Diakoniepräsident Ulrich Lilie beantwortet Fragen der Flüchtlinge

"Wir helfen, wo wir können"
Diakoniepräsident Ulrich Lilie

Foto: Thomas Meyer / Ostkreuz

Diakoniepräsident Ulrich Lilie: "Je mehr Menschen sich engagieren, desto besser klappt auch die Integration"

Drei syrische Flüchtlinge schildern Diakoniepräsident Ulrich Lilie ihre Sorgen. Und fragen: Wie kann die Kirche ihnen und ihren Familien helfen? Und was ist mit ihren Studienabschlüssen, mit Wohnungen, mit Jobs?
Deutschland spricht 2019

„Wir bringen Familien zusammen“

Der Verwaltungswissenschaftler H. Q. stammt aus der nordsyrischen Stadt Aleppo. Er hat einen Magister in Administration, erworben an einer Pariser Hochschule. Er kam auf illegalem Weg nach Deutschland, heute lebt er in Frankfurt/Main und versucht, seine Frau und seine beiden ­Kinder aus Syrien nachzuholen. H. Q. fragt:

Könnte die Kirche etwas tun, um den Nachzug der Familien zu erleichtern? Die Politiker schaffen immer mehr gesetzliche Res­triktionen für uns.

Ulrich Lilie: Zunächst möchte ich Ihnen mein Mitgefühl für Ihre belastende Lebenssituation aussprechen und meinen Respekt dafür, wie Sie sie bewältigen. Wir als Diakonie setzen uns bei der Bundesregierung dafür ein, dass Flüchtlinge ihre nächsten Familienangehörigen nach Deutschland holen können. Damit wollen wir verhindern, dass sich Frauen und Kinder auf den gefährlichen Weg über das Mittelmeer machen müssen. Der illegale Weg nach Deutschland macht die Schlepper noch reicher. Bei Flüchtlingen, die nicht abgeschoben werden, weil ihnen Tod, Folter oder Gefängnis drohen (die also subsidiären Schutz genießen), wollte die Bundesregierung den Familiennachzug aussetzen.

Wir haben uns in Stellungnahmen und Gesprächen dafür eingesetzt, dass auch sie ihre Familien nachholen dürfen. Mit einem Spendenfonds unterstützen wir Geflüchtete, ihre Familien zu holen. Beratungsstellen der Diakonie helfen, den Antrag zu stellen, und informieren, welche Kosten übernommen werden können. In den vergangenen drei Jahren konnten wir 400 Familien helfen, wieder vereint zu leben. Den Familiennachzug auszusetzen, wie es die Bundesregierung gerade beschlossen hat, erschwert und verhindert oft die Integration derer, die bereits in Deutschland leben. Eine geflüchtete Familie aus meiner Nachbarschaft ist aus Sorge um ihre Angehörigen mit drei kleinen Kindern wieder nach Syrien zurückgefahren. Das kann niemand wollen!

Könnten Kirche und Diakonie helfen, die Kompetenzen der Syrer zu nutzen? Könnten sie der Regierung mit Modellprojekten zeigen, dass es sich wirtschaftlich auszahlt, Flüchtlinge schnell in Arbeit zu bringen?

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Lilie: Sie haben recht, Ihre Fähigkeiten, Ihre Motivation und Ihre Energie werden oft auf eine harte und wenig sinnvolle Probe gestellt: Antragsverfahren, Asylstatus, Vorrangprüfung, Sprachkenntnisse, Qualifikation – bis ein Asylsuchender arbeiten kann, müssen zu viele Hürden überwunden werden. Bildung und Arbeit sind aber  unverzichtbare Schritte auf dem Weg zur Integration. Besonders Unternehmer und Handwerker wollen Flüchtlinge möglichst schnell in den Arbeitsmarkt integrieren. Dies zahlt sich auch wirtschaftlich aus. Mit den aktuellen Einschränkungen will die Politik verhindern, dass sich diejenigen integrieren, die letztendlich nicht in Deutschland bleiben dürfen. Mehr als die Hälfte der Asylsuchenden werden jedoch anerkannt. Darum setzen sich Diakonie und Kirche bei der Bundesregierung dafür ein, dass diese Restriktionen entfallen.

Viele diakonische Dienste beraten und unterstützen Asylsuchende bei der Anerkennung von Abschlüssen sowie bei der Arbeits-, Ausbildungs- oder Studienplatzsuche. Wir bauen diese Dienste derzeit stark aus, Flüchtlinge und Ehrenamtliche müssen professionelle Ansprechpartner haben. Häufig ermöglicht erst die Sprache den Zugang zum Ausbildungs- oder Arbeitsmarkt. Daher bietet die Diakonie in vielen Erstaufnahmeeinrichtungen Deutschkurse für Flüchtlinge an. Außerdem können sich Geflüchtete bei der Diakonie für einen Freiwilligendienst bewerben.

Was tut die Kirche, um den Deutschen verständlich zu machen: Habt keine Angst vor den Muslimen!

Lilie: Wer bereits Kontakt zu Flüchtlingen hatte, steht ihnen auf­geschlossener gegenüber als andere. Das zeigt eine Studie der evangelischen Kirche und der Diakonie Deutschland. Den Islam gibt ­es genauso wenig wie die Kirche. Wir in der Kirche wissen, dass Religion eine starke zivilisatorische und positive Kraft ist, aber eben auch missbraucht werden kann. Totalitäre Formen von Religion sind gefährlich. Viele interessierte und gesprächsbereite Männer und Frauen engagieren sich schon lange für Kontakte zwischen Juden, Christen und Muslimen. In Berlin entsteht das „House of One“, ein Ort des Gesprächs und der Versöhnung dieser Religionen. Auch in Deutschkursen, bei Behördengängen, Kinderbetreuung und gemeinsamen Freizeitaktivitäten ermöglichen Kirche und Diakonie, dass sich Menschen unterschiedlicher Religionen begegnen.

 

„1,7 Millionen Wohnungen stehen leer“

Als der Zahnarzt E. H. mit seiner Frau und ihren vier Kindern vor dem Krieg von Damaskus nach Beirut floh, wurde ihr Auto beschossen. Eine Kugel traf die jüngste Tochter am Bein. Sie kehrten um. Das Bein ist bis heute nicht geheilt.

E. H. sah keine Möglichkeit, legal nach Deutschland zu kommen. Er beschloss, sich allein durchzuschlagen und seine Familie später nachzuholen. Die deutsche Botschaft in Beirut sagte seiner Familie, sie müsse ein Jahr auf einen Termin warten, um die Familienzusammenführung überhaupt einleiten zu können.

Die Flüchtlinge leiden überall unter der erdrückenden Bürokratie. Kann die Kirche uns da helfen?

Lilie: Die Botschaften sind überlastet und haben zu wenig qualifiziertes Personal. In Gesprächen mit Politikern und Verwaltungschefs regen wir Verbesserungen an – auch zu der Situation in den Botschaften. Einiges hat sich hier verbessert, trotzdem sind zusätzliche Restriktionen für einige Asylsuchende hinzugekommen.

Kann die Kirche Flüchtlingen helfen, geeignete Wohnungen zu finden?

Lilie: Noch immer werden überwiegend Massenunterkünfte geschaffen, statt Flüchtlinge schnell dezentral unterzubringen. Günstiger Wohnraum ist jedoch insbesondere in Großstädten knapp. Wir setzen uns dafür ein, dass Flüchtlinge so schnell wie möglich in eigenen Wohnungen unterkommen. 1,7 Millionen Wohnungen in Deutschland stehen leer, in viele von ihnen könnten Flüchtlinge einziehen. Wir appellieren an Vermieter, an Flüchtlinge zu vermieten. In manchen Projekten bringen wir Vermieter und Flüchtlinge zusammen. Angesichts der sehr großen Herausforderungen brauchen wir aber Zeit.

 

„So funktioniert Integration besser“

Der syrisch-palästinensische Arzt M. H. hat schnell Deutsch gelernt. Bei einem Praktikum in einem Krankenhaus in Frankfurt/Main hat er das deutsche Gesundheitssystem kennengelernt. In sieben Jahren will er seine Anerkennung als Facharzt haben. Ob er dann in Deutschland als Augenarzt praktizieren wird oder in einem anderen Land, das ist ihm derzeit nicht wichtig.

M. H. sagt, an den wenigen Sprachschulen, die es gebe, seien viele Dozenten keine Deutsche und sprächen nicht fehlerfrei. Ihm selbst bereitet das keine Sorgen. Lieber nehme er selbst bezahlte Privatstunden, als dass er un­nötig viel Zeit dabei verliere, auf einen Platz im Sprachkurs zu warten, sagt er.

Kann die Kirche mehr Kontakte zwischen Flüchtlingen und Deutschen vermitteln?

Lilie: In unseren Kirchengemeinden und in der Diakonie engagieren sich mehr als 120 000 Menschen ehrenamtlich für Flüchtlinge und bauen Brücken in die deutsche Gesellschaft.

Sie verteilen Kleider und begleiten bei Behördengängen. In Kirchengemeinden verbringen Deutsche und Flüchtlinge ihre Freizeit miteinander, kochen und essen gemeinsam, die Kinder spielen zusammen. Viele Menschen nehmen privat Flüchtlinge bei sich auf. Daraus ergeben sich Freundschaften. Je mehr Menschen sich engagieren und Flüchtlingen gegenüber offen sind, desto besser und schneller klappt auch die Integration.

Kann die Kirche helfen, ausländische Studienabschlüsse schneller anzuerkennen?

Lilie: Ausländische Berufsabschlüsse anerkennen zu lassen ist leider kompliziert und mit hohen Kosten verbunden. Viele diakonische Dienste beraten und unterstützen Asylsuchende dabei, ebenso bei der Arbeits-, Ausbildungs- und Studienplatzsuche. Wir setzen uns dafür ein, dass die Verfahren deutlich einfacher und schneller werden. ­Eingewanderte ohne Berufsabschlüsse sollen die Chance bekommen, sich möglichst schnell zu qualifizieren und weiterzubilden. Die Bundesagentur für Arbeit hilft gerade jungen Geflüchteten mit Förderprogrammen. Sie brauchen eine gute Perspektive.

 

Rosa Yassin Hassan hat die Aussagen und Fragen der Flüchtlinge auf Arabisch aufgezeichnet. Übersetzung: Larissa Bender

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