Wozu brauchen wir eine kritische Ausgabe von "Mein Kampf"?

Hitlers "Mein Kampf" im Handel
"Mein Kampf" wird präsentiert

Foto: Johannes Simon / gettyimages

Die wissenschaftliche Version von Adolf Hitlers "Mein Kampf" wurde am 8. Januar dieses Jahres präsentiert. Sie stellt gleichzeitig Hitlers politische Anschauungen als auch dessen Autobiografie dar.

Wozu brauchen wir eine kritische Ausgabe? Fragen an den Chef des herausgebenden Instituts

chrismon: Worum geht es in Hitlers Buch „Mein Kampf“?

Andreas Wirsching: Hitler behauptet, die Deutschen hätten ein natürliches Recht auf Lebensraum und Krieg sei ein legitimes Mittel, sich ihn zu verschaffen – egal, was die völkerrechtliche Ordnung besagt. Er beschreibt auch seitenlang, wie er in Wien zum Antisemiten wurde. Die Erzählung mündet in Ausführungen über einen angeblich ewigen Kampf ­zwischen Ariern und Juden. Hierauf überträgt Hitler Darwins Evolutionstheorie. Sein rassischer Antisemitismus gab später die Vor­lage für die Nürnberger ­Rassengesetze, die Menschen in Juden und Arier einteilten und den Kontakt zwischen ihnen untersag­ten.  

Juden in Israel und Deutschland, die von den Nazis verfolgt wurden, fordern, sogar die kommentierte Ausgabe von „Mein Kampf“ strafrechtlich zu verhindern.

Ein Verbot unserer Edition wäre strafrechtlich aufgrund der Forschungs- und Wissenschaftsfreiheit wohl unmöglich. Die Internetausgaben kann ohnehin niemand kontrollieren. Und wenn es zu Anzeigen wegen Volksverhetzung kommt, könnten Gerichte nicht kommentierte Ausgaben unterbinden. Es wird also nicht so einfach sein, Hitler in Deutschland nachzudrucken. Ich rate dringend, den Streit um das Buch zu entpoliti­sieren. Es gehört in die Wissenschaft, zur politischen Bildung und in den öffentlichen Diskurs.

Was soll die wissenschaftliche Edition leisten?

Ein Ziel ist, noch offene Fragen wissenschaftlich zu erforschen. „Mein Kampf“ ist eine der wichtigsten his­torischen Quellen zu Hitler und zur Geschichte des ­Nationalsozialismus. Ein anderes Ziel ist, das Buch kritisch zu erschließen, auf die fatalen Folgen von Hitlers Denken hinzuweisen und uns so vom Text zu distanzieren. Der Text ist seit diesem Jahr gemeinfrei, und wir wollen ein Gegenstück zu möglichen Vereinnahmungen von Hitlers „Mein Kampf“ durch die rechte Szene zur Verfügung stellen.

Beide Bände haben knapp 2000 ­Seiten und kosten nur 59 Euro.

Der niedrige Preis soll der Aufklärung dienen. Nicht nur Wissenschaftler, auch Lehrer, die das Thema im Unterricht ­behandeln wollen, sollen mit der Edition arbeiten können.

Andreas Wirsching

Andreas Wirsching ist Leiter des Instituts für Zeit­geschichte (IfZ) in München.
Foto: PR

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