Versteckter Rassismus in den USA

Wir und Martin Luther King
Die Gruft von Martin Luther King und seiner Frau Coretta Scott King in Atlanta/Georgia

Foto: Tulis / UPI / Eyevine / Insight Media

Die Gruft von Martin Luther King und seiner Frau Coretta Scott King in Atlanta/Georgia

Dorothea Lotze-Kola mit einer E-Mail aus den USA

Die Stadt, die für Hass einfach zu busy ist – das ist der Slogan von Atlanta, der Geburtsstadt des 1968 ermordeten Bürgerrechtlers Martin Luther King. Als ich 1993 das erste Mal hierher kam, hat mich die multi­kulturelle Atmosphäre so angesprochen, dass ich kurz danach hierher auswanderte. Nun lebe ich in Atlanta mit meinem Mann, der aus Ghana kommt, und unseren zwölfjährigen Zwillingstöchtern, die hier als „farbig“ gelten.

Dorothea Lotze-Kola

Dorothea Lotze-Kola bildet Klinikseelsorger aus und ist Pastorin der deutschen Gemeinde in Atlanta.
Privat
„Ich habe einen Traum“, sagte Martin Luther King 1963, „dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der sie nicht wegen der Farbe ihrer Haut, sondern nach dem Wesen ihres Charakters beurteilt werden.“ Manchmal habe ich das Gefühl, wir sind dem ganz nah. Etwa wenn meine Töchter in der öffentlichen Schule auf Afroamerikaner, Hispa­nier, Asia­ten oder „Caucasians“ (Hellhäutige) treffen und unter all diesen Freunde finden. Wenn sie ihre eigene christliche Religiosität nicht verstecken, aber akzeptieren, dass ihre Klassenkameraden eine andere haben.

Manchmal aber kommt er durch, der versteckte Rassismus, den es auch hier gibt. Meine eine Tochter ist etwas dunkelhäutiger als die andere. Sie wird von den Lehrern seltener drangenommen, ihre Schwester mit der helleren Haut bekommt mehr Beachtung. Was mir auffällt: Die Lehrer verhalten sich plötzlich netter und aufmerksamer, wenn sie mitkriegen, dass die Mädchen eine weiße Mutter haben.

Einmal im Jahr, am dritten Montag im Januar, ist Martin-Luther-King-Day (Kings Geburtstag ist am 15. Januar). Diesen Feiertag gibt es seit 1986 in den USA, aber nicht in allen Staaten ist schul- und arbeitsfrei wie bei uns. In den Krankenhäusern, die ich kenne, versammeln sich die Angestellten zum Mittagsgottesdienst und Gespräch über „Schwarz und Weiß“. Gewissermaßen wird so jedes Jahr einmal Kings Traum mit der Realität verglichen. Und regelmäßig heißt es: Es gibt weiterhin viel zu verbessern. Was mich schmerzt: Ausgerechnet am Sonntagmorgen in der Kirche ist die Segregation am stärksten. Es gibt kaum ethnisch gemischte christliche Gemeinden. Ich versuche seit eini­ger Zeit, unsere zu 90 Prozent aus „Caucasians“ bestehende deutsche Gemeinde als „inklusive“ Gemeinschaft aufzubauen, die alle willkommen heißt. Das ist mein Traum.

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