich in dieser Zeit ein Antibiotikum nehmen musste.

Da stand ich da, mit gerade 20 und noch mitten in der Ausbildung. Aber eine Abtreibung kam für mich nicht infrage. Also zog ich mit meinem Freund zusammen, und wir bekamen Maja. Von dem Zeitpunkt an, als ich wusste, dass ich schwanger war, habe ich nichts mehr getrunken. Aber da war es eben schon zu spät.  

Maja war ein gut gelauntes, zufriedenes Baby. Dass mit ihr etwas nicht stimmte, fiel erst so richtig auf, als sie in die Schule kam. Sie kam nicht gut mit und wurde immer aggressiver. Eines Tages sagte Maja: „Ich wünschte, ich wäre tot.“ Da bekam ich richtig Angst. Es war eine ganz schreckliche Zeit für uns alle. Gut war nur, dass mein neuer Lebensgefährte uns unterstützte und Maja ihn akzeptierte. Die Beziehung zu Majas Vater hat nicht lange gehalten, wir waren noch zu jung.

Es gibt immer noch Abende, an denen ich weinend im Bett liege

Auf die richtige Diagnose kam ich selbst. Maja spielte öfter mit Kindern aus der Nachbarschaft, und mir wurde allmählich klar: Die verhalten sich ja genauso! Die Kinder leben in einer Pflegefamilie. Und von der Pflegemutter erfuhr ich, wie das heißt, was die Kinder haben: FASD. Ich versuchte, das Offensichtliche zu verdrängen, aber irgendwann fragte die Nachbarin mich ganz direkt: „Kann es sein, dass du in der Schwangerschaft Alkohol getrunken hast?“ Da wurde mir anders. Sie vermittelte mir einen Termin in einem FASD-Diagnostikzentrum, vier Wochen später hatte ich die Diagnose schwarz auf weiß.

Maja gilt als schwerbehindert. Aber so schlimm das auch ist, jetzt haben wir wenigstens Klarheit. Ich weiß nun, wie man Maja behandeln muss, damit es ihr möglichst gut geht. Maja braucht ­einen ganz starren Tagesablauf und eine reizarme Umgebung. Man darf keinen Druck auf sie ausüben und muss Anweisungen in kurzen, einzelnen Sätzen geben, weil sie sonst überfordert ­wäre. Sie besucht jetzt eine Förderschule. Dort sind nur acht ­Kinder in einer Klasse, die Lehrer kennen sich mit der Behinderung aus. Maja wird von den anderen so angenommen, wie sie ist. Sie schreibt gute Noten und ist seither viel entspannter.

Es gibt immer noch Abende, an denen ich weinend im Bett liege und mich mit Vorwürfen quäle: Musste ich unbedingt in der Zeit etwas trinken? Aber ich weiß ja: Das hilft meiner Tochter nicht. Ich kann die Behinderung nicht rückgängig machen. Ich kann nur alles dafür tun, dass sie im Leben zurechtkommt. 80 Prozent der Menschen mit FASD können nicht selbstständig leben, das weiß ich. Ich setze meine ganze Energie in das Ziel, dass Maja zu den 20 Prozent gehört, die es schaffen.

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Lesermeinungen

Der Artikel irritiert mich ehrlich gesagt etwas bzw fehlen Informationen. Wann wurde der Alkohol genau getrunken? Hat sich die Geschichte genau so zugetragen oder ist das ein fiktives Beispiel? So macht Er den ca. 80% Frauen Angst, die alle nicht wissen dass sie Schwanger sind und noch getrunken haben. Was ist mit der Alles-Oder-Nichts Phase? Eine Einordnung wäre schön, nicht nur weil meine Frau h und ich gerade vor genau der Entscheidung stehen Ein Kind zu bekommen, bei dem in den ersten 15 Tagen aus Unwissenheit noch getrunken wurde.

Hallo, Jens,

die Geschichte dieser Frau hat sich genau so zugetragen. Wir haben die Namen geändert und kein Foto gezeigt zum Schutz der Familie. Der Text ist in der Rubrik "Anfänge" erschienen, dort erzählen Menschen von einem Anfang in ihrem Leben, es geht also nicht um medizinische Fachinformationen. Wie Sie schon schrieben, gibt es ganz zu Beginn einer Schwangerschaft rund 2 Wochen lang eine Alles-oder-nichts-Phase - wer also ganz am Anfang noch Alkohol getrunken hat, muss sich wohl meist keine Sorgen machen. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung erklärt das hier so (https://www.kenn-dein-limit.de/alkohol/schwangerschaft-und-stillzeit/alkohol-in-der-schwangerschaft/das-alles-oder-nichts-prinzip/):"... die Natur verfährt in den ersten 14 Tagen nach der Befruchtung nach dem sogenannten Alles-oder-Nichts-Prinzip. Das bedeutet, dass sich eine im frühen Stadium schwer geschädigte Eizelle nicht weiter teilt und sich nicht in die Gebärmutter einnistet. Sie wird meistens unbemerkt  mit einer "verspäteten" Regelblutung vom Körper wieder abgestoßen."
Ich weiß nicht, an welche ärztliche Fachrichtung man sich am besten wendet, wenn man sich über die erste Zeit unsicher ist. Eigentlich müsste einen die Gynäkologin weiterüberweisen können, sollten sich die Sorgen nicht zerstreuen lassen.

Mit freundlichen Grüßen
Christine Holch/Redaktion chrismon

Vielen Dank für die Auskunft. Es wäre dennoch wichtig für den Leser der sich in ähnlicher Lage befindet zu erfahren, ob der Alkohol in den ersten 2 Wochen nach Empfängnis getrunken wurde bei der Dameneinzel Artikel oder später.