Arme Einwanderer nach Portugal

Gestrandete Deutsche
Lissabon

Foto: Gonzalo Villaverde/imago/GlobalImagens

Die "Hitzetage" in Lissabon ziehen Touristen an - nicht alle wollen wieder nach Hause

Nora Steen mit einer E-Mail aus Portugal

Die beiden wohnen in einem alten Opel Corsa, Vater und Sohn, Sauerländer. Seit mehr als vier Wochen parkt ihr Auto auf einem Stück Bauland in der Nähe unserer Kirche. Manchmal stehen sie vor der Tür des Pfarrhauses und bitten um etwas Geld.

Nora Steen

Nora Steen, geboren 1976 in Braunschweig, ist Pfarrerin der evangelischen Gemeinde Lissabon. Sie lebte nach dem Abitur für ein Jahr in Südindien. Dort arbeitete sie bei verschiedenen Nichtregierungsorganisationen. Dieser Blick in eine andere Welt prägte ihr Bild von Kirche als einer einzigartigen, weltweiten Gemeinschaft, die durch gänzlich andere als rein wirtschaftliche Interessen zusammen gehalten wird. Ihr Theologiestudium führte sie nach Leipzig, Berlin und Göttingen. Sie war Stipendiatin der Studienstiftung des Deutschen Volkes und hat an internationalen Schulungen für ökumenische Führungskräfte auf Kuba und in Südafrika teilgenommen. Im Anschluss an das Vikariat in Hameln (Südniedersachsen) arbeitete sie für ein Jahr im Ökumenischen Institut Bossey in Genf, einem Studienzentrum für Pfarrerinnen und Pfarrer.
Foto: Privat
Lissabon ist für viele Deutsche ein Sehnsuchtsziel. Und seit man mit dem Billigflieger schon für ein paar Euros herkommt, wollen hier immer mehr Menschen neu anfangen. Oft haben sie kaum Geld in der ­Tasche, leben am Strand oder mieten mit den letzten Ersparnissen eine Ferienwohnung. Im Sommer kommen alle gut durch den Tag. Schwierig wird es, wenn es kalt wird und erst recht, wenn jemand erkrankt ist und keine Krankenversicherung mehr hat.

Für uns als deutsche Kirchengemeinde ist es nicht immer einfach, mit diesen Touristen umzugehen, die große Träume mitbringen, aber keine Idee, wie sie selbst für ihre Lebensgrundlage aufkommen können. Portugal gehört zu den ärmsten EU-Ländern, und die Portugiesen bemühen sich, ihre Lage aus eigenen Kräften zu verbessern. Ist es da zumutbar, dass die Portugiesen auch noch diejenigen unterstützen, die in Deutschland staatliche Unterstützung bekommen, aber lieber hier sind? Wir haben uns entschieden: nein. Dazu ist die Not hier im Land einfach zu groß.

Vater und Sohn bekommen bei uns in der deutschen Gemeinde etwas zu essen, Brot, Käse, Fisch, wie alle anderen, die hier täglich klingeln. Kein Geld. Aber sie wissen, dass wir ihnen helfen werden, nicht nur finanziell, wenn sie eines Tages den Wunsch äußern, nach Deutschland zurückzukehren. Wir vermitteln Rückkehrer an Einrichtungen in Deutschland, die ihnen helfen, wieder auf die eigenen Füße zu kommen. Die Frage, wie Nächs­ten­­liebe zu wirklicher, konkreter Hilfe wird und nicht in neue Abhängigkeitsverhältnisse führt, beschäftigt uns hier in Lissabon täglich.

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