Radikale Christen in Deutschland

"Sie sind zornig, das ist gefährlich"

Foto: epd-bild/Guido Schiefer

Warum der Hass in bürgerlichen Kreisen salonfähig wird – und warum Christen davor nicht geschützt sind
Deutschland spricht 2019

chrismon: Wie groß ist die neue Rechte in Deutschland?

Liane Bednarz: Forscher schätzen das rechtspopulistische Potenzial seit Jahren auf 15 bis 20 Prozent. Auch mit Blick auf eigene Erlebnisse fürchte ich, dass es mittlerweile größer ist.  

Was waren das für Erlebnisse?

Ich bin eine liberal-konservative Christin und bin zum Beispiel gegen Abtreibung und für den Zölibat. Aber ich akzeptiere, wenn jemand das anders sieht. 2011 trat ich aus der evangelischen Kirche aus, sie war mir zu links. Ich suchte nach einer strengeren Glaubensausrichtung und war angetan von Matthias Matusseks Buch "Das katholische Abenteuer". Also schloss ich mich konservativ-katholischen Kreisen an. Mir fiel nach einiger Zeit auf, dass viele Leute dort einen Opferjargon pflegten und agitierten: Die Mainstream-Medien verzerren die Wirklichkeit und haben sich gleichgeschaltet, die Gutmenschen beherrschen mit ihrer politischen Korrektheit die Sprache, die Homolobby betreibt einen Gender­wahn, um die Gesellschaft umzuerziehen, es droht eine Islamisierung. Als ich diese Haltung öffentlich kritisierte, wurde ich zu einer Persona non grata. Seitdem hat sich Szene noch stärker radikalisiert.

Worin sehen Sie die Ursachen?

Teile des konservativen Bürgertums sind politisch heimatlos, sie fühlen sich von der Merkel-CDU nicht vertreten. Die Finanzkrise ­löste Abstiegsängste aus. Viele suchen deshalb nach Feindbildern – dazu gehören auch Migranten. Für den eigentlichen Tabubruch sorgte Thilo Sarrazin. Sein Buch "Deutschland schafft sich ab" wurde seit 2010 über 1,5 Millionen Mal verkauft. Sarrazin betrieb eine Enthumanisierung. Er meint, dass immer neue Kopftuchmädchen produziert würden – als wären sie Sachen! Heute bezeichnen Neurechte die Flüchtlinge hemmungslos als Invasoren oder als Migrations­waffe. Mit der Flüchtlingskrise verbreiteten sich völkische Ideen bis in die bürgerliche Mitte. So stellte Alexander Kissler, Ressortleiter beim Magazin "Cicero", kürzlich die Frage, ob eine "fundamentale Veränderung des Staatsvolks" im Gange sei. Laut Grundgesetz ist eine kulturelle Identität aber gar nicht wichtig für die Staatsbürgerschaft. Deutscher ist, wer Staatsbürger ist – Punkt.

"Frappierend ist der Mangel an Empathie radikaler Christen"

Katholiken und Protestanten müssten doch immun sein gegen solche Ideen, das Christentum ist international.

Das trifft sicher auch auf die meisten zu. Aber viele radikale Christen sehen sich im Besitz der Wahrheit – auch politisch. Deswegen ist die AfD mit ihrem Slogan "Mut zur Wahrheit" so attraktiv für diese Leute. Wenn Bischöfe ihrer Sichtweise nicht folgen, werden radi­kale Christen schnell antiklerikal. Kardinal Marx ist für Rechts­katholiken ein Feindbild. Genauso wie der Kölner Erzbischof Woelki, seitdem der Dom verdunkelt wurde, als der örtliche Pediga-Ableger dort demonstrierte. Frappierend ist der Mangel an Empathie. ­Radikalen Christen geht es nicht um Barmherzigkeit und Nächstenliebe. Sie wollen ein autoritäres Weltbild durchsetzen und inter­pretieren dieses Weltbild in die Bibel hinein, statt sich an dem zu orientieren, was in der Bibel steht. Was Jesus über Flüchtlinge sagte, ist ja eindeutig.  

Gibt es Radikale auch in evangelischen Milieus?

Es gibt sie unter den Evangelikalen. Aber wieder andere Evangelikale grenzen sich klar von rechtspopulistischem Gedankengut ab. In der sehr konservativ-katholischen Szene dominiert diese Denkrichtung dagegen. Rechtspopulisten gibt es aber nicht nur unter radikalen Christen, sondern auch unter säkularen Bürgern.  

Ihr Buch heißt "Gefährliche Bürger". Worin besteht die Gefahr?

Sie sind zornig, in der Minderheit zu sein. Diese Wut führt zu einer Rhetorik des Widerstands. Rechtspopulisten und Neurechte ins­zenieren sich als Opfer von "Lügenpresse" oder "Lückenpresse", Altparteien und Regierung. Sie alle hätten sich angeblich vom Volk entfernt. Es ist gefährlich, wenn Teile der Bevölkerung glauben, man müsse die Regierung aus dem Amt jagen, weil sie das eigene Volk betrüge und abschaffen wolle. Der Rechtsintellektuelle Götz ­Kubitschek hat ein Gutachten eines Juristen veröffentlicht, Tenor: Unter Berufung auf das Widerstandsrecht des Grundgesetzes seien sowohl Busblockaden vor als auch die Kappung von Strom- und ­Heizungsleitungen zu Flüchtlingsunterkünften "wohl gerechtfertigt". Was in Clausnitz geschah, kam also nicht von ungefähr. Die Sprache des Notstands streut inzwischen bis weit in die Mitte. Auch Horst Seehofer redet ja von der Herrschaft des Unrechts.

Was kann man dagegen tun?

Ohne das Internet wäre die neurechte Szene nie so groß geworden. Also muss sich die Zivilgesellschaft viel stärker in den sozialen Netzwerken einbringen. Die Bürger müssen dort erklären, warum Begriffe wie Widerstand gefährlich und unangebracht sind. Ich wünsche mir zudem große friedliche Demonstrationen aus der bürgerliche Mitte mit der Botschaft: Wir wollen keinen Hass.

Leseempfehlung

Wir schaffen das. Irgendwie. Aber wie reden wir mit denen, die anderer Meinung sind?
Frauke Petry und Donald Trump zielen mit Provokationen auf Wählerstimmen
Politische Hassreden lassen sich mit dem Christentum nicht vereinbaren

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Lesermeinungen

Im Interview kommt der Eindruck auf, als wären die konservativen Christen die radikalen. Aus meiner Sicht ist das Gegenteilige der Fall: Als radikal würde ich diejenigen bezeichnen, die sich - angeregt durch die herrschende und durch den Mainstream verbreitete gesinnungsethische Ideologie der Elite - für eine kompromisslose Umsetzung der freien Zuwanderung einsetzen und undifferenziert von "Flüchtlingen" sprechen, und somit das laufende Sozialexperiment der Regierung als eine Art Herstellung des Gottesreiches betrachten. Zu ihren Merkmalen gehört auch, dass jedwede Kritik als Ausdruck des "Hasses" (dis)qualifiziert und somit von vornherein verunmöglicht wird. Konservative Christen hingegen stehen mehr auf dem Grund der Realität, sehen die Problematik und die Grenzen des Sozialexperimentes, seine negative Seiten durchaus auch für die Migranten, und betonen gleichzeitig, dass die Belange: die Sorgen, die Ängste und der Wille der indigenen Bevölkerung Europas nicht unberücksichtigt bleiben dürfen, weil es sonst binnen kürzester Zeit zu gewaltsamen Auseinandersetzungen in den Gesellschaften Europas kommen wird.

das Christentum ist nicht international, wie Sie schreiben. Die Bibel ist voll mit sehr völkischen Gedanken. Zwar hat sich Paulus gegen Petrus durchgesetzt und das Evangelium in die Welt getragen, aber den Mythos des auserwählten Volkes hat auch er bewahrt. Auch geschichtlich waren die Kirchen meistens Nationalkirchen und im Bemühen der ev. Landeskirchen, weiterhin Volkskirche zu sein, findet sich das bis heute.
Die Internationalisierung der Kirche im ökumenischen Sinne ist eine theologische Idee, die aber für die meisten Gemeindemitglieder irrelevant ist.
Es ist also nicht so einfach. Die Kirche wird lernen müssen, dass durch die Überreizung der Globalisierung an vielen Orten eine Gegenbewegung entstanden ist und dass die Weltsicht unserer Kirchenleitungen, die in den 80er Jahren wohl richtig war, sich ändern muss. Die Vielfalt der biblischen Überlieferungen wird uns dabei helfen - oder wir fallen aus der Zeit und die Menschen verlassen uns.

1. Gehören Christen auch den "bürgerlichen Kreisen" an, also , wer ist wer ?
Das Unbehagen machte auch im Dritten Reich aus guten Nachbarn Feinde. Was beabsichtigen die Autoren mit solcher Überschrift ? Mir kommt " ein Generalverdacht" .
Es ist eine äußerst PRIMITIVE Methode, mit welcher man hier die Diskussion am laufen halten will.
Aus diesem Grunde ist diese Zeitschrift für mich verpönt. Gute Information sieht anders aus. Auch wenn ein Kern Wahrheit vorhanden ist, so rechtfertigt hier das Ziel nicht die Mittel.
Es klingt alles so bösartig, jeder will jedem " ans Leder " .

Vielen Dank für dieses Interview. In der Auseinandersetzung mit fundamentalistischen Christen stoße ich immer wieder an die Grenzen der Kommunikationsmöglichkeiten. Meine Versuche, mit solchen Menschen ins Gespräch zu kommen, scheitern immer wieder an der Panzerung dieser Menschen. Ich bleibe bewusst höflich, werde aber dennoch beschimpft und beleidigt und mir wird mein Christsein abgesprochen. Ich kenne das aus meiner Kinderzeit. Wenn wir Kinder im Spiel aufeinander wütend waren, haben wir uns die Finger in die Ohren gesteckt und laut "la, la, la..." gesungen, um den anderen nicht mehr hören zu können. Hier haben wir es zwar mit Erwachsenen zu tun. Aber die Bereitschaft zuzuhören und auch mal neu nachzudenken, geht gegen Null. Ich bin sehr ratlos, wie es mit dieser Bevölkerungsgruppe weitergehen wird.

Liebe Frau Buck, besten Dank für Ihren Kommentar. Mir ist es oft ebenso gegangen. Ich wurde von vielen radikalen Christen wegen meiner sachlichen Kritik an ihrer Haltung und ihrem Denken in Feindbildern beschimpft und beleidigt. Ein Diskurs war unmöglich. Das Weltbild ist so verfestigt, dass viele dieser Leute auf Widerspruch mit purer Feindseligkeit reagieren. Mir geht es mit meinen Texten und Interviews darum, moderate Christen darüber aufzuklären.

Danke für dieses Interview. Leider hatte ich auch schon mit solchen radikalisierten Christen zu tun, als mein Coming out erfolgte oder als ich mich auf eine Pfarrstelle neu bewarb. Ich finde es gut, dass die Mehrheit in unserer evangelischen Kirche anders denkt und hoffe, es bleibt auch so. Wir brauchen keine neuen Feindbilder, sondern mehr Barmherzigkeit und Menschlichkeit in unserer Gesellschaft. Mehr dazu in meinem Blog (www.aufwind2012.wordpress.com/2013/12/16/ichdystonie-gelebte-toleranz-un...)