Aus der Familienbibel gestrichen

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Der Kirchentag in Stuttgart beginnt mit einem Gedenken an verfolgte Homosexuelle

Der 35. Deutsche Evangelische Kirchentag in Stuttgart gedenkt der Verfolgung von Schwulen und Lesben. Dabei werden auch Einzelschicksale vorgetragen.
Hermann Friedrich Enchelmeier glaubt an Gott und daran, dass man seinen Nächsten lieben soll. Er liebt Männer. Wahrscheinlich war das der Grund, warum jemand seinen Namen in der Familienbibel durchgestrichen hat, am Totensonnntag 1928. 1934 wurde er zum ersten Mal zu einer Gefängnisstrafe von einem Jahr verurteilt. Nach seiner Entlassung möchte er, dass ihn ein Arzt wegen seiner Homosexualität behandelt. Er verlobt sich mit Frieda und löst die Verlobung schnell wieder. 1937 wird er nach Paragraph 175 Strafgesetzbuch für zwei Jahre und einen Monat ins Gefängnis gesteckt.
 
Für drei Jahre verliert er seine bürgerlichen Ehrenrechte. Ende 1939 wird er entlassen. Im April 1940 stellt die Kripo eine Anfrage, ob seine Freiheit verantwortbar ist. Die Antwort vom Vorstand des Gefängnisses: Enchelmeier ist eine große Gefahr für die heranwachsende Jugend. Er wird sich auf dem Gebiet der Sittlichkeit weiter verfehlen. Es werden vorbeugende Maßnahmen eingeleitet, das heißt: Konzentrationslager Dachau, Sachsenhausen, Neuengamme. Im November 1940 stirbt Enchelmeier, Todesursache: Herzinfarkt.
 
Auf einer Gedenkveranstaltung zu Beginn des Kirchentages in Stuttgart haben Schauspieler die Geschichte von Friedrich Echelmeier und andere Einzelschicksale vorgetragen.

Stuttgart ist ein passender Ort

Jahrhundertelang stand die Liebe zwischen schwulen Männern unter Strafe, auch lesbische Frauen wurden verurteilt. Noch bis 1994 existierte der Paragraph 175 im Strafgesetzbuch, der schwule Männer rechtlich verfolgte, bis 1969 in seiner nationalsozialistischen Fassung. Für ein Gedenken der Verfolgung und Unterdrückung gleichgeschlechtlich Liebender ist Stuttgart ein passender Ort. Nicht nur liegt der Karlsplatz, auf dem die Veranstaltung stattfindet, in unmittelbarer Nähe zum Landgericht und zur ehemaligen Gestapo-Zentrale, die Stadt Stuttgart steht für andauernde Kontroversen, was das Thema der Lesben- und Schwulenrechte angeht.

Als darüber entschieden werden sollte, ob es eine offizielle Entschuldigung des Landes Baden-Württemberg gegenüber Schwulen und Lesben geben sollte, stimmte eine große Gruppe konservativer Abgeordneter im Stuttgarter Landtag dagegen. Sie wollten sich nicht entschuldigen, nur "bedauern". Zudem war es Stuttgart, wo eine Lehrplanänderung zu großen Protesten mit viel medialer Aufmerksamkeit geführt hat. 2013 gab es die Pläne, die sexuelle Vielfalt in den Unterricht aufzunehmen. Eine Petition und wütende Demonstrationen von Bürgern haben das verhindert. Stattdessen wurde eine Lehrplanänderung verabschiedet, die es erlaubt, beim Alten zu bleiben.

Die württembergische Kirche stellt sich quer

Die Evangelische Landeskirche in Württemberg ist Gastgeber des diesjährigen Kirchentages. Sie wollten zur Lehrplanänderung und in der nachfolgenden Debatte keine klare Position beziehen. Auch was die Segnung homosexueller Paare angeht, die sich von der Kirche trauen lassen wollen, oder die Akzeptanz solcher Paare in den Pfarrhäusern der Kirche, stellt sich die württembergische Kirche quer. Ein Segnungsgottesdienst ist offiziell nicht möglich und darf schon gar nicht öffentlich sein. Schwule und lesbische Paare sind in Pfarrhäusern nur in Ausnahmefällen geduldet.

Irmela Büttner

Irmela Büttner studierte Theologie in Leipzig und Heidelberg. Ihr Gemeindevikariat absolvierte sie in Reppenstedt bei Lüneburg und legte das zweite theologische Examen in der Landeskirche Hannovers ab. Danach machte sie ein Medienvikariat im Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik gGmbH (GEP) als Zusatzausbildung im Bereich Publizistik. Seit 2016 ist sie Gemeindepfarrerin in Offenbach-Bieber.
Mit diesen Positionen steht die Kirche im Südwesten jedoch zunehmend alleine da. Die Zeiten scheinen sich zu ändern. Ein Gedenken auf dem Kirchentag, das gleichgeschlechtlich Liebende in den Mittelpunkt stellt und öffentlich anerkennt, steht stellvertretend für eine Politik der Öffnung, die sich in den letzten Jahren in vielen Gliedkirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) vollzogen hat. Kürzlich erst hat die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) bekanntgegeben, dass sie die Segnung homosexueller Paare der Ehe gleichgestellen will. Sie gesellt sich damit zur Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), die diesen Beschluss schon vor zwei Jahren verabschiedete. Mehrere Gliedkirchen der EKD erlauben mittlerweile die Öffentlichkeit von Segnungen lesbischer und schwuler Paare.

Landeskirchen wie Württemberg oder auch  Sachsen, wo gerade mit Carsten Rentzing ein konservativer Kandidat zum Landesbischof gewählt wurde, der ausdrücklich homosexuelle Paare im Pfarrhaus ablehnt, manövrieren sich zunehmend ins Abseits.

Leseempfehlung

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Lesermeinungen

"Sexuelle Vielfalt ", ist thematisch nicht sehr weit davon entfernt, was Kindesmissbrauch betrifft, insofern kann ich nur davon ausgehen, dass die Autorin, Irmela Büttner, im Grunde, nicht weiß, was sie da schreibt.

Die Autorin schreibt gleich ganz oben:
"... dass man den Nächsten lieben soll. Er liebt Männer".
Das soll sich wohl plakativ und überzeugend anhören, aber in Wirklichkeit ist es irreführend, weil es barmherzige Liebe (Agape) und sexuelle Liebe (Eros) miteinander vermischt. Jesus Christus spricht (Joh. 13): "Liebt einander wie ich euch geliebt habe". Die Evangelien sprechen davon, wie wir das zu verstehen haben, insbesondere im Umgang mit Sündern (Joh. 8). Nicht verurteilen, aber die Sünde benennen und zur Umkehr bewegen. Papst Franziskus hat das jüngst nochmals erläutert: "Wer bin ich über ihn zu richten" http://www.sueddeutsche.de/panorama/papst-ueber-homosexualitaet-wer-bin-....

Ich hoffe dass die evangelische Kirche in Württemberg bei ihrer richtigen und besonnenen Haltung in den angesprochenen Problemfeldern bleibt!