#koelnhbf: Debatte um Gewalt in Silvesternacht

Einspruch!
Eine Frau hält eine Schild mit der Aufschrift "Have Respect and Nice Sex" bei einer Demo gegen Sexismus.

Foto: Oliver Berg/dpa

"Habt Respekt und netten Sex"

chrismon-Chefredakteurin Ursula Ott widerspricht der aktuellen Berichterstattung zur Silversternacht rund um den Kölner Hauptbahmnhof– als Kölnerin, als Frau, als Pendlerin.

 chrismon-Chefredakteurin Ursula Ott pendelt täglich zwischen Köln und Frankfurt
Ich liebe den Kölner Hauptbahnhof. Das klingt kitschig, aber es ist wahr: Ich bin vor über 20 Jahren zum ersten Mal in Köln aus dem Zug gestiegen, habe fünf Minuten auf dem Platz zwischen Bahnhof und Dom gestanden und zusammen mit meinem damaligen Freund spontan beschlossen: Hier wollen wir leben. Es war kurz vor Karneval, es herrschte ein hoch vergnügliches, lautstarkes, freundschaftliches Gewusel und Getümmel, das es vielleicht in keiner anderen Stadt in Mitteleuropa so gibt.

Um es kurz zu machen: Ich will diesen Hauptbahnhof wieder haben! Und um es soziologisch zu sagen: Ich werde es nie – never! – hinnehmen, dass ausgerechnet der Bahnhof ein Angstraum für uns Frauen wird.    

Drum will ich – als Kölnerin, als Frau, als Pendlerin – an fünf Stellen der Debatte widersprechen:

  1. "Den Tätern vom Bahnhof geht’s gar nicht um Frauen, sondern nur um Handys." Schreibt der Kölner Anwalt Heinrich Schmitz im "Tagesspiegel".
    Lieber Kollege, ich dachte, da seien wir schon weiter anno 2016, gerade unter Juristen. Es fühlt sich für uns Frauen durchaus unterschiedlich an, ob wir beklaut oder begrapscht werden. Mir ist beides schon passiert, und ich kann nur sagen: Das Handy kann man wiederbeschaffen. Das schmutzige Gefühl, begrapscht zu werden, lässt sich noch nicht mal abduschen.
  1. "Es muss einen Verhaltenskodex für Frauen geben, Stichwort: eine Armlänge Abstand." Sagt die Oberbürgermeisterin.
    Rückfall in die 50er Jahre, als Vergewaltigungsopfer wegen ihres Minirocks für mitschuldig erklärt wurden. Frauen können am Bahnhof und überall sonst rumlaufen, wie sie wollen – und gerade Köln hat das bislang vorgemacht. Jemals Weiberfasnacht am Alten Markt getanzt? Mit kurzem Rock? Da stehen Männer und Frauen dicht an dicht, nix mit Armlänge Abstand. Wenn einer sich vergreift – ja, das passiert! –, greift die soziale Kontrolle: "Eh, Arschloch", Kölsch ins Gesicht... Liebe Passanten, liebe Mitreisende, wo wart ihr in der Silvesternacht?
  1. "Die Deutschen werden zu Fremden im eigenen Land und unsere Frauen zu Freiwild." Zitat aus dem Newsletter der extrem ekligen Pro-Köln-Fraktion im Kölner Rathaus.
    Das erste Opfer, das von der Lokalpresse ausfindig gemacht wurde, stammt aber selber aus Afghanistan. Dies hier geht nicht gegen die deutsche Frau. Es geht gegen die Frau. 
  1. "Es ist ein kulturelles Problem."
    Ja und Nein. Horden von alkoholisierten Jungmännern können jeden Raum in der Stadt zu einem Angstraum für Frauen machen. Hooligans. Neonazis. 30 Betrunkene auf dem Oktoberfest. Aber auch Gangs von türkischen Jugendlichen. Machogehabe, Jungmänner mit dummen Ideen – gibt es überall, und es ist eine der größten Herausforderungen für diese Gesellschaft, sie zu zivilisieren.
  1. "Die Polizei ist überlastet wegen der Flüchtlinge."
    Ja, das stimmt, die Bundespolizei ist am Anschlag, auch weil sie Flüchtlingsheime bewachen muss. Respekt und Hochachtung vor deren Einsatz. Wir brauchen mehr Polizei, eine Klage, die schon vor den Flüchtlingen zu hören war, wenn ein Fußball-Länderspiel gleichzeitig mit einer Demo stattfand. Stellt mehr Polizisten ein, und vor allem: Polizistinnen. Das muss der Staat schaffen, beides: Frauen schützen und Flüchtlinge schützen, dafür zahle ich meine Steuern.

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Lesermeinungen

Danke für Ihre sehr persönliche und zugleich sehr präzise Darstellung frau kann auch sagen
Klarstellung der Situation. Wie schrieb es "Emma" Flüchtlingen helfen ja, aber Frauenrechte dürfen nicht auf der Strecke bleiben. Es ist kein Handy oder Geld "Problem" es ist die Missachtung Frauen gegenüber, die LEIDER sehr weit verbreitet ist.