Frauenbilder im "deutschen" Islam

"Sie beleidigen, bespucken und begrapschen uns"
Muslimische Frauen in Berlin-Neukölln

Murat Tueremis/laif

"Permanente Lustobjekte"? Muslimische Frauen, hier in Berlin-Neukölln

Reaktionäre Verbände und Moscheevereine beanspruchen die Deutungshoheit über den Islam. Und sie bringen junge Männer dazu, sich gegenüber Frauen verächtlich zu verhalten, klagt die Berliner Journalistin Güner Yasemin Balcı. Sie plädiert dafür, die Vielfalt unter den Muslimen zur Kenntnis zu nehmen und die Liberalen zu stärken

In einer Predigt forderte der Imam ­Yakup Tasci aus Berlin-Kreuzberg ­seine Gemeindemitglieder auf, sich von den „übel riechenden“, „stinkenden“ Deutschen fernzuhalten. Das war schon 2004. Damals sorgten türkische Männer dafür, dass ­diese Hasspredigt mir in die Hände kam und im ZDF ausgestrahlt werden konnte.

Tasci klagte dagegen. Er wollte es nicht hinnehmen, ein Hetzprediger genannt zu werden. Doch das Berliner Oberverwaltungsgericht befand, dass einige seiner Äußerungen über Deutsche nicht durch das Grundrecht auf Meinungsfreiheit gedeckt waren.

Der Imam war damals bereits vom Verfassungsschutz beobachtet worden. Die Hasspredigt war nicht sein erster Fehltritt. Bei einer öffentlichen Kundgebung hatte er den islamistischen Märtyrertod gepriesen. Tasci wurde ausgewiesen, und ich erhielt aufgrund der Berichterstattung meine erste ernstzunehmende Drohung. Besser gesagt, mein Bruder erhielt sie. Denn für viele erzkonservative muslimische Männer gilt: Eine Frau ist kein vollwertiger Mensch und somit auch kein Ansprechpartner auf Augenhöhe. 

Die 33 Moscheedurchsuchungen in­folge des Fernsehbeitrags wurden mir persönlich angerechnet. Einige Tage danach umzingelten mehrere fremde Männer meinen Bruder auf der Straße. Sie legten ihm nahe, sich besser um seine Schwester zu kümmern, sonst täten sie es. – Der deutsche Kollege, mit dem ich den Beitrag gemeinsam gemacht hatte, blieb außen vor.

"Wenn die Frau ausgeht, reckt der Teufel den Kopf nach ihr"

Außer mit Beleidigungen gegenüber Deutschen war der Imam Yakup Tasci damals noch mit etwas anderem hervorgetreten, was jedoch niemanden interessierte: mit regelmäßigen Ausführungen zur Rolle der Frau im Islam. Er forderte die Männer seiner Gemeinde immer wieder auf, ihre weiblichen Familienmitglieder zu kontrollieren, ihnen bis zur Ehe jeglichen Kontakt zum anderen Geschlecht zu verbieten und sie ständig daran zu erinnern, was ihre Aufgabe sei: dem Mann zu gehorchen. 

Güner Yasemin Balcı

Güner Yasemin Balcı, 1975 in Berlin geboren, ist als Kind alevitischer Einwan­derer aus der Türkei im deutschen Hauptstadtteil Neukölln aufgewachsen. Sie arbeitet als freie Autorin und Fernsehjournalistin.
Foto: Privat
„Das Buch der Ehe“ des islamischen Gelehrten Abu Hamid al-Ghazali wurde vor 900 Jahren verfasst und zählt zu den wichtigsten Werken der orthodox-islamischen Tradition. Es gilt bis heute, auch bei vielen Imamen in Deutschland, als richtungs­weisend, wenn es um das Verhältnis zwischen Mann und Frau geht. Da heißt es:

„Der Mann hat von der Frau Folgendes zu beanspruchen: Wenn er sie begehrt, darf sie sich ihm nicht versagen, auch wenn sie auf dem Rücken eines Kameles säße . . . Ferner darf sie ohne seine Erlaubnis nicht ausgehen; wenn sie es dennoch tut, so verfluchen sie die Engel . . . Wenn die Frau ausgeht, reckt der Teufel den Kopf nach ihr . . . Die Frau hat neun Blößen, ­eine davon bedeckt der Mann, wenn er sie heiratet, und alle zehn das Grab, wenn sie gestorben ist“ (zitiert nach Al-Ghazali: Das Buch der Ehe, übersetzt und kommentiert von Hans Bauer, Spohr-Verlag 2005).

Jahrzehntelang hat es niemanden interessiert – bis Silvester in Köln

Lehren wie diese verstärken kulturell bedingte archaische Rollenmuster. Durch sie fühlen sich junge Männer aufgefordert, Frauen in zwei Kategorien einzuteilen: Huren und Heilige. Stets sollen sie sexuell verfügbar sein – dem Mann auf der Straße oder dem eigenen Ehemann.

Dazu passt, dass in konservativen muslimischen Milieus eine klare Geschlechtertrennung herrscht. Jungen und Mädchen pflegen spätestens ab der Pubertät keine Freundschaften mehr. Auch sonst wird in allen Lebensphasen und -bereichen darauf geachtet, dass nur zusammenkommt, wer nicht gleich unter dem Verdacht steht, bei der erstbesten Gelegenheit „Unzucht zu treiben“.

Die Frau als solche gilt in diesen Kreisen als Sünde, ihr Körper als ein permanentes Lustobjekt. Er muss kontrolliert, reglementiert und in seiner Freiheit beschränkt und bedeckt werden. Schon kleine Mädchen werden in dieser Vorstellung erzogen. Wie oft habe ich verschleierte Mütter erlebt, die ihren kleinen Töchtern verboten, breitbeinig in der U-Bahn zu ­sitzen, weil es für ein Mädchen eine Schande sei, ihr „Da-unten“ so zur Schau zu stellen. Die Forderung libe­raler Muslime, dass Männer und Frauen in Moscheen gemeinsam beten dürfen, mag für ­Außenstehende harmlos klingen. Doch reaktionäre Islamvertreter sehen darin wegen genau dieser frauenfeindlichen Sexualmoral einen Angriff auf ihr Selbstverständnis.

Erst seit den sexuellen Übergriffen während der Silvesternacht in Köln erkennt man in Deutschland, dass die kulturellen und religiösen Hintergründe der offenbar meist arabischsprachigen Täter bedeutender sind, als bisher vermutet, um die Taten richtig einzuordnen. Seither wird hierzulande offener über das Verhältnis deutscher Muslime zu Frauenrechten gesprochen. Dabei predigen reaktionäre Koranlehrer und Imame seit Jahrzehnten frauenverachtende Lehren, nur bisher hat das kaum jemanden interessiert. Der eingangs erwähnte Imam Tasci ist nur einer von vielen.

Unbekannte Facetten und Identitäten der Einwanderer

In Berlin-Neukölln, wo ich aufgewachsen bin, war es für ein Mädchen in den 1980er Jahren sehr schwierig, einen Freund zu haben. Doch der Einfluss konservativer türkischer Familien war noch begrenzt, sie waren wenige. Im selben Viertel wird ein Mädchen heute schon als Freiwild angesehen, wenn jemand sie mit einem Jungen sieht, wenn sie ein zu enges T-Shirt trägt oder in einer anderen Stadt studiert.

Mit der wachsenden Bedeutung konservativer Gemeinden und dem Zuzug arabischer Familienclans änderte sich vieles für die Jugendlichen im Viertel.

Auf Berlins Straßen sind es vornehmlich reaktionär muslimisch sozialisierte Männer, die Frauen spüren lassen, dass ihr Recht auf Selbstbestimmung enge Grenzen hat. Sie beleidigen, bespucken oder begrapschen Frauen, die ihnen nicht züchtig genug erscheinen, und sorgen so für ein Klima, in dem viele muslimische Mädchen schon zum Selbstschutz lieber gleich zum Kopftuch greifen.

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Dass aus Prüderie regelrechte Frauenverachtung wurde, mag viele Gründe haben. Fest steht, dass diese Entwicklung in unserem Viertel einsetzte, als die ersten arabischen Kriegsflüchtlinge Anfang der 1980er Jahre aus dem Libanon kamen. Mit ihnen wanderten starre Moralvorstellungen einer archaischen Gesellschaft ein. Diese Menschen hatten lange einen ungeklärten Aufenthaltsstatus, ihre Kinder wurden nicht beschult. Ihnen wurde nichts abverlangt, außer zu warten – und von Almosen in einer Gesellschaft zu leben, die kein Interesse hatte, diese Menschen als Bürger auf- und damit auch in die Pflicht zu nehmen. Die Kinder und Enkelkinder dieser Menschen sind ­heute empfänglich für die Heilsversprechen rückwärtsgewandter Islamvertreter, die sich mit ihren Vereinen und Gemeinden in jedem Migrantenviertel festgesetzt haben.

Hier wiederholt sich ein Fehler von früher: Von den Gastarbeitern, die Anfang der 1960er Jahre kamen, erwartete man nicht, dass sie eines Tages Bürger würden. Doch sie blieben – und bis heute interessieren sich die meisten Deutschen nicht besonders für ihre kulturellen und religiösen Eigenarten. Die vielen Facetten der Einwandereridentitäten kennt man in Deutschland kaum.

"Die meisten Muslime wollen nicht nach Frauen und Männern getrennt beten"

Fast alle großen Islamverbände ­stehen für einen reaktionären Islam, der sich nicht gerade die Erziehung des Menschen zu einem freien, selbstbestimmten Individuum auf die Agenda geschrieben hat. Die Vertreter dieser Verbände, die übrigens nur einen Bruchteil der in Deutschland lebenden Muslime repräsentieren, sind seit Jahren Ansprechpartner der ­Bundesregierung.

Für eine Studie des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge über „Mus­limisches Leben in Deutschland“ wurden 2008 etwa 6000 Personen aus 49 mus­li­misch geprägten Herkunftsländern befragt. Ein wichtiges Ergebnis dieser Studie: Weniger als 25 Prozent der in Deutschland lebenden vier Millionen Muslime fühlen sich von den Verbänden wirklich vertreten.

Die selbst ernannten Sittenwächter mit ihrem rückwärtsgewandten Islamverständnis sind ein Problem, das die ganze Gesellschaft betrifft. Doch geschadet haben sie bisher vor allem den weltoffenen Muslimen. Die große Mehrheit der Muslime in Deutschland findet sich in den Scharia-Regeln etwa der ­„Milli Görüs“-Bewegung nicht wieder. Auch nicht im ­islamistischen Menschenbild, das in vielen Moscheen gepredigt wird. Die meisten der Muslime wollen nicht nach Frauen und Männern getrennt beten. Sie möchten ihre Reli­gion privat leben, nach eigenem Ermessen. Sie wollen nicht, dass ein Imam ihnen vorschreibt, wie sie mit Andersgläubigen umzugehen haben, und welchen Regeln sie ihre Kinder unterwerfen sollen. Diese Mehrheit findet bisher wenig Gehör in der Öffentlichkeit.

Auch unter den Einwanderern paaren sich konservative bürgerliche Werte, wie der Wunsch nach Ordnung, Respekt und Sicherheit, mit einer Abneigung gegen Salafisten, gegen kriminelle arabische Clans, gegen reaktionäre Moscheevereine und gegen orthodoxe Koranlehrer. Dem ehemaligen türkischen Gastarbeiter ist sein deutscher Nachbar näher als die Flüchtlings­familie, die gerade aus der alten ­Heimat ankommt.

Weltweites Aufbegehren

Niemand will die Bewegungsfreiheit seiner Frau, Schwester oder Tochter einschränken, nur weil öffentliche Plätze vor­nehmlich von muslimischen Männern besetzt werden, die ihre Frauen nicht auf die Straße lassen. Genau das geschieht derzeit aber vor allem in der Nähe von Flüchtlingsunterkünften, wenn dort sunnitisch-­arabische Muslime untergebracht sind, denen man in ihrer Heimat schon als Kinder beigebracht hat, dass eine anständige Frau nicht allein auf die Straße geht.

Frauen fühlen sich im Freibad belästigt, wenn der Ehemann einer vollverschleierten Frau ihnen auf den Hintern starrt. Aber auch für den deutsch sozialisierten mus­limischen Mann, dessen Frau bisher selbstverständlich allein und im Bikini baden ging, ändert sich etwas. Andere Muslime stellen seine Männlichkeit infrage, weil er seiner Frau ge­stattet, ohne Ganzkörperbadeanzug schwimmen zu gehen, weil er sie den Blicken anderer Männer preisgibt und deswegen in ihren Augen ein Ehrloser ist. Und so droht sich die Gesellschaft schleichend zu verändern: Männer bestimmen mehr und mehr die ­Regeln, wie Frauen sich im öffentlichen Raum zu verhalten haben. Und die ultrakonservativen Sittenwächter ­bekommen Oberwasser.

Das ist die eine Entwicklung. Die andere ist für westliche Augen weniger sichtbar. Überall auf der Welt begehren Muslime gegen das menschenfeindliche Frauenbild des reaktionären Islams auf: Männer und Frauen in Ägypten, Saudi-Arabien und Tunesien. In Deutschland sind es Frauen, wie die alevitische Menschenrechtlerin und Publizistin Serap Çileli und die aus einer türkisch-kurdischen Familie stammende Anwältin Seyran Ates, es sind Männer wie der Freiburger islamische ­Theologe Abdel-Hakim Ourghi und der aus Israel stammende Psychologe Ahmad Mansour. Sie wissen, wie sich die Apartheid der Geschlechter im Alltag anfühlt. 

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Lesermeinungen

Es gab sehr viele kritische Stimmen zu den angesprochenen Themen, und die Befürchtungen scheinen sich zu bewahrheiten.
Und nun ?

"Jahrzehnte lang hat es niemanden interessiert..." Berechtigte Kritik ? Nicht berechtigte ?
Ich glaube nicht, dass das die angemessene Art ist, mit dem Thema umzugehen. Oder doch ?

"Das ist die eine Seite der Entwicklung. Die andere ist für westliche Augen weniger sichtbar. " Zu einfach. Die Augen westlicher Journalisten sind überall, behaupte ich schmeichlerisch.

Frau Güner Yasemin Balci beschreibt einen Ist Zustand , eine Welt die sich wandelt. Und eine neue Generation.
Die Versäumnisse sind etwas, mit denen auch die deutsche , ich muss wohl exakter beschreiben, die deutschstämmige Bevölkerung, und alle anderen, leben muss.
Überhaupt gäbe es zu diesem sehr vielschichtigen Thema sehr viel zu sagen.

Meine Frage an die Autorin:
Was ist Ihre Absicht ? Was wollen Sie erreichen, indem Sie dies schreiben ? Ja, "Sie plädieren dafür die Vielfalt der Muslime zur Kenntnis zu nehmen und die Liberalen zu stärken."

Mit anderen Worten : Sie plädieren für Toleranz. Das war stets mein Weg.
Doch der radikale Islam kann nicht toleriert werden, nicht einmal geduldet.
Ich kann mit meinen Beiträgen für Versöhnung streiten. Das ist, was ich tun kann. Ansonsten würde ich persönlich eine solch radikale Religion sofort verlassen.
Es empört mich, dass die beschriebenen Zustände in D. sich offensichtlich immer mehr ausbreiten, auch habe ich wenig Verständnis für den Kampf, der auf gesellschaftlicher Ebene geführt wird, ganz egal welcher Art.
Ich bitte nun meinerseits um Rücksicht für all diejenigen, die friedlich leben wollen.
Ich bitte um Rücksicht, Akzeptanz und Toleranz.