Warum heißt es "zwischen den Jahren"?

"Zwischen den Jahren" - eine kleine Aufklärung
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Foto: Susanne Kuerth / photocase

Die "Zeit zwischen den Jahren": eine seltsame Formulierung, ein seltsames Ereignis, eine seltsame Zeit – was versteht man eigentlich darunter? Buchautor Karlheinz Geissler "antwortet" auf die wichtigsten Fragen dazu.

Wie alle Kalender, so ist auch die Zeitspanne, die wir die „Zeit zwischen den Jahren“ nennen, ein kulturelles Konstrukt, also eine Erfindung der Menschen. Sie ist keine offizielle Kalenderzeit, taucht im Kalender also gar nicht auf. Es handelt sich um eine volkstümliche Bezeichnung jener von Terminen und beruflichen Verpflichtungen entlasteten Tage, in denen das alte Jahr auf das neue trifft. Das sind die sich für nicht wenige Zeitgenossen etwas zähen, ziehenden Tage zwischen Weihnachten und den Explosionen zu Silvester. Zuweilen trifft man auch auf lokale Traditionen, in denen die „Zeiten zwischen den Jahren“ bis zum 6. Januar, dem Dreikönigstag, verlängert werden.

Gibt das schon immer, zumindest so lange, wie es Kalender gibt?

Nein, unsere germanischen Vorfahren kannten, das hatten sie mit den Griechen der Antike gemeinsam, keine Zeitspanne, der sie solch ein Etikett hätten anheften können - aus einem nahe liegenden Grund. Sie hatten kein scharf markiertes, keinen präzises Jahresanfangsdatum. Die Orientalen und die Römer kannten zwar einen Jahresanfang, aber sie feierten, aus leicht nachvollziehbaren Gründen, kein Weihnachtsfest. Auch für sie gab es also die von uns modernen Menschen vom Zeitdruck des

Karlheinz Geißler

Karlheinz A. Geißler, Jahrgang 1944, ist emeritierter Professor für Wirtschaftspädagogik an der Universität der Bundeswehr in München und Zeitforscher.  
Foto: privat
Alltäglichen entlasteten geschätzten Tage des „Dazwischen“ nicht.

Selbst die frühen Christen kannten keine Tage zwischen Weihnachtsstille und Silvesterknallerei. Zwar feiern sie seit dem 4. Jahrhundert Christi Geburt, wie ja heute noch am 25.Dezember, doch für sie war dieser Tag anfänglich identisch mit dem Tag des Jahresbeginns. Daher gab es auch für sie logischerweise keinen Zeitraum, den sie „Zwischen den Jahren“ hätten nennen können.

Erst im Jahr 1691 setzte Papst Innozenz XII. den Jahreswechsel verbindlich auf den ersten Januar fest. Hundert Jahre zuvor hatte Papst Gregor XIII. eine sinnvolle und längst fällige Kalenderreform bekannt gegeben, in deren Rahmen einmalig 10 Tage aus dem Kalender gestrichen wurden. Eine nicht unerhebliche Zahl von Protestanten weigerte sich jedoch damals dem papistischen Zeitdiktat zu folgen und richtete das individuelle und das soziale Leben weiterhin am alten Kalender aus. So gab es in Deutschland, die Kirchenspaltung war Anlass und Ursache, für längere Zeit zwei Zeitrechnungen, die um einige Tage differierten. Das neue Jahr begann also, je nach Kalender, an unterschiedlichen Tagen. Jene Tage, die zwischen den jeweiligen Jahresanfängen lagen, nannte man im Volksmund dann durchaus treffend die Tage „zwischen den Jahren.“

Die Redensart hat die Zeiten überdauert, obgleich, oder vielleicht gerade deshalb, sie einen Sinn mit sich trägt, der den meisten Menschen unbekannt ist. Sie gibt heute, wo Protestanten und Katholiken dem gleichen Kalender folgen, den Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr eine besondere Färbung. In den von Traditionen weitestgehend ausgedünnten Gegenden, in denen Weihnachten und Silvester weniger Feste als strategische Herausforderungen sind, kursiert für diese Tage des Dazwischen in neuerer Zeit auch die Bezeichnung „Brückentage.“

Nicht einmal die gibt es für die immer mehr werdenden Zeitgenossen, die ihre Tage vornehmlich im Netz verbringen. Sie kennen keine „stillen Tage“, keine Zeiten „zwischen den Jahren“ und keine Tage mit Brückenfunktion. Im Netz ist immer gleich viel – manche meinen gleich viel zu wenig – los. Im Netz sind die Tage nicht nur alle gleich lang, sondern auch alle gleich breit.

Was ist eigentlich das Besondere dieser Tage, was zeichnet sie aus?

Schaut man durch die Gleitsichtbrille des Zeitforschers und stellt sich im Stadion des Zeitalltags an die Seitenlinie und beobachtet von dort das Zeitspiel der Menschen, dann erkennt man den Schwellencharakter, der die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr zu besonderen Tagen macht. Auf der einen Seite die Weihnachtstage, zugleich die Zeiten der Wintersonnenwende, auf der anderen Seite Silvester/Neujahr.

Weihnachten und die Wintersonnenwende sind Repräsentanten der so genannten zyklischen Zeit, Silvester/Neujahr hingegen repräsentiert die Linearität der Zeit. Lineare Zeit wird gemessen und geordnet, und zwar von Diktatoren, die zu lieben wir gelernt haben. Sie heißen Kalender und Uhren. Die beide repräsentieren die gradlinig strenge Autorität des Buchhalters. Das übliche Erregungspotential der Jahreswende  lässt sich verringern, wenn man sich klar macht, dass es sich dabei um ein menschengemachtes Kunstprodukt handelt und nicht um ein Naturereignis.

Ganz anders die zyklische, die naturnahe Zeit. Sie wird erlebt und erfahren, ist subjektiv und rhythmisch. Aus der Perspektive des Buchhalters ist sie „ungenau.“ Geprägt wird unser Alltag von beiden Zeiten. Zum einen von der zyklischen Zeit, die man sich bildlich als eine in sich zurückkehrende Kreislinie vorstellen kann und die wir als Kreislauf von Blühen und Welken, Tag und Nacht, Geburt und Tod, Sonnenauf- und Sonnenuntergang wahrnehmen und erleben. Sichtbar wird sie in den Jahresringen von Bäumen.

Es ist die Zeit, die uns Menschen als Naturwesen geschieht, über die wir nicht beliebig bestimmen können. Zum anderen die lineare Zeit, die gradlinige, voranschreitende, niemals wiederkehrende Zeit des Eins nach dem Anderen, die in der Figur der sich stets fortsetzenden Linie ihren bildlichen und in der jährlichen Aufstockung der Jahreszahlen ihren numerischen Ausdruck findet. Dies ist jene Zeit, über die wir Menschen selbst bestimmen, die wir ordnen, einteilen, messen, organisieren und managen können, die Zeit der Kalender und der Uhren.

Das Ereignis Weihnachten/ Wintersonnenwende sagt uns: Alles wiederholt sich, Silvester/Neujahr hingegen signalisiert: Alles schreitet voran. Der mehr oder weniger konfliktreiche Zusammenprall dieser unterschiedlichen Zeiten bestimmt und koloriert unser alltägliches Zeithandeln. Doch meistens haben wir nur an den von Arbeitpflichten  etwas entlasteten Tagen „zwischen den Jahren“ Zeit genug, uns auf der Schwelle zwischen den Zeiten zu erfahren.

Auf der Schwelle, dem Platz der Erwartung stehend, liegt es dann nahe, sowohl zurück, als auch nach vorne zu schauen. Für den Blick zurück haben wir die Formel „Bilanz ziehen“ gefunden, während wir für den nach vorne vom „Pläne machen“ sprechen.

Der Leidenschaft des Bilanzierens und Planens verfallen waren die Menschen  jedoch erst nachdem sie sich zur Modernisierung entschieden hatten. Erst die Moderne, die die Menschen weitestgehend von der Not des Hungers, der Krankheiten und der Angst vor der Dunkelheit befreit hat, schafft auch die Bedingungen dafür, dass diese über Zeit und den Umgang mit ihr nachdenken. Erst mit dem Beginn jener Epoche, die man ab dem 19. Jahrhundert erst „Neuzeit“ nannte und die eigentlich keine neue Zeit ist, sondern ein neues Bild, das sich die Menschen von der Zeit machen, hervorbringt, entwickelte der Mensch die Leidenschaft und den Machtwillen, die Zeit zu erobern, um sie in die eigene Hand zu nehmen.

Ging’s ums Zeitliche, schaute er nicht mehr aufwärts zu Gott und  zum Himmel, sondern er blickte zur Uhr und auf den Gang der Zeiger. Der Blick auf die Zeit wanderte vom Himmel über die Türme hinab zum Kaminsims und dann  weiter nach unten zu den Hosen- und Westentaschen, und seit etwa 100 Jahren, inzwischen zum Volkszeitmesser geworden, sucht man die Zeitanzeige am Handgelenk. Doch nicht einmal dort fand der Blick zu Zeit längerfristig eine Heimat, denn ein paar Jahrzehnte später machte er sich auf die Reise zu den flimmernden Displays der vielfältigsten Gerätschaften.

Längst wurde die Zeit zu einem überaus beliebten Gegenstand der Kalkulation, und man meint und hofft damit die Zukunft eigenmächtig und selbsttätig gestalten zu können. Auf diesem Weg wurden dann die schwebenden Tage „zwischen den Jahren“ immer mehr zu Buchhalter- und zu Orakeltagen. An diesen zieht man dann Bilanz und spekuliert daran anschließend mit dem Bilanzierten auf das, was danach kommt.

Was machen die Menschen heute mit dieser „schwebenden Zeit?“

Wie es sich in einer Demokratie gehört, ganz Unterschiedliches. Berufstätige feiern, mal gezwungen, mal freiwillig, ihren Resturlaub ab. Schüler und Schülerinnen freuen sich über das Versanden der Zeit während der Ferientage und ihre Lehrer und Lehrerinnen freuen sich gleich mit. Andere Vielbeschäftigte holen längst fällige Besuche bei Verwandten und Bekannten nach, um kurz vor Jahresende ihr Gewissen noch mal zu entlasten.

Man sieht, zwischen „Lukasevangelium“ und „Dinner for one“ ist viel los. Die einen hetzen so, wie sie das bereits vor Weihnachten getan haben und rennen von Kaufhaus zu Kaufhaus, von Boutique zu Boutique, um das umzutauschen, was sie ein paar Tage zuvor erworben haben. Andere sitzen, vorausgesetzt, sie haben die Fernbedienung gefunden, Stunden vor dem Fernseher, während Gesundheitsbewusstere mit Spaziergängen gegen ihr Übergewicht ankämpfen. Manche berichten glücklich, in diesen Tagen des Dazwischen endlich zu jenem Mittagsschlaf gekommen zu sein, den sie Arbeitstag für Arbeitstag mit pushendem Kaffeekonsum und zusammengebissenen Zähnen verhindert haben.

Und dann gibt’s noch jene Zeitgenossen, die angeregt durch den 128. Jahresrückblick im Fernsehen, auch bei sich ein wenig Bilanz zu ziehen versuchen. Sie schließen sich in ein stilles Zimmer ein und hängen, um ungestört zu bleiben, ein Schild an die Tür: „Wegen Inventur geschlossen.“ Sie schauen zurück, ziehen Fazit und machen auf dieser Grundlage Pläne für den auf sie zukommenden Lebensabschnitt. 

Das hört sich etwas sehr individualistisch an. Gibt’s denn nicht auch gemeinsame Aktivitäten, die für diese Tage typisch sind?

Selbstverständlich gibt’s die. Standardisierte Handlungsabfolgen, Bräuche, Rituale, Empfehlungen und Hinweise, stehen bereit, die innig miteinander verkneteten Bedürfnisse von Vergangenheitsbewältigung und Zukunftsplanung in mehr oder weniger lauter Gemeinschaft zu gestalten. In einigen Regionen dieser Republik treibt man das alte Jahr mit hohem Erregungspotential aus. Räuchern die einen die Bude bei sich zu Hause aus, verräuchern andere Umwelt und Mitwelt mit viel Lärm und Pulverdampf.

Anderswo zählt es zur Tradition, Haus und Wohnung aufzuräumen und gründlich sauber zu machen, um das, was man nicht mit ins neue Jahr nehmen möchte einstmals wegzuwerfen, heute zu entsorgen. Schlussverächter und Schlussflüchter hingegen – Trennungstypen mit Wachstumspotential -  hauen am zweiten Weihnachtsfeiertag ab, lassen alles stehen und liegen und sind dann, wie sie Zurückgebliebenen auf dem Anrufbeantworter hinterlassen, „für eine Zeitlang mal weg.“ Tauchen sie dann schließlich in den ersten Tagen des neuen Jahres wieder auf, dann überfällt sie die Beschwernis, dass sie mit dem alten Jahr nicht richtig fertig geworden sind, während das neue bereits unvorbereitet auf sie einstürmt.

Diese Tage des „Dazwischen“ haben eine ganz eigene Atmosphäre, so etwas Schwebendes, nicht unbedingt Leichtes, eher etwas Traurig-Schönes. Wie erklären Sie das?

In der Tat, sie haben etwas Unvergleichliches. Sie ähneln dem Blick durch das Schlüsselloch, das ja auch von einem Gefühl der Angstlust begleitet wird. In den Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr erleben wir, wie zu keiner anderen Zeit des Jahres, dass die Zeit vergeht, zugleich spüren und erkennen wir, dass es nicht die Zeit ist, die da vergeht, sondern dass man selbst vergeht.

Das sind dann mit Sentmentalitäten angereicherte Momente, in denen man zur Verteilung von Glückskeksen und Glücksschweinen neigt, um sich und seiner sozialen Mitwelt beschwörend mitzuteilen: „Alles wird gut.“ Die Begleitmusik dieser zuweilen in  Gefühlen getränkten Zeit zwischen den Jahren ist anfänglich eher auf die Tonart Moll ausgerichtet, bis sie dann in Richtung Silvester lauter wird um es am letzten Tag des Jahres schließlich so richtig krachen zu lassen.

Was ist so „schön“ an dieser Zeit, dass sich viele auf diese Tage freuen?

Man kann Dinge tun, die das übrige Jahr zu kurz gekommen sind. Endlich hat man mal wieder Zeit, mit etwas Schluss zu machen, Zeit, das eine oder andere abzuschließen; und das ohne Vorgesetztem, der wie im Arbeitsalltag üblich von einem verlangt, sich ohne Einschätzung und Auswertung dessen, was man erreicht und geschaffen hat, also ohne wirklich abzuschließen, übergangslos an die nächste Aufgabe zu machen.

Endlich darf man mal das tun, was einem das Internet verwehrt, aufhören und anfangen. Endlich mal die Gelegenheit, dem Internet zu zeigen, daß man etwas kann, was dieses nicht kann. Das Internet  kennt keine Tage „zwischen den Jahren.“ Der größte Tempomacher der bisherigen Menschheitsgeschichte kennt überhaupt keine Zeit, es macht keine Pausen, weiß nichts von Schlüssen, nichts von Anfängen und der Sonntag als letztem Rest des Wechselspiels von profanen und heiligen Zeiten ist fürs Internet auch nicht existent. Weihnachten ist ihm so unbekannt wie Silvester, Werktage sind ihm so fremd wie Feiertage. Weil es davon keine Ahnung hat, hat es auch keine Angst vor dem, was kommt, kann aber andererseits auch nicht froh und dankbar dafür sein, ein Jahr wieder mal ganz passabel hinter sich gebracht zu haben.

Die schwebenden Tage des „Dazwischen“ sind eine Erholung vom Zeitgeist des  „schneller und schneller“ und der „Gleichzeitigkeit der Sensationen.“ Der Genuss dieser Tage besteht in der widersprüchlichen Zumutung, vieles zu tun zu müssen, weil man so wenig zu tun hat.

Sollte man in dieser Zeit nicht Pläne fürs kommende Jahr machen?

Ja das sollte man. Pläne gehören in diese besondere Zeit wie Deiche zur Nordsee und der Sattel zum Fahrrad. Was man jedoch auf keinen Fall erwarten sollte: dass sich diese Pläne erfüllen werden. Eher schon sollte man die Vorsätze vom letzten Jahr, die man, wie in den vorangegangenen Jahren ja auch, in den gerade zwölf Monaten des zuende gehenden Jahres nicht abgearbeitet hat, auf dem „Friedhof der guten Absichten“ (Hegel) zu Grabe tragen.

Übereilt wäre jedoch der Schluss, es zukünftig mit den Plänen sein zu lassen. Sagen wir es so: Am besten Sie machen, während Sie die am Horizont des alten Jahres verschwindenden Vorhaben des alten Jahres feierlich in die Gräber des Vergessens versenken, neue Pläne. Sie sollten das auch deshalb machen,, um dann am Ende des nächsten Jahres erneut etwas beerdigen zu können. Als Vorbild bietet sich die Tradition ländlicher Musikkapellen an, die auf dem Weg zum  Friedhof einen Trauermarsch anstimmen und auf dem Weg zurück dann übergehen zu einem Freudenmarsch.

Kurz und bündig: Wann, wenn nicht in den bewegten und bewegenden Brückentagen zwischen Weihnachten und Neujahr bekommt man es  realistischer und überzeugender demonstriert, dass das Leben ist, was einem geschieht, während man damit beschäftigt ist, es zu planen.

Lassen Sie uns noch einen  Blick in die Zukunft werfen. Werden wir auch weiterhin von den Tagen “zwischen den Jahren“ sprechen?  Oder wird sich diese Tradition verlieren?

Ich denke, wir werden von der Zeitstrecke zwischen Weihnachten und Neujahr immer seltener, immer weniger von den Tagen „Zwischen den Jahren“ sprechen. Auch diese informelle Zeitinstitution wird, wie so viele vorher zu einem Opfer der alles zum Klistier machenden Beschleunigung. Inzwischen liefern die Medien die ersten Jahresrückblicke bereits Ende November, unter anderem mit der Folge, dass der Dezember in der medial aufbereiteten Zeitgeschichte gar nicht mehr vorkommt. Er ist bereits jetzt zum ereignisärmsten Monat geworden. Nicht, weil da nichts los wäre, sondern weil er für die hektischen Chronisten der Sendeanstalten und der Printmedien zu spät kommt.

Den Dezember, so mein Eindruck, muss man nur noch aussitzen. Setzt sich dieser Trend fort, kommen wir irgendwann einmal an den Zeitpunkt, zu dem die letzte Neujahrsansprache mit dem ersten Jahresrückblick zusammenfällt. Dann gibt es keine Zeit mehr zwischen den Jahren. Sie wäre jener Nachverdichtung des Daseins zum Opfer gefallen, die derzeit in vollem Gange ist.

Na, Herr Geißler, und wie verbringen Sie die Tage „zwischen den Jahren?“

Zugespitzt formuliert: Keine Pläne, die unordentlichen Tage des Dazwischen kommen auch so. Ich weiß zwar nicht, was ich tue, aber ich weiß, was ich nicht tue: Ich schau mir keine Jahresrückblicke im Fernsehen an, auch keine noch so beliebten wie sinnlosen Wahlen zum Torschützen, zum Politiker, zum Pechvogel oder zum Trottel des Jahres. Obgleich man das Fernsehen nur noch mit der Fernbedienung in der Hand aushalten kann, werde ich aufs Glotzen nicht ganz verzichten.

Ich freu mich auf das große Finale dieser Tage. Nein, nicht aufs Silvesterfeuerwerk, auf die Knallerei oder den sonstigen Klamauk. Ich freu mich auf die Silvesteransprache des Bundeskanzlers, die derzeit eine Kanzlerin ist. Ich freu mich deshalb darauf, weil es sich dabei um ein zyklisches Ereignis handelt, das einem in dieser unsicheren Welt die Sicherheit verleiht, bereits am Anfang eines Jahres zu wissen, was am Ende gesagt wird. Und was gibt es Erbaulicheres, als am Ende eines Jahres die Erfahrung machen zu dürfen, dass man am Anfang bereits wusste, was kommt.

In Reinschrift und konkret: Die Kanzlerin wird, wie ihre Vorgänger es getan haben und wie sie es die Jahre zuvor auch schon getan hat, den „lieben Mitbürgern und Mitbürgerinnen“ (Änderungen der Reihenfolge möglich!) danken, dass sie fleißig daran mitgearbeitet haben, Deutschland wieder ein Stück voran gebracht zu haben. Daran anschließend aber wird sie die Zuschauer mit erhobenem Zeigefinger ermahnen, dies nicht zum Anlass zu nehmen, sich zufrieden zurückzulehnen und die Hände in den Schoß zu legen. Nein, das wird sie deutlich machen, nein, es muss weiter gehen, weiter vorwärts, weiter aufwärts. Wohin weiter, das sagt sie uns nicht.

Same procedure as every year. Ja, ich freu mich darauf. Es ist einfach schön, in solch uneindeutigen, bewegten Zeiten, erfahren zu dürfen, dass das Neue das Alte ist, und dass, obgleich sich alles ändert, alles bleibt wie es ist. Was gibt es Beruhigenderes – insbesondere weil es einem nicht einmal verschrieben werden muss. 

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