Patchworkfamilie statt Dreiecksbeziehung

Bloß kein Rosenkrieg!
Patchworkvater

Andrea Diefenbach

Geht das, Papa in zwei Familien zu sein? Markus S., 43, musste eine eigene Antwort finden

Seine Frau verliebte sich in einen anderen. Schwierige Jahre folgten. Dann die Patchworkfamilie

Als ich gestern von der Arbeit nach Hause kam, stand meine Exfrau mit meiner Frau in unserer Küche und kochte Abendessen. Um sie herum tobten insgesamt sechs Kinder: die drei Söhne aus meiner ersten Ehe, die Tochter meiner Frau, unsere gemeinsame kleine Tochter und die Kleine meiner Exfrau, die sie gemeinsam mit ihrem neuen Mann bekommen hat.

So viele Trennungen enden in einem Rosenkrieg, warum bei euch nicht – das werde ich oft gefragt. Vielleicht liegt es daran, dass für meine Exfrau und mich immer klar war: Wir lieben uns, aber wir gehören uns nicht. Deshalb erlaubten wir einander Bettgeschichten, solange sie unsere Liebe nicht gefährdeten. Immer ehrlich zueinander zu sein – das hatten wir uns bei unserer Hochzeit versprochen. Das ging zehn Jahre lang gut. Bis meine Frau sich verliebte. Und zwar so richtig. Fehlte ihr etwas bei mir, was sie bei dem anderen fand? Nein, sagte sie, sie liebe mich nach wie vor. Nur den anderen, den liebe sie eben auch.

Schließlich ließ ich mich auf ein Experiment ein: eine Beziehung zu dritt. Der neue Freund meiner Frau zog sogar in unser Haus ein, das wir gerade für uns und unsere drei Kinder gekauft hatten. Mit Respekt und viel Kommunikation, so sagten wir uns, muss es doch zu schaffen sein, eine Beziehungsform zu erfinden, in der Raum für uns alle ist.

Eine Scheidung ist besser als ein unglücklicher Vater

Doch ich fühlte mich immer schlechter in unserem Arrangement. Meine Frau und ihr Freund waren schwer verliebt, und ich rutschte in die Rolle eines zusätzlichen Geschwisterkindes. Ich war traurig und enttäuscht. Nun hatte ich meiner Frau alles gegeben, was sie sich wünschte – und bekam trotzdem nicht, was ich selbst dringend brauchte: das Gefühl, gesehen und geliebt zu werden.

In dieser Zeit lernte ich eine andere Frau kennen. Sie war ebenfalls verheiratet, aber unglücklich in ihrer Ehe – und eine ausgesprochen anziehende Person. Ich will dich ganz, sagte sie zu mir. Ich will dir eine echte Partnerin sein, keine Zweitfrau. Das hat viel in mir ausgelöst: Da war ein Mensch, der wollte mich nicht zusätzlich zu jemand anderem. Sondern einfach mich, nur mich. 

Trotzdem brauchte ich einige Monate für eine Entscheidung. Irgendwann war mir klar: Eine Scheidung ist für Kinder zwar niemals schön, aber immer noch besser als ein dauerhaft unglücklicher Vater. Jetzt hatte ich die Kraft zu gehen. Ohne schlechtes Gewissen. Dabei half mir das Wissen, meine Kinder nicht in einer halben, irgendwie kaputten Familie zurückzulassen. Sondern sie konnten wählen zwischen zwei kompletten Familien mit je einer Mutter- und je einer Vaterfigur: Sie konnten bei meiner Frau und ihrem neuen Freund leben oder bei mir und meiner Freundin. Mein ältester Sohn entschied sich, mit mir mitzukommen, ebenso die Tochter meiner Freundin.

Mein Leben heute ist alles andere als perfekt

Am schwierigsten war dann die Einsicht, dass meine neue Beziehung nur wachsen kann, wenn meine Priorität in Zukunft bei unserer neuen Familie liegt. Klar bin ich weiterhin für alle meine Kinder da, und wir sehen uns fast jedes Wochenende. Aber im Alltag nimmt für meine beiden jüngsten Söhne jetzt ein anderer die Papa-Rolle ein. Er schmiert ihnen die Pausenbrote, verarztet aufgeschlagene Knie, geht mit zum Spielplatz. Und das ist okay.

So chaotisch und anstrengend die letzten Jahre auch waren: Heute bin ich froh, diesen Weg gegangen zu sein. Ich habe eine Frau, die ich liebe und die mich liebt. Wir haben gemeinsam eine wunderbare Tochter und eine große, fröhliche Patchworkfamilie. Ich weiß jetzt: Ich habe immer die Wahl. Und das Recht, Entscheidungen zu treffen, die mich glücklich machen. Das heißt natürlich nicht, dass ich generell den Tipp geben würde, sich erst mal in einer Ehe auszuprobieren, damit’s beim zweiten Mal klappt. Aber meine Frau und ich merken schon, dass uns die Erfahrungen aus unseren ersten Ehen helfen, besser auf uns selbst und aufeinander zu achten.

Mein Leben heute ist alles andere als perfekt. Aber ich bin mit mir im Reinen. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum es bei uns keinen Rosenkrieg gibt. Sondern eine unkomplizierte Freundschaft mit der Mutter meiner Söhne, die meine Frau war, bevor sie sich in einen anderen verliebte.

Protokoll: Nora Imlau

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Lesermeinungen

"Ich habe immer die Wahl. Und das Recht,Entscheidungen zu treffen, die mich glücklich machen". Kinder aber nicht. Jede Erwachsene kann heut selbst bestimmen, ob und wann sie Kinder kriegen und Familie leben will. Die meisten tun das mit einer Verantwortungsethik. Evanglische Magazine eindeutig nicht mehr. Das hier hat nichts mit "Patchworkfamilie" zu tun. Das ist purer Narzißmus.

Sehr geehrte Redaktion,

 

es ist ja immer erfreulich zu lesen, dass Scheidungen auch friedlich und in gegenseitigem Respekt verlaufen können und die Betroffenen in ihren Patchworkfamilien glücklich leben. Aber ich frage mich, was die "message" dieses Artikels sein soll? Ähnliches kann man permanent in der Boulevardpresse lesen, in einer christlichen Zeitschrift ist es befremdlich, wenn Werte wie Treue, Verbindlichkeit und Verantwortung gar nicht vorkommen. Auch wird kaum thematisiert, wie viele Verletzungen dem vorausgegangen sind und was die Kinder in dieser Zeit gefühlsmäßig zu bewältigen hatten.

 

Es ist schade, wenn chrismon die Chance nicht erkennt, für ein christliches Familienbild zu werben und damit gesellschaftliche Akzente zu setzen.

 

Mit freundlichen Grüßen,

M. Roland

Aber Herr Roland, der Artikel gibt doch deutlich wieder das die Ehepartner Verantwortung übernommen haben. Sei es mit Ihrer Absprache, der Erkenntnis das beide sich in jemanden anderen verliebt haben und die Konsequenz ohne Streit und Eifersucht gezogen haben. Das erfordert Größe, Mut, Einsicht und Demut, alles christliche Werte. Und das Ergebnis ist das beste für alle, wie für die Kinder aber auch die Eheleute, es sind sogar zwei neue Ehen und Familien entstanden. Wo ist das Problem?

Ich habe mich erst gefragt, was mir an der geschilderten Situation sonderbar vorkam. Von Anfang an war es der Gedanke sich gleich bei der Hochzeit zu versprechen, gegenseitige Affairen zu tolerieren. Dann dieser vollig schmerzfreie Einzug des Liebhabers ins gemeinsame Haus. Dann diese anscheinend völlig eifersuchtsfreie Atmosphäre.
Was soll mir, als normalem Menschen, eine solche Geschichte da noch bringen? Da werden mir lauter Supermenschen vorgeführt, die ihre Gefühle so beherrschen - wenn wir das alle könnten, wär er schon da, der Weltfrieden. Braucht man da noch Erlösung? Nö. Wozu auch. Das ist was für Schwächlinge. ....

Entschuldigen Sie, Martin, Sie müssen den Text ganz lesen. Am Ende der Geschichte ist nämlich alles wieder NORMAL, denn "die anscheinend völlig eifersuchtsfreie Atmosphäre ", die Sie persönlich als störend erleben, entpuppte sich doch nur als reine Illusion.

Den liebevoll, mitfühlend und wohl motivierend formulierten Bericht über Entstehung und Ausführung dieser Patchworkfamilie zu lesen, erwirkt beim Leser gewiß viel Verständnis und Sympathie für die beiden Eheleute. Ein Glückwunsch zu deren neuen multiplen Situation in schöner Zufriedenheit ist ihnen sicher. Allerdings fragt man sich, ob diese nette Story nicht besser in der Regenbogenpresse aufgehoben ist, als in einem christlichen Magazin? Man fragt sich, was soll dann noch die kirchliche Trauung vor dem Altar mit der Formel „ .vor Gottes Angesicht, ... in guten wie in schlechten Tagen ... bis daß der Tod euch scheidet“. Wäre es daher nicht eher angebracht zu formulieren: ...“ solange es gut geht und ihr euch nicht außerhalb des Ehebündnisses anderweitig neu verliebt“? -  Könnte es sein, daß bei solch seichter Auffassung von Eheversprechen viele Leute erst gar nicht mehr heiraten wollen und nur noch Lebensabschnittspartner einplanen? Trotzdem aber wünsche ich viel Glück allen (Ex und Ex) Beteiligten

 

mit besten Grüßen
R. Hartmann, Neuss

Werte Redaktion,

 

vielen Dank für den großartigen Artikel über den "Rosenkrieg ".

 

Besser kann man den Abgesang  auf das christliche Bild der Familie in einer christlichen Zeitschrift nicht darstellen. 

 

Jetzt gibt es in unseren schwierigen Zeitläuften endlich eine Orientierung.

 

Mit freundlichen Grüßen 

 

Armin van de Loo