Georg Seeßlen über Jesusfilme

"It‘s very Oberammergau!"
Filmszene aus Herbert Achternbuschs "Das Gespenst"

DIF

Filmszene aus Herbert Achternbuschs Film "Das Gespenst"

Kann man Christus zeigen? Nicht als Gott, aber als Menschen? Der Filmkritiker Georg Seeßlen macht die Grenzen des Genres deutlich. Die Regisseure schert das nicht: Sie drehen immer neue Jesus-Filme

Bilderverbote sind etwas Seltsames. Sie scheinen auf den ersten Blick willkürlich, autoritär, ganz so, als gebe es etwas zu verbergen. Aber oft sind sie nur eine gesetzliche Maske für etwas, das der Sache nach sowieso unmöglich ist: Gott darzustellen zum Beispiel.

Auch der Bilderdrang ist etwas Seltsames. Er scheint auf den ersten Blick chaotisch, sinnlich, so als müsse etwas immer weiter enthüllt werden. Aber oft ist der Bilderdrang nur etwas, das aus der Sache heraus notwendig ist: Es muss abgebildet werden, was nur als Bild zu verstehen ist. Der Mensch zum Beispiel.

Zweifellos sind die Götter in ihren Bildern den Menschen nahe, gefährlich nahe. Und zweifellos sind die Menschen, die sich der Enthüllung entziehen, entrückt. So entstand zwischen dem Bilderverbot und dem Bilderdrang ein zunehmend kompliziertes, aber unausgesprochenes Regelwerk, eine Grammatik. Ein Wort dafür ist „Ikonographie“. Sie regelt keineswegs nur, was verboten und was erlaubt ist. Sie klärt, was verstanden werden kann.

Ikonographie löst nicht das Problem, sie zeigt es auf

Es gibt eine Gestalt, die zugleich Gott und Mensch ist, Jesus Christus. Er ist nicht von jedem ein bisschen, sondern beides vollkommen. – Hier gilt das Abbildungsverbot, und es herrscht der Bilderdrang.

Gewiss kann man sich darauf einigen, ­einen Text, die Erzählungen der Apostel, das Neue Testament zu illustrieren, so getreu wie möglich. Ein Versuch des Darstellens und des Nach-Leidens, des Mitfühlens und des Dankesopfers ist das Passionsspiel von Oberammergau. Passionsspiele sind kein Abbild im reinen Sinne, keine Ikone. Sie waren schon immer eine Veranschau­lichung, die auch deshalb notwendig ist, weil so viele Adressaten des Lesens nicht mächtig sind. Doch jede Abweichung des Bildes vom Text ist verboten.

Aber die Ikonographie will mehr. Das Bild des Gekreuzigten stellte etwa in der der Epoche der Romanik den entrückten Herrschergott und Jahrhunderte später den über alles Maß hinaus leidenden Menschen dar. Ikonographie ist eine offene Sprache. Sie löst nicht das ursprüngliche Problem, sie zeigt es auf: Es ist unmöglich, Mensch und Gott in einem Bild darzustellen. Aber noch schwerer scheint es, diese Gestalt ­ohne Hilfe des Bildes zu verstehen.

Ein offenes Fest der Fantasie

Der Christusfilm ist nicht so sehr ein Genre als vielmehr ein Film, der immer wieder gedreht wird. Er entsteht ganz direkt aus dem naiven Wiederbelebungsspektakel von Oberammergau. Die ersten Christusfilme sind Aufnahmen des Passions­spiels – der Stummfilm King ­of Kings von Cecil B. DeMille, 1927, (auf YouTube mit englischen Untertiteln) zum Beispiel. Bis heute kann man Christus­filme sehen, von denen enttäuschte Cineasten und etwas komplizierte Gläubige sagen: „It’s very Oberammergau!“

Zur Oberammergauhaftigkeit kommt die Anlehnung an die überkommene Ikonographie der christlichen Malerei. Für seinen Stummfilm Der Galiläer nahm Regisseur Dimitri Buchowetski 1921 das berühmte Gemälde „Das letzte Abendmahl“ von Leonardo da Vinci zum Ausgangspunkt und stellte es bis ins Detail nach – um es dann in ein lebendes Bild zu verwandeln. (Schulen und Gemeinden können den Film auf dem katholischen Portal lizenzshop.filmwerk.de kaufen). Solche Zitate sind auch Schutzmaßnahmen. Sie suggerieren, das Kino verstoße nicht wirklich gegen die Abbildungsverbote und -gebote, solange es diesen Bildraum nicht verlässt.

Eine Form der Aneignung gestattet allerdings durchaus Freiheiten: die Krippen, ­die zur Weihnachtszeit aufgestellt werden. Bei ihnen wird der neutestamentliche Text mit regionalen, aber auch mit fantastischen Elementen angereichert. Die Geburt des Heilands ist ein offenes Fest der Fantasie, denn im Kind in der Krippe ist die Doppelgestalt noch kein Problem.

Eine natürliche Erklärung für jede wunderbare Erscheinung

Das Leben Jesu indes läuft auf die Kreuzigung zu, auf den Moment, da das Göttliche und das Menschliche auseinanderzu­brechen drohen – und gerade hier end­gültig zusammengeführt werden. Das Bild der Kreuzigung ist nicht nur wegen seiner Grausamkeit unerträglich. Hier muss ein Mensch, der ein Gott ist, „für unsere Sünden“ sterben. Nicht auszumalen, was wir verdient haben, wie „verschuldet“ wir dadurch sind!

Neu im Kino

Risen, Kevin Reynolds, USA, seit 17. März (Auferstanden)

Jesu Leichnam verschwindet. Clavius soll den Fall im Auftrag des Pilatus aufklären und forscht auf den Spuren des Auferstandenen. Aus dem stoischen Skeptiker wird ein melancholischer Zweifler, aus dem harten Soldaten ein frommer Christ.

The Young Messiah, Cyrus Nowrasteh, USA, ab 12. Mai (Der junge Messias)

Aus Ägypten kehrt der siebenjährige Jesus nach Nazareth zurück. Er spürt, etwas unterscheidet ihn von anderen Jungen. Seine Eltern verraten ihm nicht, was. Herodes erfährt, dass der Junge noch lebt und lässt nach ihm suchen. ­Er will ihn töten.

Last Days in the Desert, Rodrigo García, USA, noch ohne deutschen Starttermin

Jesus (Ewan McGregor) reist durch die Wüste. Ein Dämon begleitet ihn (ebenfalls Ewan McGregor). Er trifft auf eine Familie, die in der lebensfeindlichen Umgebung zu überleben versucht, und tritt dabei seinem eigenen Schicksal gegenüber.

Wie also diese Geschichte erzählen, die in ihren Schlüsselbildern nicht zu er­zählen ist? Nicholas Rays King of Kings, 1961, (dt. König der Könige, englische Version kostenlos auf veoh.com, DVD im Onlineversand ca. 8 Euro) lenkt die Aufmerksamkeit zügig auf Nebencharaktere. Auf den Verräter Judas zum Beispiel. Judas tritt als Zerrissener zwischen der gewalttätigen Rebellion des Barabbas und der Heilslehre von Jesus auf. Dieser Judas muss unsere Widersprüche ausleben – und ebenso die Widersprüche der Ikonographie: Ein Gott kann nicht Gegenstand von Psychologie sein. Da nun aber das Kino unter anderem ein Kind der Psychologie ist, muss es offensichtlich seine Aufmerksamkeit auf diese Nebenfigur lenken.

Anthony Quinn lässt in Barabbas von Richard Fleischer, 1961, (DVD im Onlineversand neu ca. 30 Euro) den modernen Zweifler und Getriebenen in die Passionsspielwelt des großen Hollywood-Jesusfilms zurückkehren. Pilatus (Arthur Kennedy) lässt ihn auf Drängen des Volkes frei, um an seiner Stelle Jesus am Kreuz sterben zu lassen. Nun hält der Dieb Barabbas sich für unsterblich und begeht weitere Verbrechen. Der gläubige Drehbuchautor und der atheistische Regisseur einigten sich darauf, dass es für jede wunderbare Erscheinung immer eine natürliche Erklärung geben sollte. So wurde der Mythos zurückgespiegelt in den Kopf eines Verworfenen und Erlösungsbedürftigen.

Was die einen berührt, empört die anderen

Pier Paolo Pasolinis Il vangelo secondo Matteo, 1964, (dt. Das erste Evangelium Matthäus) zitiert die Volksfrömmigkeit ebenso wie moderne christliche Kunst, wenn er einen kämpferischen Christus vorstellt, einen, der sich und seinen Mitmenschen immer auch ein Rätsel bleibt (DVD im Onlineversand ca. 10 Euro, Blue-Ray ca. 15 Euro.) Gleichzeitig ist Pasolini ungeheuer konkret, wenn er den Christus von einem antifrancistischen Aktivisten aus Spanien und die Madonna von der eigenen Mutter darstellen lässt. Es ist die Sehnsucht nach dem Mythos, die der Regisseur darstellt, nicht der Mythos selbst.

Georg Seeßlen

Georg Seeßlen, 1948 geboren, ist ein deutscher Autor, Filmwissenschaftler und -kritiker. Er lehrte an verschiedenen Hochschulen im In- und Ausland und schreibt als freier Autor für mehrere große deutsche Medien.
In Ästhetik und Publikumsansprache unterscheidet sich Jesus Christ Superstar von Norman Jewison, 1973, von klassischen Passionsfilmen aus Hollywood (DVD im Onlineversand ca. 8 Euro, Blue-Ray ca. 10 Euro.) Er wendete sich vor allem an die Jesus-People-Bewegung innerhalb der Hippieszene. Das Passionsspiel hat nun den Charakter einer Rockoper, die in der Wüste Negev spielt. Erzählt werden die letzten sieben Tage im Leben des Erlösers aus Judas Sicht. Auf seine Weise kehrt der Film zur Ursprungsform zurück, nimmt sich andererseits aber auch die Freiheit der Krippendramaturgie und löst das Ge­schehen aus der historischen Topographie.

Was die einen berührt, empört die anderen. So ist jeder Christusfilm für bestimmte Betrachter ein Skandal, ob er es darauf abgesehen hat oder nicht. Ist ein Christusfilm nicht skandalös, wird er mit Schlimmerem bestraft: der Belanglosigkeit.

In Martin Scorseses The Last Temptation of Christ, 1988, (dt. Die letzte Versuchung Christi) hadert Jesus mit seinem Schicksal. Und Judas (Harvey Keitel) bestürmt Jesus, es auf sich zu nehmen (DVD im Onlineversand ca. 4 Euro, Blue-Ray ca. 11 Euro.) Solche Deutungen wandten sich an ein religiös und cineastisch aufgeschlossenes Publikum. Fast immer empfand man sie auch als Beschädigung des Passionsbildes.

Von Monty Python über den Vampirjäger zu den Simpsons

Daher folgte stets ein Restaurationsversuch: Das Wunder muss geschehen, wie beschrieben. Die überlieferten Worte müssen gesprochen werden. So entsteht, wie in Franco Zeffirellis Jesus von Nazareth, 1977, (alle vier Teile auf YouTube) eine doppelte Behauptung: „Ich glaube“ und „So war es“. Kritiker werfen Filmen wie diesem eine Rückkehr in die Denk- und Bilderwelt von Oberammergau vor. Das trifft nicht zu, denn ihnen fehlt die Naivität des Ursprünglichen. Ihnen bleibt nur der Ruch einer fundamentalistischen Illustration.

Fjodor Dostojewski erzählt in seinem Roman „Die Brüder Karamasow“ die Legende von einem Christus, der zurück auf die Erde kommt und von den Menschen meist nicht erkannt, vom Großinquisitor aber schroff und gewalttätig abgewiesen wird. Er muss noch einmal sterben, aber vor den Augen der Menschheit verborgen. Eine solche Wiederkehr spielen etliche Filme durch, unter ihnen auch Das Gespenst von Herbert Achternbusch, 1982 (DVD im Onlineversand ca. 16 Euro.) Christus steigt in einer bayerischen Klosterkirche vom Kreuz. Auch hier ist die Reaktion der Menschen ablehnend. Wenn der Mythos Wirklichkeit wird, reagiert die Wirklichkeit mit Gewalt.

The Gospel of John von Philip Saville, 2003, (dt. Das Johannes-Evangelium) erzählt das Leben Jesu aus der Sicht seines Apostels Johannes, sieht gleichsam der Textwerdung des Geschehens ebenso zu wie der Verwandlung des Geschehens in die christliche Ikonographie, ohne freilich aus alledem irgendeine Erkenntnis zu generieren (komplett auf YouTube). Filme wie dieser machen deutlich, dass Christusfilme eben doch ein Genre geworden sind.

Und jedes Genre bildet seinen Trashsektor aus. Wehmütig mag man sich an den wirklich tiefgreifenden und liebevollen Monty-Python-Film Das Leben des Brian, 1979, erinnern, die Komödie über den Tölpel Brian, der aufgrund von Missverständnissen und wider Willen als Messias verehrt wird (komplett auf ­YouTube). Weniger wehmütig stimmen da Filme wie Jesus Christ Vampire Hunter, Lee Demarbre, 2001, (dt. Jesus Christus Vampirjäger) in dem Jesus mit einer Frau namens Mary Magnum Vampire bekämpft (komplett auf YouTube). Der Film enthält durchaus komische ­Dialoge zwischen Jesus und seinem Vater. Hitler Meets Christ, Brendan Keown, 2007, ist nicht ganz so albern, wie sein Titel vermuten lässt: An einem Bahnhof treffen sich zwei Männer. Der eine glaubt, er sei Adolf Hitler, der andere hält sich für Jesus Christus. (DVD im Onlineversand ca. 20 Euro.)

Anders Fist of Jesus von David Muños und Adrián Cardona, 2015, ein Kurzfilm aus Spanien, in dem Jesus seinen Freund Lazarus von den Toten aufer­stehen lässt, was dummerweise die nächs­te Zombie-Apokalypse auslöst. All dieser Unfug sowie diverse Auftritte Christi in Serien wie Die Simpsons oder Family Guy zeigen, was eine Ikonographie unter den ­Bedingungen eines multimedialen Universalismus ist: ein Selbstbedienungsladen. Was nicht heißt, dass nicht auch in diesem Sektor ­eine unterdrückte Wahrheit im Mythos ans Licht drängt. Trash ist ja nicht nur der Versuch, eine Bildwelt zu zerstören. Es ist auch der Versuch, einem entleerten Bild wieder Leben einzuhauchen. 

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