Ulrich Lilie in Fukushima

Kirschblüte und Geigerzähler
Kirschblüte in Tomioka, Präfektur Fukushima. Nach der Nuklearkatastrohe im März 2011 zunächst vollständig evakuiert, wurde seit Frühjahr 2013 die Sperre in einigen Stadtbezirken wieder aufgehoben

Foto: Kyodo News/imago

Kirschblüte in Tomioka, Präfektur Fukushima. Nach der Nuklearkatastrohe im März 2011 zunächst vollständig evakuiert, wurde seit Frühjahr 2013 die Sperre in einigen Stadtbezirken wieder aufgehoben

Diakonie-Chef Ulrich Lilie hat eine Geisterstadt in Fuskushima besucht. Im kommenden Jahr sollen dort wieder Menschen leben. Dabei ist die Strahlung schon nach wenigen Stunden lebensgefährlich

Zwei unvergessliche Tage: In einer landschaftlich wunderschönen, grünen Umgebung im Frühling, kurz nach der Kirschblüte, gut 160 Kilometer nördlich von Tokio. Aber der schöne Schein trügt! Der Geigerzähler, der im Auto genauso laut piept wie die kleinen Messgeräte, die wir an der Kleidung tragen müssen, zeigt uns an, was wir in dieser bezaubernden Landschaft nicht riechen, nicht hören, nicht schmecken und nicht sehen können. Schon auf dem Weg - auf der seit zwei Jahren wieder freigegebenen Autobahn durch wunderbare Mischwälder in den unterschiedlichsten hell- und dunkelgrünen Farbtönen mit feinen baumhohen Bambusstämmen, Pinien, Kiefern und Laubbäumen und vorbei an blühenden Magnolien - schlagen die Zähler aus.

Wir sind im Bezirk Fukushima unterwegs, einer lebensfeindlichen No Go-Area. Gerade erst wurde in aller Welt des 30. Jahrestages des Supergaus in Tschernobyl gedacht. Was wir hier in den nächsten zwei Stunden im Umkreis von zehn Kilometern rund um Fukushima 1 sehen, wird die Menschen, die hier nach dem Willen der Regierung nächstes Jahr wieder in ihre Häuser und Wohnungen einziehen sollen (auch damit die Entschädigungen nicht so hoch ausfallen müssen), sicher in den nächsten 30 Jahren noch beschäftigen: Wir fahren mit unserem Auto in das Wohngebiet einer in diesem Jahr noch gesperrten Geisterstadt. In Tomioka leuchten im Abendlicht die letzten Kirschblüten an den Bäumen längs der gespenstisch menschenleeren Allee in dem typischen japanischen Rosa, das wir alle von Plakaten und Bildern kennen.

Innerhalb weniger Stunden die zulässige Strahlendosis für ein Jahr überschritten

Ulrich Lilie

Ulrich Lilie, Jahrgang 1957, ist seit Juli 2014 Präsident der Diakonie Deutschland, der in Berlin ansässigen bundesweiten Dachorganisation evangelischer Diakonie-Einrichtungen. Er hat Theologie studiert, war früher Gemeindepfarrer und Krankenhaus­seel­sorger. Lilie lebt mit seiner Familie in Berlin.
Thomas Meyer/OstkreuzDiakoniepräsident Ulrich Lilie im Lichthof der Diakonie in Berlin
Wir halten an und steigen auf einer verlassenen Straße mit rechts und links fein säuberlich aufgestellten Absperrgittern vor leerstehenden Häusern und Läden aus, vor denen die vor der Strahlung flüchtenden Menschen ihre Autos und Fahrräder stehen lassen mussten. Ich gehe zu einem Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite und blicke durch die heruntergelassene gelbe Plastikjalousie in einen Friseursalon, der von innen so aussieht, als würden hier morgen wieder Haare geschnitten oder gefärbt. Dabei hat seit fünf Jahren kein Mensch mehr diesen Salon betreten dürfen. Im Nachbarhaus ist im Garten liebevoll eine kleine Tempelanlage aufgebaut, sie steht vor der Terrasse in einem etwas verwilderten japanischen Ziergarten wie aus dem Bilderbuch. Beim Blick durch die von Staub und Regen verschmutzte große Wohnzimmerscheibe sehe ich die aufgeschlagenen Zeitungen auf dem Tisch liegen. Auf einigen Dächern der Nachbarhäuser haben die Bewohner mit Plastikfolien und Sandsäcken die Risse abgedeckt, die durch das folgenschwere Erdbeben am 11. März vor fünf Jahren an vielen Häusern entstanden sind. Die meisten Häuser aber stehen äußerlich völlig unversehrt und wie in einen Schlaf versetzt da.

Menschen, die in dieser lebensfeindlichen Umgebung wohnen würden, hätten in wenigen Stunden die zulässige Höchststrahlendosis für ein Jahr überschritten. Die gesundheitlichen Langzeitfolgen auch der niedrigeren Strahlung in den Städten und Dörfern rund um diese Sperrzone sind noch nicht abzusehen. Mitarbeiter der Initiative "Tarachine", die hier - unterstützt von der Gemeinde der United Church of Christ of Japan - nach den unglaubwürdigen, von der japanischen Regierung veröffentlichten Messdaten regelmäßig ihre eigenen Boden- und Luftmessungen vornehmen, graben - schon routiniert und mit Handschuhen, einem Zinkeimer und Gartenschaufel ausgerüstet - etwas Erde im auf unabsehbare Zeit gesperrten Gebiet auf der rechten Seite der verlassenen Straße aus, auf der weit und breit keine Menschen gehen und keine Autos fahren. Sie füllen die ausgegrabene Erde in eine Plastikdose und messen sie mit einem im Kofferraum mitgebrachten Messgerät: Sie stellen eine Strahlenbelastung von 12,4 Tausend Bequerel pro Kilo Erde fest.

Die meisten trauen den offiziellen Messdaten nicht

Sie wechseln auf die linke Seite, die nach der offiziellen Überprüfung wieder freigegeben wurde. Dort sollen nach dem Willen der Regierung in einigen Monaten wieder die alten Bewohner einziehen. Hier messen sie sogar 13,1Tausend Bequerel. Nach jedem Regen und nach jedem Sturm ändern sich die Werte, manchmal täglich, erzählen sie.

Neben unserem geparkten Auto mit der Messstation im Kofferraum steht einer der fest im Boden installierten und mit Solarenergie betriebenen öffentlichen Geigerzähler, die hier überall auf den Straßen und vor den öffentlichen Gebäuden zu sehen sind. Er misst direkt neben uns: 2,1 Microsievert in der Stunde. Die meisten Menschen trauen diesen Messdaten nicht. Und trotzdem: Bei nur 20 Milisievert liegt die Jahreshöchstgrenze für Personen, die in strahlungsbelasteten Berufen in Deutschland arbeiten. Zum Erreichen dieser Dosis würde ein eintägiger Aufenthalt in einem der Häuser ausreichen.

"Ich fühle mich wie die einzige nicht eingeschlafene Figur aus Dornröschen"

Das Abendgezwitscher der Vögel, die keine Geigerzähler lesen können, mischt sich auf gespenstische Weise mit den immer wieder laut piependen Geräten, die wir anschauen und abfotografieren. Ich fühle mich wie die einzig nicht eingeschlafene Figur aus Dornröschen, während ich in abgesperrte Häuser und hinter Zäune in angrenzende, ebenfalls abgesperrte lange menschenleere Straßen schaue. Wir gehen an Tankstellen vorbei, an denen seit Jahren kein Auto mehr vorgefahren ist. Wir passieren Bekleidungsgeschäfte mit der Mode von vorgestern in der verstaubten Auslage und kleine Betriebe, in denen noch das Material auf dem Hof steht, das kein Mensch mehr abholen wird.

Wer entsorgt diese strahlende Kulisse? Oder wird sie - und das scheint offenbar nach wir vor der Plan der Regierung zu sein - wie im Märchen von ihren bald schon heimkehrenden Bewohnern nur einfach wieder wachgeküsst? Unsere Begleiterinnen und Begleiter sind skeptisch. Bisher ist niemand zurückgekehrt. Viele trauen den Plänen dieser Regierung nicht. Andere Bewohner wollen an diese Pläne glauben, möchten, dass möglichst bald wieder Normalität einzieht in dieses Niemandsland, in dem nur die Tiere geblieben sind. Auch inzwischen verwilderte Hunde, die vor fünf Jahren zurück gelassen wurden.

Ich bin in meinem Leben auf vielen Reisen durch viele Straßen gelaufen, an viele erinnere ich mich nicht mehr. Diesen abendlichen Gang durch die Straßen der menschenleeren und langsam verrottenden Kleinstadt Tomioka werde ich nicht vergessen.

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