Iris Herzogenrath rettet Orgeln

Sie hat dauernd Ideen
Frau Herzogenrath in ihrem Klosterladen

Foto: Sebastian Cunitz und Julius Matuschik

„In meinem Kinderalbum klebt ein Foto vom Heimatfest, ­da durfte ich auf dem Orgelwagen mitfahren, ein strahlendes Drittklässlerkind!“

Was macht eine Protestantin mit so vielen Kruzifixen aus dem Kloster? Iris Herzogenrath verkauft sie – für die Rettung der Orgeln in der Basilika. Gelebte Ökumene. Und ziemlich cleveres Fundraising

Was findet man, wenn man alte Klosterzellen ausräumt? Gesangbücher. Bibeln. Schallplatten mit gregorianischen Gesängen und dem „Messias“ von Händel. Und sehr viele Kreuze. Iris Herzogenrath, 56, gelernte Produktdesignerin, patente Patchworkmutter und engagierte Christin, hatte 2010, als die letzten Mönche aus dem Kloster Weingarten auszogen, eine Idee: ­

Die Hinterlassenschaften der Mönche könnte sie doch in ihrem „Lädele“ verkaufen. Der Erlös geht an gute Zwecke.

Mensch, ging das schnell!

Ursula Ott erzählt in ihrer Reportage in chrismon 02/16 die Geschichte des Klosters in Weingarten: Dort haben sie lange gebetet, dass wieder Männer in ihr prächtiges Kloster einziehen. Männer sind gekommen, Flüchtlinge aus Afrika. Der heilige St. Martin wäre begeistert, manche Bürger arbeiten noch dran

Iris Herzogenrath hat dauernd Ideen. Und die kreisen immer um ein Thema: die Rettung der Orgeln in der weltberühmten Basilika in Weingarten. Dafür hat sie schon 2004 eine Spendenaktion gestartet, bei der man sich in Weingarten kaum erlauben konnte, nicht mitzumachen. Konditor Schmidt buk Orgelpfeifen aus Biskuit, der Geflügelhof Lauratal stellte Basilikanudeln her, Bauer Probst ein hochprozentiges „Orgeltröpfle“.

Dazu kam 2010 das „Lädele“, umsonst bereitgestellt vom netten Nachbarn, dem Schreibwaren­händler Hans-Peter Strobel. Ein winziger Raum voller alter Bücher, Bilder – und eben: Kreuze, Weihwasser­becken und Heiligenbildchen. Längst stammen nicht mehr alle aus dem Kloster, Kreuze hängen in Oberschwaben in jedem frommen Haus. „Und ein Kreuz wirft man ja nicht weg“, sagt Iris Herzogenrath.

Seit kurzem näht sie Einkaufstaschen aus Schutzplanen

Wenn die Oma gestorben ist, bringt man das Kreuz ins ­Lädele. Und wenn dem Jesus ein Zeh am Fuß fehlt, geht Herzogenrath schnell ins Zahnarztlabor ihres Mannes, gipst den Fuß ein und hängt den heilen Inri in ihren Laden. 

Immer mittwochs sperrt der Devotionalienladen auf, dann sagt der Schreibwarennachbar: „Die Beratungsstelle hat geöffnet.“ Junge Eltern, die ein Kreuz für das Grab ihres Kindes kaufen, suchen Trost. Alte Leute, die Kreuze abgeben, fragen nach Hilfe bei Behördengängen, bitten die Ladenchefin, schnell was im Internet nachzugucken oder eine Tasche für den Rollator zu nähen. Denn Iris Herzogenrath redet nicht nur schnell wie eine Nähmaschine, sie kann auch gut mit echten Nähmaschinen umgehen. Seit kurzem näht sie Einkaufstaschen aus Schutzplanen. Als das Kloster Weingarten renoviert wurde, hing eine 1500-Quadratmeter-Plane vor dem Barock. ­Danach lag die Plane in Herzogenraths Keller, „mein Mann musste nach Luft schnappen – 1500 Quadratmeter!“. Aber der Mann, der Zahnarzt, kennt das schon: Alles, was seine Frau zu Spendengeld machen kann, packt sie an, in diesem Fall ist es eben – Upcycling. 

Wenn man sie fragt: „Engagierst du dich auch für die Flüchtlinge im Kloster?“, dann sagt sie: „Nein, ich mach Orgel. Ich ­konzentriere mich auf eine Sache.“ Gute Idee.

Wie kommt eine protestantische Patchworkmutter von fünf Kindern dazu, sich ausgerechnet für den Erhalt und die Reno­vierung einer Orgel in der katholischen Kirche zu engagieren? Ers­tens: Es steht nicht irgendeine Orgel in Weingarten, hier erklingt die weltberühmte Gablerorgel oder die ebenfalls von Joseph Gabler erbaute kleine Chororgel. Beide müssen regelmäßig gereinigt und renoviert werden. Auch wenn das Land den größten Teil dieser Kosten übernimmt, ohne Fundraising geht es nicht. Bei der „großen“ Gablerorgel kostet allein die Reinigung 160 000 Euro. Bei der „kleinen“ Chororgel hatte der Holzwurm so gewütet, dass die Rettung 500 000 Euro kostete. Und allein 200 000 Euro sammelten Iris Herzogenrath und ihr Förderverein ein.

Ob die Frau auch mal zur Ruhe kommt?

Zweitens: Orgeln hatten es Iris Herzogenrath schon früh an­getan. „In meinem Kinderalbum klebt ein Foto vom Heimatfest, ­da durfte ich auf dem Orgelwagen mitfahren, ein strahlendes Drittklässlerkind!“ Wie ihr das gelang, wundert sie bis heute, denn evangelische Mädchen hatten es schwer im Oberschwaben der 60er Jahre. „In der Promenadenschule gab es einen katholischen Schulhof mit Schaukel, in der Sonne“, erinnert sie sich, „und einen evangelischen im Schatten.“ 

 Die Orgel in der Basilika Weingarten, erbaut von Joseph Gabler von  1737 bis 1750, gilt technisch und kunsthandwerklich als Meisterwerk ‒ entsprechend teuer ist der ErhaltFoto: Reinhard Jakubek
Aber auf den Wagen beim ­Heimatfest hat sie es geschafft. In die Sonne. Und das muss lange nachgewirkt haben, denn ihr Diplomstück an der Hochschule für Gestaltung, 20 Jahre später, war das Modell einer kleinen Heimorgel, die Bachs „Toccata und Fuge“ spielte. Dazwischen liegen viele Konzerte und Messen in der Basilika, die sie als Kind besuchte, weil es da spannender war als bei den Evangelischen. Mehr Musik. Und mehr Engel an der Decke. Ihr Mann ist katholisch, reitet auch beim Blutritt mit, ihre Kinder sind katholisch ge­tauft. Sie nennt das „gelebte Ökumene“. Das kann sie.

Und modernes Fundraising kann sie auch. Bei einem London-Trip sah sie Schilder in den Schaufenstern: „Hier kauft die Queen“ ‒ sofort führte sie in Weingarten das Prädikat „Orgel ‒ Wir machen mit“ ein für engagierte Einzelhändler. In Berlin entdeckte sie Mauersplitter auf Postkarten, das gibt’s jetzt auch als „Heilixblechle“ vom Basilikadach. Bloß mit den zerkratzten Schallplatten der Mönche aus dem Kloster fängt keiner mehr was an. Und jetzt? „Im Backofen über eine Cromarganschüssel bei 100 Grad legen, zack hast du eine trendige Schale.“ Puh, ob die Frau auch mal zur Ruhe kommt?

Doch, als die Chororgel, die schon fast ganz kaputt war, dank ihres Einsatzes wieder erklang und der renommierte Kirchen­musiker Stephan Debeur „Jesus bleibet meine Freude“ spielte. „Da war ich ganz still. Und es war ‒ der Wahnsinn!“ 

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