SOS-Kinderdorf in Berlin

Die Löwenmutter und ihre Jungen
Die SOS-Kinderdorf-Familie

Anne Schönharting/Ostkreuz

Die SOS-Kinderdorf-Familie, von links nach rechts: Mia (14 Jahre), Sandra (15) , Kinderdorfvater Andy Gaatz, Justin (8), Kinderdorfmutter Birgit Kramm, und Paul (15)

Doch, das gibt es: ein SOS-Kinderdorf – mitten in Berlin. Warum kümmert sich eine Frau um sechs Kinder, die sie nicht zur Welt gebracht hat? Szenen aus einer besonderen, aber auch ganz normalen Familie

Neulich hat ihr Achtjähriger sie gefragt: „Was hast du eigentlich für einen Beruf?“ Schließlich ist Birgit Kramm fast immer zu Hause. Worauf sie sagte: „Ich bin gelernte Erzieherin, und bei euch ar­beite ich als Kinderdorfmutter.“ Mutter von Beruf – wie muss man sich das vorstellen? Bedingungslose Liebe gegen Bezahlung? Butterbrote schmieren, Wäsche waschen und Schlaflieder singen als Vollzeitjob? Oder geht es hier, in die­ser ungewöhnlichen Familie mit sechs Kindern, zwei Hasen, einer Art Vollzeitmutter und einem Teilzeitvater um etwas ganz anderes?

„SOS-Kinderdorf­familien“ steht auf dem bunten Klingelschild am Vorderhaus in der Stephanstraße in Berlin-Moabit. Was viele nur in armen Ländern vermuten, gibt es schon seit 60 Jahren an verschiedenen Orten in Deutschland, meistens in ländlichen Gegenden, Dörfern eben. Das SOS-Kinderdorf in Moabit ist anders. Mitten in einem Stadtteil, wo vor ein paar Jahren noch in den Hausfluren mit Drogen gehandelt wurde und es bis heute viele Arbeitslose gibt, befindet sich die in Deutschland erste und bisher einzige innerstädtische Einrichtung eines SOS-Kinderdorfs. Vier Familien gehören dazu. Zwei wohnen im modernen Hauptgebäude des Vereins in der Waldstraße. Die anderen beiden Familien leben ein paar Häuserblöcke entfernt in einem ruhigen Hinterhof in der Stephanstraße, ein zweistöckiger Backsteinbau mit hohen Fenstern.

Vor zwölf Jahren zog Birgit Kramm in die damals frisch renovierte Erdgeschosswohnung. Sieben Zimmer, ein großer Wohn- und Essraum mit offener Küchenzeile, zwei Bäder. 220 Quadratmeter für Kinder, die ein neues Zuhause brauchten, weil sie nicht mehr bei ihren Eltern leben konnten. Kramm hatte zuvor als Erzieherin in einem Kindergarten in Moabit ge­arbeitet. Sie kannte den Kiez, die Familien hier. Und sie hatte es stets bedauert, ihre Zöglinge nach ein paar Jahren aus den ­Augen zu verlieren, wenn sie mit sechs in die Schule kamen. Aber dann gleich so einen Rund-um-die-Uhr-Hingabe-Job – wollte sie das? Sie hat damals lange überlegt, was die Stelle als Kinderdorfmutter für ihr Privatleben bedeuten würde: wenig Freizeit, wenig Raum für eigene Bedürfnisse. Und dann hat sie sich für die Kinder entschieden.

„Ich wollte, dass die Kinder an einem Ort aufwachsen können, wo sie sich sicher, geborgen und angenommen fühlen.“ Nach dem psychologischen Eingangstest für die Stelle wusste sie: Sie kann das. Sie ist so stark und innerlich gefestigt, dass sie den Kindern diese Sicherheit geben kann.

Kinderdorfeltern sind ausgebildete Pädagogen

Es gibt nicht viele Frauen, die sich auf so einen Job einlassen. Die Zusage des Vereins kam prompt. Damals sei alles sehr schnell gegangen, erzählt die 49-Jährige. Die Wohnung war gerade fertig, da sollten die Geschwister Mia, Paul und Kris­tina (alle Namen der Kinder sind geändert), damals zwei, drei und fünf Jahre alt, eigentlich erst mal nur zur Probe hier schlafen. Ein Jahr lang hatten sie mit ihrer Mutter in einem Mutter-Kind-Projekt gewohnt. Eine letzte Hilfe des Jugendamts, bevor die ­Kinder in Obhut genommen werden sollten. Als auch das scheiterte, bot sich die neu gegründete Kinderdorffamilie in der Stephanstraße an. Gerade für Geschwisterkinder ist diese Form der Inobhutnahme ideal, in Pflegefamilien finden sich selten auf Anhieb Kapazitäten für so viele Kinder auf einmal. „Schon nach der ersten Nacht bei mir fragten sie, ob sie gleich bleiben könnten“, sagt Kramm und lacht. „Ich war 37 und hatte auf einmal drei Kinder.“

Die Autorin

 Foto: Privat
Ariane Heimbach, Jahrgang 1965, gefiel in der Familie sehr, wie gut die Ge­schwis­ter aufeinander achtgeben.
Es ist Dienstagmorgen, zehn Uhr. Birgit Kramm sitzt auf dem breiten schwarzen Ecksofa, auf dem abends die ganze Familie fläzt, wenn der große Flachbildschirm an ist. Eine robust wirkende Frau mit einer energischen ­Stimme, in Jeans und Fleecepulli. Ihr Blick ist aufmerksam, anfangs ein wenig reser­viert – wie bei jemandem, der aufpasst, nicht zu viel preiszugeben. Eine Löwenmutter, die ihre Jungen schützen will. Ein langer Esstisch aus hellem Kiefernholz ­dominiert den Raum, der ansonsten sparsam eingerichtet ist und die Nüchternheit einer Jugendherberge ausstrahlt. Auf einem Regal stehen gerahmte Fotos der sechs Kinder, fünf Teen­ager, ein blonder Knirps. Zu den drei Kindern von damals kamen im Laufe der Jahre zwei weitere Mädchen hinzu, die heute 14 und 15 sind. Und vor sieben Jahren zog der Jüngste ein, der heute acht Jahre alt ist.

Birgit Kramm hat keine eigenen Kinder, und zurzeit hat sie auch keinen Partner. „Ich würde einen Lebensgefährten hier nur einziehen lassen, wenn ich mir sicher wäre, dass das Bestand hätte“, sagt sie. Und wenn sie sich verlieben würde? Dann wäre es vielleicht anders, räumt sie ein. „Aber es müsste jemand sein, der es aushalten kann, keinen ruhigen Feierabend zu haben, denn dann ist bei uns am meisten los.“ Als der Österreicher Hermann Gmeiner in den 50er Jahren die ersten SOS-Kinderdorf­familien in Deutschland gründete, war es für eine Kinderdorfmutter üblich, ohne Partner zu sein. Es waren damals vor allem Kriegswitwen, die sich um Kriegswaisen kümmerten. Allein Mutterliebe, so glaubte der Gründer, könne verletzte Kinderseelen heilen. Heute gibt es in den 123 Kinderdorffamilien in Deutschland eine Vielfalt an Familienmodellen: Mütter oder Väter, die als Paare oder allein in den Familien leben, die eigene Kinder mitbringen oder bekommen, und schwule und lesbische Kinderdorfeltern gibt es auch. Psycho­logen, Sozialarbeiter und Praktikanten unterstützen sie bei ihrer Arbeit. Durch diese Einbindung in ein Netz von Fach­leuten und die Nähe zu anderen Familien des „Dorfes“ unterscheiden sich Kinderdorffamilien von herkömmlichen Pflegefamilien. Hinzu kommt, dass die Kinderdorfeltern selbst ausgebildete Pädagogen und eben nicht nur Mütter und Väter sind.

Jetzt am Vormittag ist es ruhig in der Wohnung, nur eine Waschmaschine brummt im Hintergrund. Die Kinder sind in der Schule oder beim Praktikum. Es sind die Stunden am Tag, in denen Birgit Kramm einkauft, kocht, in ihrem Büro die aufwendigen Berichte und Dokumentationen für das Jugendamt erledigt und vieles andere organisiert – Termine bei Ärzten, Lehrern, Sportvereinen – und sich mit ihrem Team bespricht. Seit den Anfängen arbeitet sie mit dem Erzieher Andre Gaatz, 42, zusammen, der in der Familie die Rolle des Vaters übernimmt und an fünf Tagen in der Woche kommt. Heute hat er frei. Zweimal übernachtet er auch in der Wohnung, dann, wenn die Kinderdorfmutter frei hat und in ihrer Einzimmer­wohnung in der Nähe schläft. Ihr Refugium, wo sie „sich entspannt und Kraft tankt“, so Kramm. Außerdem wird sie von einer weiteren Erzieherin unterstützt, die mit den Kindern Hausaufgaben macht und mit anpackt, wo es nötig ist.

"Halbbrüder"? Geschwister!

Kinderdorfmutter sein bedeutet, dass man sich für ein Leben mit den Kindern entschieden hat. „Dass man morgens nicht weiß, was nachmittags passiert. Dass man für die Kinder da ist, sie können sich darauf verlassen.“ Auch außerhalb der Familie, wenn zum Beispiel in der Schule Konflikte zu lösen sind. Sechs Kinder. Da ist immer irgendwas. Anfangs, sagt Birgit Kramm, habe sie gedacht, sie müsse doch mal ­fertig werden, nicht immer drin sein in der Arbeit, etwas abschließen können. „Doch dann habe ich begriffen: Das ist Familie, da ist man nie fertig.“

Es ist dieser Satz, fast beiläufig geäußert, der vielleicht am besten erklärt, was Birgit Kramm an dieser Arbeit schätzt: die Möglichkeit, ein festes Band zu knüpfen, aus dem es so schnell kein Entkommen gibt. Etwas Verlässliches, Dauerhaftes zu ­schaffen, so schön und anstrengend wie Familie eben sein kann. Die meisten ihrer Kinder haben zuvor nie eine verlässliche Beziehung erlebt. Ihre leiblichen Eltern waren entweder überhaupt nicht da – oder kaum für ihre Kinder da. Nichts braucht ein Kind jedoch mehr als Aufmerksamkeit und positive Zuwendung.

Fast ihre ganze Kindheit leben Mia, Kristina und Paul inzwischen mit Birgit Kramm zusammen. Als sie klein waren, hat sie ihnen Gutenachtgeschichten vorgelesen und sie auf dem Arm getragen. Sie hat ihre Schultüten am ersten Schultag gepackt und an ihren ­Betten gesessen, wenn sie krank waren. Sie hat sie wahrgenommen in all ihrer Bedürftigkeit – vielleicht nicht jeden immer mit der­ ­gleichen Anteilnahme, aber nie, ohne ein Kind aus dem Blick zu verlieren. Jetzt sind sie Teen­ager und ein ziemlich wilder ­Haufen. Aber es gibt in dieser Kinderdorffamilie wahrscheinlich mehr Beständigkeit als in vielen anderen Familien.

Die Fotografin

 Foto: Privat
Anne Schönharting, 1973 geboren, fühlte sich bei ihren Foto­recher­chen ein wenig an ein WG-Leben erinnert.
Zwei Stunden später geht es in der Wohnung laut her. Auf dem Tisch stehen zwei große Töpfe mit Spaghetti und Bolognesesauce und eine Schüssel mit Salat. Nach und nach trudeln Justin, Mia, Paul und Sandra ein und machen sich über das Essen her – mit der Selbstverständlichkeit von Kindern, die bei sich zu Hause sind. Der Ton unter den Geschwistern ist rau, aber nicht verletzend. Es wird gepöbelt, gefoppt, doch für jedes Schimpfwort muss jeder 50 Cent in eine gemeinsame Kasse zahlen, darauf achten alle. Als der Kleinste die Ellbogen auf den Tisch stellt, ermahnt ihn sein großer Bruder, sich ordentlich hinzusetzen. Die beiden sind eigentlich Halbbrüder, aber alle bezeichnen sich in dieser Familie als Geschwis­ter, egal ob sie die­selben leiblichen Eltern haben oder nicht.

Paul, ein stiller 15-Jähriger mit breiten Schultern, hat an diesem Tag eigentlich Küchendienst, doch er versucht, ihn mit Mia, 14, zu tauschen. Ein schlagfertiges Mädchen mit langen glatten Haaren und einem offenen Gesicht, die ihrem Bruder sprachlich überlegen ist und das auch ausspielt. Sie hält ihn hin, sagt Ja, dann wieder Nein, mit der Folge, dass am Ende niemand den Tisch abräumt. Birgit Kramm schimpft. Die beiden sollen sich einigen. In das laute Geplänkel mischt sich nun der Kleinste ein, indem er um den Tisch saust, damit ihn endlich auch jemand bemerkt, bis die Kinderdorfmutter ihn ärgerlich vor sich herschiebt und mit ihm in sein Zimmer geht. Auch die anderen verziehen sich in ihre Zimmer. Die Teller und Töpfe bleiben erst einmal auf dem Tisch stehen. Kramm kommt mit grimmigem Gesicht zurück und geht auf die Terrasse, eine Zigarette rauchen.

Trotz Coolness spürt man die Angst vor Verlust und Trennung

Muss eine Kinderdorfmutter besser sein als eine normale Mutter? Muss sie sich besser beherrschen können, weil sie weiß, dass es oft die Wut auf die abwesenden Herkunftseltern ist, die das Verhalten der Kinder bestimmt? „Man braucht viel Empathie für die Kinder. Die haben Sachen hinter sich, die erfahren wir ein ganzes ­Leben nicht“, sagt Kramm müde. Sie räumt jetzt den Tisch ab, denn manchmal will sie nicht weiter kämpfen und gibt eben nach. „Aber man muss trotzdem handlungs­fähig sein. Nicht immer denken, das arme Kind, es kann doch nichts dafür, dass es so ist, wie es ist.“ Und auch wenn sie sich vielleicht besser unter Kontrolle hat als so manche überforderte Mutter, es gibt Situationen, da läuft es aus dem Ruder. Gerade jetzt: „Vier Kinder in der Pubertät, die alle in einer hormonellen Schieflage sind.“ Die auf einmal alles infrage stellen: wo sie herkommen, wohin sie gehören, die mal klammern, um sich dann wieder loszu­reißen. Mal fantasieren alle zusammen von einer Hochzeit in Weiß für Birgit Kramm oder freuen sich auf den nächsten gemeinsamen Urlaub mit ihr und Gaatz, dann wieder blaffen sich alle an und Türen knallen. Einmal, erinnert sich die Kinderdorfmutter, war sie bei einem Streit sehr verletzt und konnte ihre Tränen nicht zurückhalten. Woraufhin auch ihre eben noch zornige Große anfing zu weinen. Und dann lagen sie sich beide in den Armen. „Ich erwarte nicht immer, dass man sich nach einem Streit entschuldigt“, sagt Kramm. Oft reicht es ihr schon, wenn jeder zum Abendessen wieder auftaucht und freundlich ist. „Man muss in so einer besonderen Familie Abstriche machen, Erwartungen runterschrauben, die Grenzen der Kinder erkennen – und auch die eigenen.“

„Bei uns haben alle schon mal eine Verhaltenstherapie gemacht“, sagt Sandra so selbstverständlich, als würde sie über einen Reitkurs sprechen. Sie und ihre Geschwister wissen, dass sie keinen leichten Start ins Leben hatten, dass sie oft wüten­der, verzweifelter, trauriger sind als Kinder, die von Anfang an in Geborgenheit aufwuchsen. Die 15-Jährige sitzt im Schneidersitz auf ihrem Bett. Hochgebundener Pferdeschwanz, schwarze Leggings. Ein typisches Mädchenzimmer: türkis gestrichene Wände, Starposter, Kosmetika im Regal. Sandra teilt sich seit anderthalb Jahren den schmalen Raum mit Mia. Nur ein provisorischer Vorhang zwischen den Regalen trennt die beiden Zimmerhälften. Wenn sie still sind, können sie die andere atmen hören. Ob sie diese Nähe gut aus­halten? „Natürlich gibt es auch Zickenkrieg zwischen uns. Wir sind ja in der ­Pubertät“, sagt Mia, die jetzt ganz sanft und vernünftig wirkt. Vielleicht geben sich die beiden gerade auch Halt. Vor Mia schlief Klara mit in dem Zimmer, doch als es Stress gab, brauchte sie wie alle anderen einen eigenen Raum. Der steht gerade leer, denn Klara wohnt im Moment bei ihrer Mutter, mehr will dazu niemand sagen.

Den Mädchen wird zunehmend klar, dass es nicht immer so weitergehen wird mit der Familie. Die Älteste wird 18 und bald ausziehen. Und hinter dem Trotz und der Coolness der Teenager spürt man die Angst vor Verlust und Trennung. Mia träumt von einer Zukunft auf dem Land: „Wir alle zusammen mit Birgit in einem Haus.“ „Und wenn sie alt ist, pflegen wir sie“, ergänzt Sandra. Und ihre leiblichen Mütter, was ist mit denen? „Ich habe meine Mutter seit zwei Jahren nicht gesehen. Und hier besucht hat sie mich noch nie“, sagt Sandra. Sie blickt nach unten, während sie das erzählt. Dann richtet sie sich auf. „Aber es ist alles gut so. Das hier ist meine Familie.“ Mia hockt jetzt eng an sie gekuschelt neben ihr auf dem Bett. Auch sie sieht ihre Mutter selten. „Nur meine Oma kommt ab und zu vorbei.“

Selbstständiger als die Mitschüler

Die Eltern. Das Thema lässt auch die Erzieher seufzen. Eigentlich wird hier wie in allen Kinderdorffamilien die sogenannte „Erziehungs­partnerschaft“ mit den Herkunftseltern ganz groß geschrieben. Doch wenn auf die kein Verlass ist? Wenn sie ihr Kind erneut verletzen, weil sie zu ­Terminen nicht kommen, sich nicht ­melden, Versprechungen nicht halten? Dann müssen Kramm und ihre Mitarbeiter das zähneknirschend hinnehmen. Bei ihnen gebe es so gut wie keine Elternarbeit, weil sich alle Mütter und Väter zurück­gezogen hätten, erzählt sie. Aber niemals dürfen Birgit Kramm und ihre Kollegen schlecht über sie reden. Denn sie wissen: „Die Sehnsucht nach den Eltern ist da und wird immer da sein. Und egal, was die Eltern gemacht haben, wie sie sind oder wie sie waren, für die Kinder sind sie manchmal wichtiger als wir.“

Gegen 19 Uhr gibt es Abendessen. Es ist die einzige Zeit am Tag, wo möglichst alle am Tisch zusammensitzen. Der Kinder­dorfpapa Andre Gaatz ist spontan vorbeigekommen und isst mit. Ein jugendlich wirkender Mann in Ringelpulli und Jeans, auf den sich die Kinder stürzen. Erst kauert Mia auf seinem Schoß, dann vertreibt sie der kleine Justin, woraufhin sich Mia auf den Schoß der Kinderdorfmutter setzt. Zärtlich streicht sie dem Mädchen, das fast genauso groß ist wie sie, über den Kopf. Überhaupt wird in dieser Familie nicht nur laut gestritten, sondern auch ziemlich viel gekuschelt. Die Große, Kristina, in­zwischen 17, ist jetzt auch da. Sie ist mit der Schule bereits fertig und erzählt von ihrem Praktikum als Heilerzieherin. „Das macht mir großen Spaß. Ich möchte einmal mit Kindern arbeiten“, sagt sie. Paul erzählt, dass er seine Deutscharbeit verhauen hat. Manchmal drückt er sich nicht korrekt aus, was die sprachfertige Mia ihm gleich vorhält.

Die meisten ihrer Kinder hätten viele Probleme beim Lernen. Lesen, Schreiben, Rechnen, das fällt einigen noch heute schwer. Das merke man noch nicht, wenn sie klein sind, sagt Kramm nach dem Essen. Manchmal fragen Gaatz und sie sich, ob sie früher hätten eingreifen müssen. Wie viele Eltern das eben tun. Und klar wollen sie, dass aus den Kindern was wird. Aber sie haben sich damals entschieden, die Kinder nicht gleich zum Psychologen zu zerren. „Wir wollten sie erst mal so annehmen, wie sie sind.“

Sie sitzt inzwischen mit dem kleinen Jus­tin auf dem schwarzen Sofa. Er will ihr seinen Wunschzettel für Weihnachten zeigen, den er zum dritten Mal umgeschrieben hat. „Aber das ist jetzt das letzte Mal“, sagt Birgit Kramm lachend und beugt sich über sein Gekritzel: „Darf Mol“ oder „Kommanda Koks“ hat der Drittklässler dort unter verschiedenen Zeichnungen von Lego-Star-Wars-Figuren notiert. Kramm liest laut vor, und Justin nickt glücklich.

Paul räumt unterdessen die Küche auf. Schweigend spült er die Töpfe und Schüsseln, die vom Mittagessen noch übrig sind. Und eine Weile ist nur das Klappern des Geschirrs zu hören. Dann wischt er den Tisch und alle Arbeitsflächen ab, erst mit einem feuchten Lappen, dann trocken. Ob seine Mitschüler das auch so gut können? „Nee, die haben Eltern, die das machen“, sagt er knapp und putzt wortlos weiter. Paul ist vielleicht kein Ass in der Schule, aber er hat in dieser Familie sehr viel gelernt, das ihn stark fürs Leben macht – was wünscht man sich mehr ­für sein Kind?

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