Arbeitsbedingungen in Bangladesch

Weg von der Billigkultur
Hinterbliebene trauern in Dhaka um die toten Textilarbeiterinnen

Foto: Rana/Pacific Press/LightRocket/Getty Images

Hinterbliebene trauern in Dhaka um die toten Textilarbeiterinnen

Im Frühjahr 2013 stürzte ein Komplex mit Textilfabriken in Bangladesch ein. Hat man aus der Katastrophe gelernt?

chrismon: Was hat sich seit der Katas­trophe von Rana Plaza, bei der über tausend Menschen starben, verändert?

Axel Schröder: Unmittelbar nach dem Unfall wurde – unter anderem – der „Bangladesh Accord on Fire and Building Safety“ vereinbart, von der Internationalen Arbeitsorganisation, Arbeitsrechtsnetzwerken, globalen Gewerkschaftsverbänden, lokalen Gewerkschaften und Markenherstellern.

Was sieht dieses Abkommen vor?

Endlich rechtsverbindliche Vorgaben: Wer in den Fabriken fertigen lässt, muss für Gebäudesicherheit und Brandschutz sorgen. In jedem Betrieb, der am „Accord“ teilnimmt, sind Arbeitsschutzkomitees vorgesehen. Sie sollen überwachen, ob die Sicherheitsbestimmungen umgesetzt werden. In so einem Komitee sitzen auch Gewerkschafter. In Bang­ladesch gibt es keine großen Branchengewerkschaften wie bei uns, sondern viele ­kleine Betriebsgewerkschaften, die unter Re­pressionen leiden. Mit den Komitees könnte sich so etwas wie eine demokratisch gewählte Arbeitnehmervertretung etablieren, die rechtlich garantiert ist. Fabriken werden sicherer werden. In Bangladesch gibt es mehr als 3000 Textilfabriken, die Hälfte ist beim „Accord“ dabei.

Also alles super?

Nein! Die Auftraggeber – also die westlichen Firmen, die dort produzieren lassen – und die Politik in den Herstellungsländern müssen noch viel mehr tun. Der staatliche Mindestlohn für Beschäftigte der Bekleidungsindus­trie liegt bei 68 Dollar – im Monat! Das reicht nicht zum Überleben.

Und die Kunden?

Müssen weg von der Billigkultur. Eine Verdreifachung der Löhne in Bangladesch hätte bei uns eine Verteuerung um maximal einen Euro pro Kleidungsstück zur Folge.

Wie ist die Situation in zehn Jahren?

In Bangladesch ein wenig besser – wegen des „Accords“ und weil es bei uns mehr Bewusstsein für ethischen Konsum gibt. Die Menschen in Bangladesch können ihre Probleme durch das Internet auch besser in die Welt tragen. Derzeit siedelt sich internationale Textilindustrie in afrikanischen Ländern an. Wir müssen aufpassen, dass sich der Fehler im System dort nicht wiederholt.

Und der wäre?

Extrem asymmetrische Wirtschaftsbeziehungen: Die finanzstarken Auftraggeber profitieren von der Konkurrenz unter den Tausenden Herstellern im globalen Süden. Extremer Preisdruck trifft auf diesen Unterbietungswettbewerb. Wer so produzieren lässt, empfindet keine Verantwortung wie für einen „eigenen“ Betrieb. Das ist der Grund für ­einstürzende Fabriken und dafür, dass ­Menschen mit ihrer Arbeit kaum ihre Exis­tenz sichern können. 

Axel Schröder

Axel Schröder, Jahrgang 1987, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Projektgruppe „Globalisierung, Arbeit und Produktion“ am Wissenschaftszentrum Berlin.
Foto: pr

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Lesermeinungen

Sehr geehrte Redaktion!

Die Argumentation von Axel Schröder führt in die richtige Richtung. Denn die westlichen Firmen drücken sich trotz einiger Fortschritte weiterhin vor ihrer Verantwortung in Ländern wie Bangladesch, da es ein leichtes wäre, für faire Arbeitsbedingungen zu sorgen, indem man zum Beispiel die Fabriken zur Herstellung der Textilprodukte erwirbt und in Eigenregie mit einem starken Kontrollsystem weiterführt.

Deshalb sollte man hier gerade seitens der Kirche und der Politik einen stärkeren Druck insbesondere auf die großen deutschen Sportartikelmarken ausüben. Schließlich zeigen die exorbitanten Gewinnmargen etwa bei Bundesligatrikots sehr deutlich, dass Geld genug für ein ethisches Umdenken vorhanden ist und in der Regel nur der Wille in den Vorständen sowie Aufsichtsräten dafür fehlt, sich mit der christlichen Soziallehre als entscheidendes Vorbild für eine menschenwürdige Globalisierung zu befassen!

 

Rasmus Ph. Helt, Hamburg

Wie wäre es denn mal mit der umgekehrten Argumentation? Dort sagen die Arbeiter, für diese Hungerlöhne werden wir für euch nicht mehr arbeiten. Die haben dann nichts mehr zu tun. Sofort wird bei uns weniger verbraucht und die Ausgaben der Verbrauer wenden sich anderen Konsumartikeln zu. Oder die Ware geht über den Umweg China, Vietnam und Thailand dann doch den Weg zu uns. Alternativ: Sie erwerben dort eine Fabrik (Kolonisation durch Kapitalismus), die nach unseren Maßstäben produziert. Dann werden sich dort die bisher schon tätigen Arbeitsvermittler (Arbeitsämter wie bei uns gibt es nicht!) mit Freude der Situation bemächtigen und den Arbeitern (wie früher bei uns in der Schuldknechtschaft und jetzt bei den Flüchtlingen) noch mehr Provision abnehmen. Wenn H+M, C+A, DM und Rossmann höhere Preise als Zarlando oder Amazon verlangen, haben wir hier auch nichts mehr zu tun. Wenn Sie zur Sicherung ihrer Forderungen dort unsere Gesetze anwenden wollen, dann müssen sie vorher Soldaten senden. Die tatsächlich exorbitanten T-Shirts mit den 4 Sternen sind ein typisches Beispiel dafür, dass der, der unbedingt etwas haben will, obwohl seine Existenz davon nicht abhängt, genauso auf den Produkt-Anbieter angewiesen ist, wie der, der täglich leben will und deshalb auf unser Geld-Angebot angewiesen ist. Er hat sonst keine Alternative, weil er täglich leben will. Die Hamsterkäufe nach 1945 sind dafür ebenfalls das beste Beispiel. Wenn sie ein von ihrer Oma geerbtes Baugrundstück verkaufen wollen, wählen Sie (wenige Altruisten ausgenommen) auch den Meistbietenden aus und hören nicht auf die Klagen des Interessenten mit 4 Kindern.

Leo Aul schrieb am 11. Dezember 2015 um 10:37: "Wie wäre es denn mal mit der umgekehrten Argumentation?" Die ist genau so daneben wie die ursprüngliche Argumentation. Bei Herrn Rasmus Ph. Helt (Leserbrief) heißt es am 7. Dezember 2015 um 13:27: "dass Geld genug für ein ethisches Umdenken vorhanden ist". Das ist ein Irrtum. Keine Firma ist in der modernen marktwirtschaftlichen Welt dazu da, einen bestimmten Profit zu machen und dann über einen evtl. Extraprofit nach Gutdünken zu verfügen. Jede Firma existiert überhaupt nur dazu, möglichst viel Profit zu machen. Langfristig, versteht sich. Danach richtet sich, wo was an Rohstoffen, Hilfsstoffen, zweibeinigem Arbeitsvermögen usw. gekauft wird, wie produziert wird, was investiert wird, wieviel von welchem Kredit aufgenommen wird, was für nervtötende moderne Imagekampagnen ("soziale Verantwortung") und sonstige althergebrachte Reklame ausgegeben wird.
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Es ist völlig unerheblich, ob irgendwelche Menschenfreunde sich hinstellen und eine menschenwürdige Globalisierung fordern, was auch immer das sein soll. Da sind schon die näher an der Wahrheit dran, die aus Sorge um das Unternehmerglück solche Vorschläge ablehnen, als Argument aber selbstverständlich die Sorge um Arbeitsplätze und Preisstabilität anführen. Tatsache ist, dass der Normalmensch immer der Gelackmeierte bei dieser Veranstaltung sein wird. Übrigens nicht, weil die christliche Soziallehre angeblich zu wenig in den Köpfen von Aufsichtsräten herumspukt, sondern weil es in diesem Wirtschaftssystem Gesetzmäßigkeiten gibt, die kaum einer kennen und aussprechen will. Die Moralwächter von der christlichen Soziallehre oder der gewerkschaftlichen Sozialpartnerschaftsideologie schon gar nicht.