Jüdische Zwangsarbeiter in Griechenland

Vor Gericht verloren, moralisch gesiegt
Mahnmal für die Opfer der Shoah

Foto: Wassilis Aswestopoulos / imago

Das Mahnmal für die Opfer der Shoah befindet sich in Athen nahe dem Keramaikos, der antiken Totenstadt. Es stellt einen Davidstern dar.

Was hat es gebracht, die Deutschen zu verklagen? Fragen an den jüdischen Gemeindevorsteher in Saloniki
Deutschland spricht 2019

chrismon: Von den 55 200 Juden in Thessaloniki überlebten nur 1950 die Shoah, unter Ihnen auch Ihr Vater.

David Saltiel: Er ging nach Athen wegen des starken Antisemitismus in Saloniki. Er hatte eine große Familie, alle anderen wurden ermordet.

Warum erinnerte bis vor Kurzem nichts an die frühere jüdische Gemeinde, eine der ältesten und größten in Europa?

Die meisten Bürger wussten nichts oder wollten nichts wissen. Und die wenigen Überlebenden waren beschäftigt, Familien zu gründen und alte Wunden heilen zu lassen.

Die jüdische Gemeinde in Thessaloniki musste damals Zwangsarbeiter freikaufen. 2014 verklagten Sie Deutschland vorm Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Was hat es gebracht?

Wir haben juristisch verloren, weil sich Griechenland nach dem Zweiten Weltkrieg verpflichtet hatte, keine weiteren Reparationen von Deutschland zu fordern. Aber wir waren moralisch im Recht. Die Nazis verlangten nach aktuellem Wert 50 Millionen Euro, um 9 000 Juden zu befreien. Das Auswärtige Amt hat uns Unterstützung für ein Zentrum für Holocaust-Studien und Menschenrechte in Aussicht gestellt.

Was soll das Zentrum erforschen?

Die jüdische Geschichte auf dem Balkan, die Shoah und Menschenrechte heute. Im Zentrum soll zudem  eine jüdische Schule sein, offen für alle griechischen Kinder. Nichtjüdische Kinder sollen unsere Gesandten des guten Willens werden.

Auf dem Gelände sieht man Bahnschienen und Waggons von damals.

Das vermittelt eine Vor­stellung von den Deporta­tio­nen nach Auschwitz. Der Weg zum alten Bahnhof wird Teil des Museums.

Und das alte Gemeindearchiv?

Die Deutschen hatten es beschlagnahmt, Historiker fanden es in Moskau. 120 000 Dokumente unserer Geschichte von 1870 bis 1941, die meisten auf Ladino, einem alten Judeo-Spanisch. Der russische Botschafter in Athen sagte, Russland wolle es zurückgeben. Noch warten wir darauf.

David Saltiel

David Saltiel, 1931 geboren, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Saloniki, hat viel erkämpft: Renten für Shoah-Überlebende, Denkmale, einen griechischen Holocaust-Gedenktag, einen Lehrstuhl für jüdische Studien. 2014 klagte er gegen die Bundesregierung um Entschädigungen
Foto: Privat

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