Pfarrerin Katharina Staritz half Juden

"Zumutung für anständige Deutsche"
Katharina Staritz

Illustration: Marco Wagner

Katharina Staritz (1903–1953) war eine der ersten deutschen Pfarrerinnen. Jahrzehntelang kämpfte sie um dieses Amt

So deklarierte die SS das Engagement von Katharina Staritz für getaufte Juden. Sie wurde verhaftet, kam ins KZ – und wurde Pfarrerin

„Nur für Arier“ steht auf Schildern an Parkbänken, „Juden unerwünscht“ an ­Geschäften und Restaurants. Sie dürfen nicht mehr in Bussen und Straßenbahnen fah­ren, ihren Wohnort ohne Erlaubnis nicht verlassen. Für viele gilt Berufsverbot. Und dann, ab 1941, sind sie verpflichtet, öffentlich einen handtellergroßen gelben Stern zu tragen. Juden werden diskriminiert, sozial isoliert.

Selbst in den evangelischen Gemeinden hält dieses Denken Einzug. Wer jüdisch geboren ist und später getauft wurde, soll den Gottesdiensten fernbleiben. Für die jüdischen Gemeinden sind sie Abtrünnige, ihre eigene Kirche verachtet sie – das ist das Los der Konvertiten.

Als eklatantes Unrecht empfindet das die Breslauer Stadtvikarin Katharina Staritz. Sie verfasst im Herbst 1941 einen Brief an die Pfarrer der Stadt: „Es ­ist Christenpflicht der Gemeinden, sie nicht etwa wegen der Kennzeichnung vom ­Gottesdienst auszuschließen. Sie haben das gleiche Heimatrecht in der Kirche wie die anderen Gemeindeglieder und bedürfen des Trostes aus Gottes Wort besonders.“

Sie besorgt falsche Pässe

Katharina Staritz ist es gewohnt, selbstständig ihren Weg zu gehen. Ihr Vater, ein Studienrat, hatte Wert darauf gelegt, dass seine beiden Töchter die höhere Schule besuchen. Staritz studiert Theologie in Marburg, promoviert 1928. Sie ist eine der ersten Frauen in Deutschland mit einem Doktortitel in Theologie. Anschließend arbeitet sie als Stadtvikarin in Breslau. Frauen sind im Pfarramt zu dieser Zeit nicht vorgesehen. Sie verdient deshalb auch nur 75 Prozent dessen, was Pfarrer bekommen. Ihre Tätig­keit ist auf den Umgang mit Frauen und Kindern beschränkt.

Katharina Staritz gibt Unterricht für Taufbewerber, unter ihnen auch Juden. Sie übernimmt 1938 die Leitung der schlesischen „Kirchlichen Hilfsstelle für evangelische Nichtarier“, lernt viele Menschen kennen, die unter den Rassegesetzen der Nazis leiden. Immer mehr ­suchen bei ihr Rat und Hilfe. Die offizielle Arbeit des Büros geschieht zunächst mit Wissen der Geheimen Staatspolizei, doch Katharina Staritz’ Engagement geht weit über die Seelsorge hinaus: Sie organisiert Unterkünfte, besorgt falsche Pässe, unterstützt Juden und Christen mit jüdischen Eltern oder Großeltern bei der Auswanderung, die ab 1939 sonst kaum mehr möglich ist.

Mehr als hundert Menschen rettet ­Katharina Staritz vor dem Naziterror, anders als viele ihrer Pfarrerskollegen. Bis sie im September 1941 den erwähnten Rundbrief an die Breslauer Pfarrer verfasst und sich so klar gegen die staat­liche Linie stellt. Der Staat fordert die Kirchen auf, „geeignete Vorkehrungen zu treffen, dass die getauften Nichtarier dem kirchlichen Leben der deutschen Gemeinde fernbleiben“.  

Das KZ ruiniert ihre Gesundheit

Staritz’ öffentlicher Protest hat Folgen: Die schlesische Kirchenleitung suspendiert sie von ihrer Aufgabe in der Hilfsstelle, sie soll Breslau verlassen. Zwei ­Monate später erscheint ein Hetzartikel in der SS-Zeitung „Das schwarze Korps“, der ihre Haltung anprangert: „Wir zweifeln selbstverständlich nicht ­daran, dass jeder anständige Deutsche, möge er angehören welcher Konfession er wolle, nur Abscheu empfinden wird vor derartig unfasslichen Zumutungen.“

Die Konsequenz für Katharina Staritz: Verhaftung im März 1942, Deportation, „Schutzhaft“ – die Bevölkerung soll vor ihr geschützt werden. Über ein Jahr lang, bis Mai 1943, ist sie in Gefangen­schaft, zuletzt im Konzentrationslager ­Ravensbrück. Wieder zurück in Breslau steht sie unter polizeilicher Überwachung, darf nur unverfängliche Büroarbeiten er­ledigen und Einzelunterricht erteilen.  

Die Haft hat Katharina Staritz’ Gesundheit ruiniert. Sie leidet unter Krätze, bekommt Depressionen, Rückenprobleme. Anfang 1945 flieht sie mit Mutter und Schwester vor der näher rückenden Roten Armee nach Marburg. Ihre Ordination wird dort zunächst nicht anerkannt. Sie kämpft um die Gleichstellung mit ihren männlichen Kollegen, fordert ein Gemeindeamt mit vollem Auftrag für Predigt und Sakramentenverwaltung. Ihre Hartnäckig­keit zahlt sich aus. 1950 zieht sie nach Frankfurt am Main, wo sie als erste Pfarrerin der Evangelischen Landeskirche von Hessen und Nassau ins Beamtenverhältnis übernommen wird. Drei Jahre später stirbt sie mit 49 Jahren an Krebs.

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