Weihnachtliche E-Mails aus...

Weihnachtspost
Weihnachten in Bangkok

Foto: Ulrich Holste-Helmer

Weihnachten in Bangkok: "Santa Claus neben einem Schrein für Naturgeister - kein Problem."

Ein Kamel an der Straßenecke und Blumen vom Bürgermeister. Sieben Auslandspfarrer über ihr Weihnachten in der Ferne

Inflation

Venezuela

Lars Pferdehirt ist deutscher Pfarrer in Caracas, www.caracas-evangelisch.de

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Ein satter 50-Kilo-Sack Zucker ruht in unserem Pfarrhaus neben 40 Kilo Mehl. Das Mehl war eine großzügige Spende. Den Zucker haben wir bei einem sogenannten Bachaquero erstanden. So nennt man die­jenigen, die Waren aus dem Handel auf­kaufen oder tauschen und auf dem Schwarzmarkt unter die Leute bringen. Angesichts einer Inflationsrate von über 100 Prozent und ellenlanger Schlangen vor den Läden wird diese „Berufsgruppe“ immer größer.  Mehl und Zucker brauchen wir für das Gebäck für unseren Weihnachtsmarkt, zu dem um die 2000 Be­sucher kommen werden. Dazu gehört auch eine große Tombola  zum Fund­raising für Sozialprojekte. Wir zerbrechen uns den Kopf darüber: Wie setzen wir bloß die Preise an? Und: Lohnt sich das überhaupt? Jedes noch so gute Ergebnis schmilzt bei dieser Teuerungsrate dahin. Dennoch: Sich zwischen Adventskränzen, Zapfhahn, Kuchen und Würstchen zu treffen, ist eine liebgewordene Tradition, die weiterleben soll.

Später an den Strand

Tansania

Stefanie Franz ist Pastorin in der Ost- und Küsten-Diözese der evangelischen lutherischen Kirche von Tansania.
Weihnachten bei 35 Grad und 90 Prozent Luftfeuchtigkeit, das ist gewöhnungsbedürftig. Der Heilige Abend ist dennoch ein besonderer. Die Azania Front Cathedral, die alte deutsche Chris­tus­kirche in der Nähe des Hafens von Daressalam, ist dann bunt geschmückt. Abends funkelt und blinkt es in allen Farben. Um 17 Uhr beginnt hier der Gottesdienst unserer deutschen Gemeinde. Um 19 Uhr ist die tansanische Gemeinde dran, dann hört man die alten Weihnachtslieder wieder, diesmal in Kisuaheli. Aus dem Nachbargebäude, dem Lutherhaus, tönt es derweil auf Englisch: „Joy to the World“ und „We Wish You a Merry Christmas“. Drei Gottesdienste in verschiedenen Sprachen, die alle die gleiche Botschaft verkünden: Fürchtet euch nicht. Der Heiland ist geboren. Am 24. Dezember arbeiten die meisten Tansanier übrigens noch ganz normal, erst der 1. und der 2. Weihnachtstag sind offizielle Feiertage. Viele verlassen dann die Hauptstadt, um ihre Familien zu besuchen. Wer in Daressalam bleibt, genießt die freie Zeit, trifft Freunde – oder geht baden im Indischen Ozean.

Weihnachten – trotz allem

Libanon

Jonas Weiß-Lange ist Pfarrer der evangelischen Gemeinde zu Beirut/Libanon und betreut auch die syrischen Gemeinden Aleppo und Damaskus, evangelische-gemeinde-beirut.org.

Zu feiern gibt es im Libanon nicht viel. Das Land steckt in vielen Krisen: Die Versorgung mit Strom ist völlig unzureichend, die mit Wasser nicht viel besser. Dazu hält das Land seit dem Sommer wegen der Abfallkrise buchstäblich den Atem an. All das hat auch etwas mit der sehr hohen Zahl an Flüchtlingen aus dem Nachbarland zu tun (eineinhalb Millionen bei viereinhalb Millionen Einwohnern). Ja. Aber weit mehr zu tun hat es mit Korruption und einer regelrechten Auflösung staatlichen Handelns. Und wie zum Ausweis ihrer Unfähigkeit vermögen sich die politisch Verantwortlichen seit anderthalb Jahren nicht auf einen Präsidenten zu einigen. Also müssen die Feierlichkeiten zum Tag der Unabhängigkeit am 22. November ausfallen.

Einen Monat später jedoch werden die zahlreichen christlichen Kirchen das Weihnachtsfest feiern, trotz der Missstände, die aktuell die Menschen bedrängen. Oder gerade wegen dieser. In den biblischen Geschichten, die erinnert, gefeiert und an die nächste Generation weiter gegeben werden, geht es ja auch um die dunklen Seiten des Lebens: staatliche Willkür, Flucht, ein Massaker an unschuldigen Kindern – Erfahrungen, die Menschen aus der Bahn werfen können. Das besondere an Weihnachten aber ist: Sie werden erinnert unter dem Horizont der Hoffnung auf Frieden: „Alle Ehre Gott im Himmel und Frieden den Menschen auf Erden…“

Das werden die Christinnen und Christen – mehr als ein Drittel der Bevölkerung – im Libanon feiern. Mitten unter ihnen auch die kleine, deutschsprachige Gemeinde. Wir freuen uns auf die Vorbereitungen im Advent, das Schmücken des Baumes und die Gottesdienste mit ihren vertrauten Liedern und Geschichten.

Ashura und Weihnachten

Iran

Almut Birkenstock-Koll ist Pfarrerin der evangelischen Gemeinde deutscher Sprache in Teheran, kirche-in-iran.de.

Es sind noch ein paar Wochen hin, aber Weihnachten scheint mir gerade sehr nahe. Es ist Ashura, das große Passionsfest der Schiiten. Sie feiern dies in Gedenken an das Leid des Urvaters der ersten schiitischen Gläubigen, Hussein, der sich im Kampf opferte. Schwarze Fahnen wehen dann als Zeichen der Trauer, und wer etwas auf sich hält, trägt Schwarz. Vor den Moscheen aber hängen helle Lichterketten, bunt und grell strahlen sie durch die Dunkelheit, und es hat etwas von Advent in Europa. Einmal stand ein Kamel für die Prozession an unserer Straßenecke und wartete auf seinen Einsatz. Da fiel Ashura, das sich nach dem islamischen Kalender richtet, direkt in die Vorweihnachtszeit. Ich saß gerade an der Predigt für Heiligabend, in der Kirche wurde der 2,50 Meter hohe künstliche Weihnachtsbaum aufgestellt. Und dann das: eine lebendige Erinnerung an die drei Weisen, die angeblich aus dem Iran kamen. Die Gegensätze von innen und ­außen kennzeichnen hier im Iran oft unser Leben. Manchmal aber passt es.

Hauptsache lustig

Thailand

Ulrich Holste-Helmer teilt sich mit seiner Frau seit Sommer 2011 die Pfarrstelle an der evangelischen Gemeinde deutscher Sprache in Thailand, die-bruecke.net.

„Joy to the world, the Lord is come!“ So schallt es in den Bangkoker Shoppingmalls. Nur knapp ein Prozent der Thailänder sind Christen, aber die christliche Botschaft wird nicht als Konkurrenz zur einheimischen Religion aufgefasst, die nur teilweise buddhistisch und vor allem animistisch ist. Santa Claus neben einem Schrein für Naturgeister – kein Problem. Hauptsache „sanuk“: lustig.

Auch die politische Situation scheint die Feierlaune nicht wirklich zu trüben: Seit mehr als einem Jahr hat das Land eine Militärregierung, die sich väterlich-fürsorglich gibt, aber hinter den Kulissen ziemlich rabiat gegen ihre Kritiker vorgeht. Wirtschaftsleistung und Exporte sinken, interessanterweise aber nicht der private Konsum. „Nichts ist beständig“, sagt Buddha. Und eröffnet damit für den thailändischen Alltag paradoxerweise den Spielraum, auf fast kölsche Art („Et hätt noch emmer jot jejange“) weiter zu feiern. Eben auch Weihnachten.

100 kleine Päckchen

Türkei

Ursula August ist Pfarrerin der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde in der Türkei, evkituerkei.org.
Seit September treffen sie sich zum Handarbeiten und Backen: die Frauen aus den christlichen deutschsprachigen Gemeinden Istanbuls, die ihre Stände für den deutschen Weihnachtsbasar an der Deutschen Schule vorbereiten. In diesem Jahr findet dieser zum 53. Mal statt, wie immer am Samstag vor dem ersten Advent. Erwartet werden über tausend Menschen unterschiedlicher Religions- und Weltanschauungen. Sterne, Adventskränze, Saft, Punsch und Printen, Rostbratwurst und Sauerkraut – „Gutes aus Deutschland“ ist der große Hit.

Anfang Dezember sind auch die großen Einkaufsstraßen in Beyoglu geschmückt, dem Stadtteil, in dem unsere Evangelische Kreuzkirche liegt: Da gibt es blinkende Schneekristalle als Straßenbeleuchtung, den Baba Noel (Nikolaus), rote dicke Kugeln, Tannengirlanden und Weihnachtsbäume. Zum Weihnachtsfest selbst herrscht allerdings ganz normaler Alltag. Die Weihnachtsatmosphäre dient sozusagen der Vorbereitung auf Silvester, „Mutlu Yillar“ ist deshalb vielerorts zu lesen: „Ein gutes neues Jahr!“

In diesem Jahr wird das Städtebild noch durch etwas anderes geprägt sein: die Flüchtlinge aus Syrien. Kinder und Jugendliche wärmen sich vor der warmen Abluft von Reinigungen, bitten um Gaben auf den Straßen. In einer der Kirchen Istanbuls gibt es ein „Ecumenical christmas prayer for Refugees and Migrants“ aller Kirchen, in verschiedenen Sprachen. Erzählt werden alte und neue Flucht- und Hoffnungsgeschichten.

In unserer Kreuzkirche beginnen ab dem zweiten Adventssamstag die Proben für das Krippenspiel. Über 20 Kinder und Jugendliche im Alter von drei bis 14 Jahren kommen – ihre Eltern treffen sich währenddessen parallel zu einem Kaffeetrinken im Gemeindesaal der Kirche. Die Adventssonntage sind kirchenmusikalisch geprägt, am dritten wird Tauferinnerung gefeiert. Die Nikolausfeier findet gemeinsam mit den katholischen deutschsprachigen Gemeinden in der österreichischen Gemeinde St. Georg statt.

Obwohl die Christen nur noch 0,15 Prozent an der Gesamtbevölkerung in der Türkei ausmachen, Noel (Weihnachten) ist ein Fest, was man kennt, und nicht nur in einer Megacity wie Istanbul. Zur Adventszeit besuchen die Imame der benachbarten Moscheen die Kreuzkirche, am Heiligabend schickt der Bürgermeister des Stadtteils Blumen und über 100 kleine Geschenkepäckchen für die Kinder, die muslimischen Nachbarn gratulieren zum Fest. Die Zeitungen des Landes berichten über die Gottesdienste der verschiedenen Denominationen. Staatsoberhaupt und Minister grüßen zum Fest oder besuchen manchmal auch die übervollen Gottesdienste am 24., 25. Dezember oder sechsten Januar, zu denen überall in der Stadt die Glocken läuten.

Es ist die Hoffnung der Christen, dass sie weiterhin in diesem Land wahrgenommen, geschützt und als gleichberechtigte Bürger anerkannt werden.

Das Jahr vergessen

Japan

Auslandspfarrerin Gabriele Zieme-Diedrich betreut die deutsche Gemeinde in Tokio, kreuzkirche-tokyo.jp.

Die Japaner lieben „Kurisumasu“ (Christmas) wegen der bunt-glitzernden Dekoration in den Schaufenstern. Sie feiern zum Jahresende selbst gerne und viel: In Unternehmen und Vereinen kommt man zu feuchtfröhlichen „Bônenkai“-Feiern zusammen, um das vergangene Jahr zu „vergessen“. Wir würden wohl eher sagen: verabschieden. Reichlich Essen und Trinken, Auktionen und Tombolas – „Bônenkai“ erinnert an deutsche Firmenweihnachtsfeiern, bis auf einen Programmpunkt: die traditionelle Herstellung von Mochi, dem süßen Reiskuchen. Dabei wird gekochter Reis in einem Holzbehälter so lange gestampft und gehämmert, bis sich die Stärke löst und eine breiige formbare Masse entsteht. Mochi gibt es auch bei „Shinnenkai“, den Neujahrsfesten. Für japanische Familien sind die Feierlichkeiten in der ersten Januarwoche etwa so bedeutsam wie bei uns die Weihnachtsfeiertage.

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