Beratungsstellen für Prostituierte

Hilfe beim Ausstieg
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Foto: imago / epd-bild

Das Sperrgebiet im Hamburger Stadtteil St. Georg ist eine Beratungsstelle und Treffpunkt für Mädchen und junge Frauen, die sich prostituieren

Sie haben Schulden, psychische Probleme oder möchten einen Jobwechsel. Prostituierte kommen mit unterschiedlichen Sorgen zu Beratungsstellen. Viele wollen aussteigen, andere suchen den Einstieg

"Prostituierte haben dieselben Probleme wie andere Frauen auch", sagt Silvia Vorhauer, Beraterin in der Dortmunder Mitternachtsmission. Hinzu kämen bei den Prostituierten, die in die Dortmunder Mitternachtsmission kommen,Schuldgefühle und andere psychische Probleme aufgrund ihrer Arbeit. "Keine will das immer machen. Sie sagen: ‚Nur bis mein Mann Arbeit gefunden hat‘ oder ‚Bis die Schulden abbezahlt sind‘. Doch dafür verdienen sie nicht genug." Seit 1988 ist Vorhauer in der Dortmunder Beratungsstelle: "Es gibt nicht nur einen Grund, in die Prostitution zu gehen; es sind immer mehrere Faktoren."

Beratungsstellen

Ablauf der Beratung

"Bei erwachsenen Frauen geht es um ein selbstbestimmtes und eigenständiges Leben ohne Angst und finanzielle Sorgen", sagt Vorhauer. Bei der Dortmunder Beratung gibt es daher drei Bereiche: die Existenz sichern, das psychisch Erlebte aufarbeiten und eine Zukunftsperspektive erarbeiten. Gerade für den Punkt Existenzsicherung existiert ein spezielles Ausstiegsprogramm mit der Stadt Dortmund: "Früher war es auf den Ämtern immer eine Tortur für die Frauen, es gab von den Mitarbeitern unglückliche Äußerungen wegen der Prostitution. Jetzt sitzen bei der Stadt Angestellte, die extra für den Umgang mit Prostituierten geschult wurden", meint Vorhauer. Diese prüfen dann im ersten Schritt, ob den potentiellen Aussteigern Arbeitslosengeld 2 zusteht, ob die Wohnungsmiete angemessen ist und wie viele Schulden sie haben. Denn diese seien häufig ein Grund für den Einstieg in die Prostitution.

Eine Beratungsstelle, geknüpft an ein Zusatzangebot, bieten Café La Strada (für weibliche Prostituierte) und Café Strichpunkt (für männliche Prostituierte). "In beiden niederschwelligen - also leicht erreichbaren - Cafés bieten wir eine ärztliche Sprechstunde an, in der sie sich untersuchen lassen können. Fast 100 Prozent sich nicht krankenversichert, die Osteuropäerinnen haben häufig keine Meldeadresse, sind nicht registriert", berichtet Sabine Constabel, Beraterin und Koordinatorin der Cafés.

Vor Ort gibt es gratis Kaffee und Essen. Die Prostituierten hätten dafür nicht das Geld und lebten häufig in den Bordellen ohne Kochmöglichkeit. "Es ist wichtig, die Prostituierten mit dem zu erreichen, was sie brauchen." Hinter den Anlaufstellen für männliche und weibliche Prostituierte steht eine Trägerkooperation aus Caritasverband Stuttgart, Aidshilfe Stuttgart, Gesundheitsamt, Verein zur Förderung von Jugendlichen mit besonderen sozialen Schwierigkeiten und Stadt Stuttgart.

Einen Schutzraum für männliche Prostituierte, auch Stricher genannt, bietet das BASIS-Projekt in Hamburg. "In der Anlaufstelle können sie essen, duschen, ihre Sachen lagern und spielen", erklärt Berater Gerhard Schlagheck. Er hilft, Formulare auszufüllen oder einzukaufen. Falls die Stricher keine Kleidung mehr haben, bekommen sie dort welche.

Wie viele Prostituierte gibt es?

Zuverlässige Zahlen gibt es dazu nicht. Die fehlende Meldepflicht, illegale Zwangsprostitution und der häufige Ortswechsel der Prostituierten machten eine genaue Zahlung schwer. Die Beratungsstelle Hydra geht von 400.000 Prostituierten aus, 6000 bis 8000 davon in Berlin. Andere Schätzungen sind niedriger. 

Mehr als die Hälfte der Prostituierten komme laut Familienminsiterium aus dem Ausland, vor allem aus Osteuropa.

Zehn Prozent der Menschen in der Prostitution seien Männer. Andere Schätzungen gehen von einem Drittel aus.

Auch ein Arzt ist ein Mal die Woche vor Ort. "Die HIV-Prävention und die Gesundheit stehen im Vordergrund", sagt Schlagheck. Dafür gehen die Berater zwei Mal pro Woche abends und nachts in Pornokinos, Bars und zu den typischen Stricher- und Freier-Plätzen, um dort gratis Kondome und Gleitmittel zu verteilen. Diese Straßenarbeit - mit Strichern und Freiern - ist wichtig, um zum Gespräch über Probleme und einen möglichen Ausstieg einzuladen.

Diese "aufsuchende" Arbeit leistet auch der Sozialdienst katholischer Frauen. "Wir gehen in Clubs und Bordelle, haben dauerhaft Kontakt zu den Frauen auf dem Kölner Straßenstrich Geestemünderstraße", sagt Geschäftsführerin Monika Kleine. Eine sehr intensive Beratung gebe es in ihrem Projekt RAHAB. Dort können Prostiuierte ihre finanzielle Situation und ihre Bewerbungsunterlagen besprechen. Ob es die Prostituierten abschrecke, dass die Beratungsstelle katholisch sei? "Nein", sagt Kleine: "Es gibt schon immer viele christliche Träger in der Prostituiertenhilfe. Uns gibt es seit 1899, da sind die Frauen nicht verwundert."

"Wir helfen niemandem, der nicht will und wir kommen nicht zum Missionieren", beschreibt Huschke Mau ihre Arbeit als Beraterin bei SISTERS, die je nach Situation emotionale Unterstützung oder Hilfe mit der Krankenversicherung bieten. "Deutsche Escortfrauen wollen häufg aussteigen, haben aber im Escort so gut verdient, das sie sich diesen Lebensstandard dann nicht mehr leisten könnten."

Der Ausstieg

"Wir hören zu. Niemand muss erklären, wieso er nicht mehr kann. Das kennen wir", erklärt Huschke Mau, die früher selbst Prostituierte war. "Die Prostitution ist ein verletzender sexueller Missbrauch, die traumatisiert mit Gewalt durch den Freier." So würden laut Mau neun von zehn Prostituierten sofort aussteigen wollen, empfänden aber Angst, Scham und Ekel. Denn irgendwann setze der Selbstschutzmechanismus aus. So brauche eine Prostituierte für den Ausstieg häufig mehrere Anläufe, sagt Mau.

"Wir geben den Frauen viel Zeit", berichtet auch Fabienne Zwankhuizen, Beraterin bei TAMARA. Denn es sei sowohl ein organisatorischer als auch ein psychischer Ausstieg. "Sie sind viele Jahre in der Prostitution gewesen und haben die anderen Frauen als ihre Familie angesehen. Diese Familienmitglieder gehen jetzt verloren", erklärt sie. Prostituierte würden zwar gerne raus aus dem Milieu, könnten es aber nicht: "Die Frauen aus Rumänien können sich den Luxus auszusteigen, nicht leisten, weil sie für ihre Familie Geld benötigen." Geschäftsführerin Monika Kleine vom Sozialdienst katholischer Frauen fügt hinzu: "Die Frauen wollen ihre Anonymität wahren. Das Problem beim Ausstieg ist, dass das die einzige Szene war, in der man ganz ohne Lügen offen Prostituierte war."

Auch die Regierung erprobte Beratungsstellen und mögliche Angebote erprobt. Im Modellprojekt "Unterstützung des Ausstiegs aus der Prostitution" unterstützte das Familienministerium von 2009 bis Ende 2014 drei Projekte in Berlin, Nürnberg, Freiburg und Kehl: DIWA, OPERA und PINK. Dabei zeigte sich: Nur ein Teil der Prostituierten wollen Unterstützung und Beratung für einen Ausstieg. Die Angebote dafür müssten aber leicht nutzbar sein und zu Zielgruppe passen. Außerdem wichtig: die Frauen und Männer wollen nicht stigmatisiert, sondern als ein Teil der "normalen" Welt wahrgenommen werden. Mehr Infos, hier. Grundsätzlich sei es aber die Aufgabe der Bundesländer und Kommunen für die finanzielle Absicherung und die Unterstützungsangebote zu sorgen.

Der Einstieg

Doch nicht nur Frauen, die aus der Prostitution aussteigen wollen, kommen zu den Beratungsstellen. Einige suchen Hilfe für den Einstieg. "Wir biete auch eine Orientierungsberatung an und klären auf, was es bedeutet, in die Prostitution zu gehen. Wir besprechen mit den Frauen ihre Motivation und wie weit sie gehen wollen", sagt Simone Wiegratz, Leiterin der Beratungsstelle Hydra Berlin. Dabei variiere die Intensivität von "Nur ein Date im Monat" bis "regelmäßig als Prostituierte arbeiten". Kontakte in die Bordelle und zu den Freiern gebe die Beratungsstelle aber nicht. Im Fokus stehe die Frau und ihre Fragen.

 Silvia Vorhauer, Sozialarbeiterin im Arbeitsbereich "Bordellartige Betriebe" Dortmunder Mitternachtsmission e.V. Foto: Privat

Männliche Prostituierte

Die Stricher unterscheiden sich in zwei wesentlichen Punkt von ihren weiblichen Kolleginnen: Sticher sind meistens jung und prostituieren sich nur bis zu einem gewissen Alter, etwa um die 30. "In der Schwuleszene gibt es das weit verbreitete Ideal für junge Männer Bei Frauen ist das anders: Die bleiben viel länger dabei, es gibt sogar Zulauf ab 60 Jahren", sagt Schlagheck. In der Regel kommen zu männlichen Strichern auch männliche Freier.

Meinungen zum "Prostitutionsschutzgesetz"

Seit 2002 ist Prostitution legal (ProstG). Ab 2017 könnte das Prostitutionsschutzgesetz (ProstSchG) in Kraft treten, das schon jetzt auf harte Kritik in der Szene trifft.

Als "reine Schikane" bezeichnet Fabienne Zwankhuizen von der Beratungsstelle TAMARA das geplante Gesetz. "Keine Berufsgruppe wird so eingeschränkt, wie die Prostituierten, mit einem extra Steuergesetz und Sonderparagraphen", kritisiert Zwankhuizen. Der Entwurf sieht eine Anmeldepflicht mit Anschrift und Bild vor. "Wir befürchten, dass das viele Frauen nicht tun, aus Angst sich outen zu müssen. Dadurch werden sie nicht geschützt, sondern in die Illegalität getrieben und wir können sie dann nicht mehr erreichen", meint Silvia Vorhauer von der Dortmunder Mitternachtsmission. Außerdem hätten einige Prostituierte aus Geldmangel keine Wohnung, also auch keine Meldeadressen.

Im neuen Gesetz soll auch eine Pflichtuntersuchung stehen. "Von der werden Obdachlose dann auch nicht erreicht. Denn dafür muss man angemeldet sein", meint Schlagheck. Vorhauer: "Der Zwang einer verpflichtenden Beratung für die Gesundheit ist nicht gut. Das muss anonym bleiben." Constabel sieht das anders: "Wenn eine Osteuropäerin einen Bruch hat, wird sie eventuell nicht behandelt, wenn es nicht akut lebensgefährlich ist. Häufig ruft ein Zuhälter die Prostituierte zu sich, bevor sie behandelt werden kann. Durch die Untersuchungspflicht ändert sich das."

"Das Hilfesystem muss ausgebaut werden, eine stärkere Kontrolle der Bordellbetriebe wäre gut. Die Registrierung und Zwangsberatung von Prostituierten lehnen wir ab", ergänzt Monika Kleine, Geschäftsführerin beim Sozialdienst katholischer Frauen Köln.

Ob es sinnvoll wäre, die Prostitution wieder zu verbieten? Nein, findet Vorhauer: "Prostitution ist eine soziale Realität und wird es immer geben. Der Kunde fragt nach und durch ein Verbot verschwindet er nicht, sondern das verschlechtert die Situation. Denn die Illegalität bietet Raum für Erpressung und wer im Dunkeln arbeitet ist nicht geschützt."

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Lesermeinungen

Sehr geehrte Frau Daher,

herzlichen Dank für den ausführlichen Bericht über die Arbeit der Beratungsstellen für Prostituierte. Prostitution findet nicht nur in den großen Städten Berlin, Frankfurt, Hamburg oder Dortmund statt, sondern auch in ländlichen Regionen Deutschlands. Hier gibt es - anders als in den großen Städten - aber kaum ein Beratungsangebot für Sexarbeiterinnen. Dem begegnet die Evangelische Frauenhilfe in Westfalen e.V. für die ländlichen Regionen Ostwestfalen-Lippe mit der Beratungsstelle Theodora (www.theodora-owl.de) und Südwestfalen mit der Beratungsstelle Tamar (www.tamar-hilfe.de). Es wäre schön, wenn Sie unser Beratungsangebot noch in ihre interaktive Karte aufnehmen und verlinken könnten.