Handelt Angela Merkel in der Flüchtlingskrise aus ihrem christlichen Glauben?

"Das ist ihre Basis"

Foto: Frank Darchinger

Rainer Eppelmann und Angela Merkel

Angela Merkel wuchs in einem evangelischen Pfarrhaus auf. Erklärt das ihre Haltung in der Flüchtlingspolitik?

chrismon: Folgt die Bundeskanzlerin einem christlichen Kompass?

Rainer Eppelmann: Ich kenne Angela ­Merkel seit der Friedlichen Revolution. Sie wurde Pressesprecherin in meiner Partei, dem "Demokratischen Aufbruch", der später in der CDU aufging. Ich saß von 1990 bis 2005 mit ihr im Bundestag. Nicht in jedem ihrer Sätze kamen Gott und Jesus vor. Aber sie weiß, woher sie kommt: aus einem ­evangelischen Pfarrhaus in der DDR. Das ist – bewusst und unbewusst – ihre Basis.

Spielt diese Basis politisch eine Rolle?

Sie wird deutlicher. Es gibt Ängste, dass es uns wegen der vielen Menschen, die zu uns kommen wollen, schlechter gehen könnte. Schon in ihrer Silvesteransprache 2014/15 war Angela Merkel sehr klar gegenüber ­"Pegida", sie sagte: "Folgen Sie denen nicht, es ist Kälte, ja sogar Hass in deren Herzen." Im Herbst verteidigte sie die Willkommenskultur: "Wenn wir uns noch entschuldigen, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land." Auch ohne das Wort Gott zu ge­brauchen wird deutlich: Das ist ihre Basis! Das Pfarrhaus ihres Vaters war eine dia­konische Einrichtung. Sie hatte als Kind vor Augen, dass man Menschen in Not selbstverständlich hilft. Ich bin sicher, dass eine weitere Erfahrung sie ebenfalls geprägt hat: Bis 1989 erlebte sie die SED-Diktatur. Sie durfte zunächst nicht studieren – obwohl sie nur Einsen im Abitur hatte. Ich hatte schon Anfang der siebziger Jahre davon gehört.

Rainer Eppelmann

Rainer Eppelmann, 1943 geboren, musste in den 60ern in der DDR ins Gefängnis, weil er den Wehrdienst verweigert hatte. Später war er Pfarrer in der Berliner Samaritergemeinde,1989 Mitbegründer des Demokratischen Aufbruchs. 1990 wurde er Minister für Abrüstung und Verteidigung. Für die CDU saß er im Bundestag. Eppelmann ist Vorstandsvorsitzender der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Wie kam das?

Bischof Albrecht Schönherr erzählte mir, dass er den Staatssekretär für Kirchen­fragen dazu bewegen wollte, sich für eine Pfarrerstochter einzusetzen. Sie hatte hervorragende Noten, durfte aber nicht studieren. Er sagte mir: "Ich befürchte, dass der Staatssekretär gar nicht mit mir redet, wenn wir ihm nicht entgegenkommen." Solche ­Konflikte waren häufig. Später hielt ich als Pfarrer gemeinsam mit Kollegen in Ostberlin Bluesmessen, Gottesdienste für kirchenferne junge Leute. Für die SED war das eine Sammel­stelle für Konterrevolutionäre. Der Bischof hatte unentwegt Ärger mit dem Staat. Diesen Druck bekamen wir auch zu spüren.

Haben Sie nachgegeben?

Nein. Aber die junge Dame durfte trotzdem noch Physik studieren. Der Staatssekretär hatte also geholfen. Jahre später habe ich erfahren, dass die junge Frau Angela Kasner war, unsere heutige Kanzlerin. Viele em­pfanden so eine erpresserische Unfreiheit als Demütigung. Wer unsere Kanzlerin verstehen will, muss auch das berücksichtigen. "Dann ist das nicht mein Land" ist ein starker Satz. Er sagt aus, dass sie das Land achtet und schätzt, gegründet auf dem Grundgesetz. Sie will nicht dazu beitragen, dass es grundsätzlich anders wird: unfair und unmenschlich. Dafür riskiert sie, sich selbst treu bleibend, weniger Zustimmung zu er­halten. Das beeindruckt mich sehr.

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Lesermeinungen

Sehr geehrte Frau Dr. Käßmann, sehr geehrter Herr Eppelmann,

ihre Bericht sind stets sehr zeitnah, jedoch vermisse ich stetiges entgegensteuern von negativen Meldungen durch Aufklärung in Zeitschiften, Tageszeitungen, im Internet sowie sozialen Netzwerken (Twitter, Facebook et cetera).
Selbst Kommunen sollten in den regionalen Anzeigeblättern (Gemeindeanzeiger, Kreisboote e. c.) hierzu beitragen.
Auch wäre es wünschenswert, fortlaufend Beiträge in englischer Sprache zu integrieren.

Viele Grüße
Gerhard Hess