Karfreitagsprozession

Antigua, kunstvolle Bluetenteppiche

Foto: Katrin Neuhaus

Gleich kommt die Prozession durch Antigua. Die Menschen warten entlang der kunstvollen Blütenteppiche

Karfreitags in Antigua Guatemala. Vor fast jedem Haus in den gepflasterten Straßen der alten Kolonialstadt die gleiche Szene: Leute hocken auf der Straße, neben sich Säcke mit Kiefernnadeln oder gefärbtem Sägemehl. Sie streuen damit ­Linien und Muster. Aus Körben nehmen sie Blumen, Bananen- oder Palmenblätter und legen sie in die freien Flächen.

Es duftet nach frischem Holz und Farbe, nach Gardenien und Lupinen. Eine andächtige Stille legt sich über die Straßen. Männer, Frauen und Kinder arbeiten in höchster Konzentration. Am Nachmittag gleicht die Stadt einer Freiluftausstellung.

Markus Böttcher

Markus Böttcher ist Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Epiphanias-Gemeinde in Guatemala
Etwa drei Stunden dauert es, bis ein Blütenteppich fertig ist. Und es bleibt wenig Zeit, ihn zu bewundern, bevor der Prozessionszug ihn noch in der gleichen Nacht zer­stören wird. Wenn es soweit ist, hört man schon von fern traurige Marschmusik. Der Zug biegt in die Straße ein. Männer mit langen Hakenstangen gehen voraus und halten tief hängende Elektro­leitungen hoch. Dahinter kommt etwas, das wie ein riesiger Tausendfüßler aussieht, der sich langsam schaukelnd vorwärtsbewegt.

Etwa 80 Männer tragen einen großen Tisch, auf dem Figuren hocken oder stehen. Man sieht den Gekreuzig­ten, eine Frau und zwei Männer, einer davon gekleidet wie ein römischer Soldat. Die Kreuzigungsszene wird langsam, im Gleichschritt von über hundert Füßen, zur Trauermusik über die bunten Blumenteppiche getragen.

Das Gleiche geschieht an diesem Tag fast überall in Guatemala. Hermandades  (Bruderschaften) bereiten die Prozessionen monatelang vor und zelebrieren sie seit Jahrhunderten auf die gleiche Weise. Sie tragen Gott durch die Straßen. Mit den Blütenteppichen wird er festlich wie ein König empfangen. Als der Papst Guate­mala besuchte, wurden auch für ihn die Straßen geschmückt. Allerdings sei er, so erzählte man mir enttäuscht, ziemlich schnell darüber hinweggebraust.

Hinter dem Prozessionstisch, der hier Anda heißt, laufen die Musiker einer Kapelle, danach kommen Begleiter des Zuges – und am Schluss die Reinigungskolonne mit dem Müllwagen. Die mittlerweile zertretenen Nadeln, Blätter und Blüten werden zusammengefegt und weggeworfen. Die Musik verhallt in der nun schon wieder sauberen Straße.

Die kleine Stadt Antigua in Guatemala zur Osterzeit: bunte Bilder aus gefärbten Kiefernnadeln und Sägemehl, aus Blumen und Palmenblättern mit christlichen Motiven schmücken die Straßen. Jedes Jahr am Karfreitag gestalten die Menschen stundenlang die Plätze vor ihren Häusern. Doch die Zierde weilt nicht lang, denn die Teilnehmer der Karfreitagsprozession marschieren kurze Zeit später darüber hinweg. Hinter der Prozession gehen die Straßenkehrer ans Werk und beseitigen die Überreste der kurzlebigen Kunstwerke.

Leseempfehlung

Antigua in Guatemala zur Osterzeit: bunte Bilder zur Karfreitagsprozession schmücken die Straßen

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.