Hanns-Josef Ortheil über das Essen

Sofort heiraten
Venedig - Osteria del Pinto

Ulrich Baumgarten/picture alliance

An der Osteria del Pinto in Venedig werden Speisen angeboten.

Das wär’s, denkt der Schriftsteller – nach einem harmonischen Essen mit einer guten Freundin. Geht er mit seinem Kumpel Peter aus, spielt das Essen keine große Rolle. Alleine im Restaurant kommt er auf Ideen

Essen als Kind

Als Kind habe ich oft mit meiner Mutter zusammen gekocht. Nichts Aufwendiges, sondern kleine Mahlzeiten (Suppen, Vorspeisen, viele Desserts), die wir erst dann zu uns genommen haben, wenn wir wirklich Hunger hatten. So haben wir an jedem Tag zu einer anderen Uhrzeit gegessen, mal früh, mal spät. In der Küche saßen wir an einem alten Tisch und schnippelten die Bestandteile des Essens zusammen: Möhren schälen und raspeln, Radieschen von ihren Strünken befreien, Sellerie in dünne Scheiben schneiden. Meist haben wir ­Musik gehört und kaum ein Wort gewechselt, und auch während des Essens haben wir nicht viel miteinander geredet.

Hanns-Josef Ortheil

Hanns-Josef Ortheil, Jahrgang 1951, zählt zu den bedeutendsten deutschen Schriftstellern der Gegenwart. Er lehrt als Professor für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim. Gerade erschien sein Roman "Der Stift und das Papier" (Luchterhand). Ortheil lebt mit seiner Familie in Stuttgart.
Foto: Sven Simon / picture-alliance
Nach fast jeder dieser kleinen Mahlzeiten aber haben wir uns angeschaut, und einer von uns hat den anderen gefragt: „Und?! Wie?!“ Und dann hat der andere etwa so geantwortet: „Radieschen schmecken viel besser, als man so denkt.“ Oder: „Geraspelte Möhren sind fast immer zu wässrig.“ Oder: „Gekochte Selleriescheiben mit etwas Öl und Wal­nüssen – gibt es etwas Besseres?“ Aus ­diesen Jahren ist mir eine starke Liebe zu Zwischenmahlzeiten erhalten geblieben.

Das zweite Frühstück am Morgen (nach einem spartanischen ersten) oder das ­Vespern – ich liebe solche Mahlzeiten mehr als die typischen Hauptmahlzeiten, die den Tag so rigoros in drei Anläufen verplanen. Venedig ist die beste Stadt für Zwischenmahlzeiten. Den ganzen Tag kann man unterwegs sein, um in seinen kleinen Weinstuben ein Glas zu trinken und dazu eine Winzigkeit zu essen. Hätte ich nichts anderes zu tun, würde ich in vielen deutschen Städten solche venezianischen Stuben eröffnen. Ich würde sie Mezzanino (also Zwischengeschoss) nennen.

Essen in Restaurants 1

Ich esse nicht gerne in Restaurants, die etwas Hyperintimes oder Pseudoverträum­tes haben. Wo man beim Betreten ganz still wird und weiß, gleich durchspült einen eine Hintergrundmusik, die man niemals während eines Essens hören möchte. In solchen Restaurants wartet man laufend auf den meist männlichen Besitzer, er ist die Hauptfigur. „Einen Aperitif vorneweg? Schon mal eine große Flasche Mineralwasser?“ Ich mag keine Aperitifs, und Wasser in Flaschen habe ich (in welcher Form auch immer) noch nie gemocht. Meist bestelle ich aber doch einen Aperitif und die große Flasche Wasser, einfach, weil die Kommunikation mit dem Maestro das Wichtigste ist und wie am Schnürchen laufen muss.

Der Blick sollte nachdenklich und aufmerksam über die meist zu große Speisekarte gleiten und dann treffsicher jene Gerichte fixieren, die den Maestro zufriedenstellen. Nach zwei Stunden in einem solchen Restaurant ist man völlig geschafft. Beim Abschied lächelt man leicht karamellisiert, der ganze Körper hat etwas zuckrig Verklebtes bekommen, und noch eine halbe Stunde später hat man Mozarts Hornkonzert KV 417 im Ohr und wird es den ganzen Tag nicht mehr los.

Essen zu zweit

Wenn mein Freund Peter und ich uns einige Zeit nicht gesehen haben, möchte er mich zum Essen treffen. Ich soll das passende Restaurant aussuchen, denn ich habe in solchen Dingen angeblich „mehr Ahnung“ als er. Sitzen wir uns dann gegenüber, weiß ich von der ersten Minute an, dass wieder mal alles danebengeht. Die kommenden zwei Stunden wird er sich nicht um das Essen kümmern, sondern von sich erzählen: was in der letzten Zeit schiefgelaufen ist, was er von den Kindern erwartet, warum seine Frau jetzt unbedingt ein Buch schreiben will, und wie er darauf reagiert. Wir essen nicht zusammen, sondern ziehen uns zu einer therapeutischen Session zurück, nach der er erleichtert, beflügelt und beinahe beglückt aufsteht und zum Abschied sagt: „Das hat heute aber mal wieder fantastisch geschmeckt. Dank dir!“

Muttermilch trinken

Der schönste Raum in einem Kölner Brauhaus ist die Schwemme ganz vorne am Eingang. Die frische Luft von draußen durchströmt diesen Durchgangskanal zum eigentlichen Lokal, und nur wenige Meter, zum Greifen nahe, steht das schwere Fass, aus dem das frisch gezapfte Kölsch unablässig fließt. Hat man sein Glas geleert, fliegt ein gefülltes sofort heran, man wartet keine Sekunde, sondern wird von einer Mutterbrust unablässig versorgt. Man trinkt, saugt und bekommt den Blick nicht weg von dem sich immer schräger neigenden Fass, von seiner Rundheit und Massivität, aus dem der hellblonde Quell pausenlos in ein Glas nach dem andern schießt.

In der Schwemme bin ich mit diesem Mutterstrom direkt verbunden, deshalb bin ich dort auch gerne allein, weil man ein so intimes Dasein mit der Mutter nicht gern mit anderen teilt. Begleitet mich ein guter Freund, verhalten wir uns nicht zufällig wie zwei flapsige Brüder. Begleitet mich eine Freundin, gibt es meist leichte Spannungen, weil Freundinnen mit nahen Müttern nicht gut auskommen. Am liebs­ten trinke ich hier also ohne Begleitung, es gibt kaum einen Ort auf der Welt, an dem sich die Lebensverhältnisse wie von selbst, nur durch den regelmäßigen Zustrom der heimischen Muttermilch, wieder klären.

Essen mit einer Freundin

Mahlzeiten mit Freundinnen, die man noch nicht lange kennt, sind häufig sehr schwierig. Man kommt mit dem Essen nicht richtig voran, man tastet ab, vergleicht, untersucht das Gegenüber und verfehlt darüber das Essen. Eine feine Balance soll sich einstellen, tut das aber nur selten. ­Das Essen mit Freundinnen, die man ­lange kennt, ist dagegen meist ein großer Genuss. Es ist eine Liebesmahlzeit im besten Sinn. Jeder weiß fast alles vom andern, und dieses Wissen übersetzt sich bis hin zur Auswahl der Speisen und Getränke.

So ergibt sich ein großer Zusammenklang der Atmosphären des ­Essens und Trinkens und der Atmosphären der gegenseitigen Achtung und der großen Vorlieben. Mit jedem Bissen und Schluck schließt sich die Welt, als wäre auch die Umgebung mit allem einverstanden. Vom Entrée über die Hauptmahlzeit bis zum Dessert baut sich eine immer stärker ­werdende Harmonie auf, und wenn man das Restaurant nach einer solchen Mahlzeit Arm in Arm verlässt, möchte man sofort heiraten oder miteinander verreisen.

Essen in der Pubertät

In den pubertären Jahren hatte ich einen Freund, dessen Vater in einem Mainzer Weinlokal kochte. Das Lokal befand sich ­nahe am Rhein, und so saßen wir oft auf den Stufen hinunter zum Ufer des Flusses und aßen und tranken, was wir aus der Küche des Lokals abgestaubt hatten. Es gab lauter Sachen, die von den Gästen nicht ganz verzehrt worden waren, und es gab Getränke, die wir sonst nie kennengelernt hätten.

Ich erinnere mich genau an den Abend, als wir an den ersten Champagner gerieten. Es war eine halbvolle Flasche Veuve ­Clicquot, sie war noch sehr kalt, und wir tranken den kostbaren Champagner ohne Gläser direkt aus der Flasche. Mein Freund nahm den ersten Schluck und stand auf, und ich trank den zweiten und stand ebenfalls auf. Und dann tranken wir die Flasche leer und schworen uns, nie mehr etwas anderes zu trinken. Später tanzten wir am Ufer, vor lauter Glück, es war der Beginn eines Empfindens für dionysisches Dasein.

Essen in Restaurants 2

Ich mag das Essen und Trinken in gro­ßen Restaurants, in Sälen und hohen und weiten Stuben, in denen man sich verläuft und der einzelne Gast nicht weiter auffällt, sondern Teil einer einzigen essenden und trinkenden Masse von Gästen ist, die seit dem frühen Mittag verweilen und niemals gehen wollen. Das Augustiner Bräustübl in Salzburg ist ein solches Restaurant, und natürlich gibt es in München sehr viele dieser Lagerstätten, an denen man die Zeit vergisst und Stunden zubringt.

Das Schöne ist das Hinüberwachsen in eine Atmosphäre stillstehender Zeit, die von vielen Menschen gleichzeitig geteilt wird. Stillstehende Zeit vertreibt alles Aktuelle, Wichtigtuerische, Drängende. Man reagiert nicht mehr auf Nachrichten, man ruft niemanden mehr an, man richtet sich auf einer Insel ein, mit zwei oder drei Freundinnen oder Freunden, die nach Stunden von einer barocken, bruegelschen Schläfrigkeit überfallen werden und am liebsten direkt vor Ort, auf den glatten Holztischen und den Bänken ohne Lehne einschlafen würden. Zuletzt gibt es nur noch zwei kleine Fragen: Wer transportiert uns von hier weg? Und – wohin wollen wir noch gebracht werden?

Essen allein

Auf Lesereisen esse ich oft allein in einer Stadt, die ich nicht kenne. Ich sehe mich vorher nach einem passenden Restaurant um, nehme viele Zeitungen und zwei, drei Bücher mit und ziehe mich in eine Ecke zurück, in der man mich ganz in Ruhe lässt. Ich habe ein Faible für solche Mahlzeiten. Ich lese, esse und trinke, ich ver­gesse den Auftritt am Abend, ich ignoriere die ­lokalen Geschichten – und irgendwann be­ginnt unvermeidlich das Schreiben, weil mir nach all den Lektüren und den vielen Stimulanzien durch das ­Essen und Trinken so vieles durch den Kopf geht.

Solche Mahlzeiten können mehrere Stunden dauern, und am Ende habe ich sehr viel geschrieben und das gerade Gelesene mit Hilfe der ausgedehnten Mahlzeit zu etwas ganz Neuem verarbeitet, als hätte das alles – die fremden Atmosphären und die regional auftrumpfenden Speisen ­zu­sammen mit anregenden Lektüren – lauter geheimnisvolle Texte hervorgebracht, in denen Ort, Zeit und all seine Produkte seltsam entrückt zusammenklingen.

Essen in Paris

Nirgends habe ich beim Essen und Trinken anregendere Gesprächspartner gefunden als im Paris der frühen siebziger Jahre. Wir hatten nicht viel Geld, und so aßen wir nicht in den noblen Restaurants, sondern in einfachen Bistros oder in Bars gleich um die Ecke. Meist aber kauften wir uns Wein und zogen an die Seine und saßen in der Nähe des Reiterstandbilds von Henri IV. am Ufer und redeten, als schriebe jeder von uns an seinem philosophischen Hauptwerk.

Unsere monströsen Bücher waren kurz vor der Fertigstellung, ein jeder hatte von seinem Werk mindestens tausend Seiten im Kopf, aber noch keine einzige Seite geschrieben. Dafür aber waren wir uns sicher, welche ­Titel unsere Wälzer haben würden: „Schule der Bedürftigkeit“, „Theater der Genüsse“, „Memorandum der Intimität“.

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