Deborah Feldman über ihre Zeit als ultraorthodoxe Jüdin

Das Ende der Angst
chassidische Juden in Williamsburg/New York

Foto: Eduard Kopp

Pelzhut für ihn, Perücke und Wollstrümpfe für sie: chassidische Juden in Williamsburg/New York

Der Amerikanerin Deborah Feldman gelang es, sich aus ihrer ultraorthodoxen ­jüdischen Gemeinde zu befreien. In ihrem Bestseller beschreibt sie, wie sie zuvor ­unter der allgegenwärtigen Kontrolle ­und unter der Theologie der Satmar-Gemeinde litt

Ihr Weg in die Freiheit war schmerzhaft. Jeder einzelne Schritt kostete Deborah Feldman Gewissensbisse, Angst, schlaflose Nächte. Es dauerte Jahre, bis sich die junge Mutter von ihrer chassidischen Gemeinde in Williamsburg/New York lösen konnte, von ihrer Familie, von ihrem Mann. Darüber schrieb sie einen Blog, dann ihren Bestseller „Unorthodox“.

Williamsburg, der Stadtteil nördlich von Brooklyn, ist Heimat der ultraorthodoxen jüdischen Satmar-Gemeinde, zu der USA-weit rund 120 000 Mitglieder gehören. Schon äußerlich sind sie leicht zu erkennen. Etliche Männer tragen den Shtreymel, einen runden, radförmigen Pelzhut, dazu Gebetsriemen, Schläfen­locken, ihre Frauen lange, dicke Röcke, oft weiße Wollstrümpfe, auf dem rasierten Kopf Perücken. Ihr natürliches Haar dürfen sie nicht zeigen. Frauen ist das Autofahren untersagt. Sie sollen auch nicht unbeaufsichtigt anderen Männern begegnen.

Eine größtmögliche Kluft soll zwischen ihnen, den Frommen, und der Welt da draußen bestehen. „Assimilation“, so erklärte es eine Lehrerin der jungen Deborah, „war der Grund für den Holocaust. Wir versuchen uns anzupassen, und Gott bestraft uns, weil wir ihn verraten haben.“ Die Gemeinschaft war vor 110 Jahren in Ungarn gegründet worden, nach dem Holocaust dann erneut in Williamsburg. Die Satmarer Juden kritisieren den Zionismus und die Existenz Israels – und zwar heftig.

Einmal im Jahr, am israelischen Unabhängigkeitstag, veranstalten sie in Manhattan eine Parade, auf der man Transparente mit der Parole sehen kann: „Zerstört Israel!“ Zionismus, so sagt ihr Rabbi, sei eine Rebellion gegen Gott. Gläubige Juden warten auf den Messias, sie führen die Erlösung nicht mit Gewehren und Schwertern herbei. Der Rabbi hat ein eigenes Manifest gegen den Zionismus verfasst, ein Exemplar davon hat jedes Satmar-Haus. Nach Israel zu reisen erlaubt er nicht, auch dann nicht, wenn dort Verwandte wohnen. Ein Verbot, das er nicht ganz durchsetzen kann.

„Ein einziger Fehltritt genügt, damit der Satan uns in den Abgrund reißen kann“

Angst ist die ständige Begleiterin der Satmarer Juden. Angst vor Gott, der sie als Juden mit dem Holocaust schon einmal dafür bestraft hat, dass sie nicht fromm genug waren. Angst davor, eines der vielen jüdischen Gesetze zu übertreten. Denn das macht sie schuldig gegenüber ihren Glaubensgeschwistern. Der Sünder, der andere zur Sünde treibt, gilt als der Schlimmste aller Sünder.

Früh fängt Deborah an zu fragen, wieso ihre Verwandten, die im Holocaust so viel Schmerz und Verlust erlitten haben, ihre ­eigene Unterdrückung fortführen. Sich selbst die kleinsten ­Freuden zu missgönnen, das ist auch das Lebensprinzip ihrer Großeltern. Bei ihnen wächst sie nach der Scheidung ihrer Eltern auf. Während die Großeltern den Verzicht auf alle Freuden als willkommene Selbstprüfung verstehen, fühlt sich die Autorin durch die Verzichtspflicht nur schmutzig und reizbar. Obwohl lange nach dem Holocaust geboren, trägt auch sie den Schmerz in sich – das haben die Verwandten schon dem Kind vermittelt; Umarmungen, Küsse, Komplimente, in ihrer Familie: undenkbar.

In der Satmar-Gemeinde wird jedes Verhalten penibel beobachtet und kommentiert. Mit abwertenden Blicken, verächtlichen Mienen, mit leisen und lauten Worten gibt jeder ungefragt kund, was er für Verstöße gegen das jüdische Gesetz hält. Denn: „Ein einziger Fehltritt genügt, damit der Satan uns in den Abgrund reißen kann.“ Und doch erkämpft sich Deborah Feldman nach und nach Freiräume. Sie leiht oder kauft sich, eigentlich verboten, englischsprachige Bücher – die übliche Sprache in Schule und Alltag ist Jiddisch. So lernt sie als einzige ihrer Klasse frühzeitig Englisch und entdeckt ihren Sinn für literarische Texte und ihre Freude am Schreiben.

Ihre Gemeinde reagiert wütend und überheblich

Über Sexualität und Eheleben liegt ein Tabu. Sich vollkommen zu bedecken, vom Schlüsselbein bis zu den Knien, lernen schon die kleinen Mädchen. Als einzige Erniedrigung em­pfindet Deborah Feldman ihren ersten Besuch im Reinigungsbad vor ihrer Hochzeit. Dort steckt sie sich später auch mit Gürtelrose­viren an. Beängstigend der Beginn von Deborah Feldmans Ehe: Miteinander zu schlafen erweist sich als unmöglich. Beide haben keinerlei Vorstellung, wie Mann und Frau körperlich beschaffen sind. Angst und Panik verschließen ihre Körper. Und so wird innerhalb weniger Stunden ihre sexuelle Unfähigkeit zum Gesprächsthema des ganzen Umfeldes. Nach etlichen Arztbesuchen wird Deborah Feldman mit 18 Jahren dann doch schwanger. Ihr Mann geht fremd, schleppt fremde Bakterien an. Die Ehe scheitert, vor allem an der fehlenden Möglichkeit zu lieben.   

Buchtipp

 Foto: PR
Deborah Feldman: Unorthodox. Eine autobiographische Erzählung. Secession Verlag für Literatur, 319 Seiten, 22 Euro
Als junge Mutter löst sie sich, immer noch von Ängsten geplagt, von ihrem bisherigen Leben. Sie zieht aus Williamsburg fort, schreibt über ihr altes und neues Leben. Sie verkauft ihren Hochzeitsschmuck, um mit ihrem Sohn Isaak in Freiheit zu überleben. Ihre Gemeinde reagiert mit Wut, religiöser Überheblichkeit, bezichtigt sie der Lüge. Sie werde noch merken, was es heiße, die alten Sicherheiten aufzugeben, sagen sie. Und für jeden, der die Gemeinschaft verlasse, würden viele neue Mitglieder geboren.

Deborah Feldman schildert in ihrer Erzählung das Angst­­sys­tem der Gemeinschaft, ohne diese zu denunzieren. Ihr Blick und ihre Sprache sind ohne Hass, obwohl sie gute Gründe hätte, ihr heftige Vorwürfe zu machen. Akribisch und nüchtern beschreibt sie ihren Weg. Im März 2009 ist ihr klar: „Ich möchte nicht länger chassidische Jüdin sein.“ Heute ist sie 29 Jahre alt und lebt mit ihrem Sohn in Berlin.

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Lesermeinungen

"auf dem rasierten Kopf Perücken"

Kopftücher gehen auch. Im Übrigen rasieren nur wenige chassidische Frauen ihre Haare ab (andere orthodoxe jüdische Frauen natürlich sowieso nicht).