Übergriffe auf homosexuelle Flüchtlinge

Angriffe auf muslimische Schwule
Protest gegen Homophobie

Foto: Christian Mang / imago

Protest gegen Homophobie: Organisiert wurde diese Demonstration vom 18-jährigen homosexuellen Muslim Nasser El-Ahmad, der von seinem Vater und Verwandten wegen seiner Homosexualität entführt wurde und in den Libanon verschleppt werden sollte, um dort zwangsverheiratet zu werden.

Homosexuelle Flüchtlinge berichten von Übergriffen in Flüchtlingsheimen, auch durch Wachpersonal

chrismon: Seit Mitte 2015 haben sich in Berlin etwa 100 Flüchtlinge wegen ihrer sexuellen Orientierung ange­griffen gefühlt – und das gemeldet.

Jouanna Hassoun: Ja, und leider sind auch unter den Security-Männern und Übersetzern in den Flüchtlingsheimen einige homophob. Diese Mitarbeiter müssen schnell sensibilisiert werden, damit sie niemanden aufgrund seiner sexuellen Identität herabwürdigen.

Das sind meist Muslime, die hier aufgewachsen sind. Warum sind sie homophob?

Vielen fehlt die Aufklärung. ­Sie haben gelernt, dass Homosexualität eine Krankheit sei. Hinzu kommt, dass in religiö­sen Kreisen verbreitet wird, Homosexualität sei eine Sünde. Und wer damit aufwächst, kriegt das als Erwachsener schwer aus dem Kopf. Natürlich ergeht es nicht allen so. Auch bei uns im Lesben- und Schwulenverband engagieren sich viele muslimische Migranten ehrenamtlich.  

Der katholische Wohlfahrtsverband Caritas unterstützt Ihre Arbeit. Mus­limische Verbände und Gemeinden auch?

2013 haben wir eine Fachtagung mit dem Zentralrat der Muslime und dem Liberal-Islamischen Bund organisiert. Sobald es darum ging, Schwule und Lesben in den Gemeinden offen zu akzeptieren, war der Zentralrat nicht mehr interessiert. 2014 planten wir ein Gespräch von schwulen und lesbischen Muslimen mit anderen Muslimen in der Sehitlik-Moschee in Berlin. Aber dann mischte sich die Türkei ein, und wir mussten das Gespräch in einer Kirche führen – was wir als Heuchelei empfanden. Nur der Liberal-Islamische Bund erklärte öffentlich, warum Homophobie und Islam nicht vereinbar sind.

Viele homosexuelle Flüchtlinge sind erleichtert, dass sie kein Doppelleben mehr führen müssen – wie in ­ihren arabischen Heimatländern. Geht es ihnen wirklich besser in Berlin?

Sie führen nach wie vor ein Doppelleben, weil sie ihren Familien sehr eng verbunden sind und sie sie nicht ent­täuschen oder gar verlassen wollen. Viele muslimische Familien wissen, dass ihr Sohn schwul ist oder ihre Tochter lesbisch. Aber sie möchten nicht darüber sprechen.

Sind Sie eine gläubige Muslimin?

Ja. Und nach meiner Interpretation ist ­die freie Entfaltung eines Menschen dem Koran sehr wichtig. Man sollte nicht ­immer gleich alles eine Sünde nennen, was einem selbst nicht passt.

Drohen Ihnen Muslime?

Nein, die meisten Muslime ignorieren mich. Über Facebook melden sich aber fundamentalistische Christen, die mich bekehren wollen.

Jouanna Hassoun

Jouanna Hassoun betreut für den ­Berliner Lesben- und Schwulen­verband homo­sexuelle Flüchtlinge. Ihre Eltern flohen als palästinensische Flüchtlinge aus dem Libanon.   
Foto: PR

Information

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