Religion für Einsteiger: Wie kann Jesus Gottes Sohn sein?

Das Urchristliche Bekenntnis
Baum aus Buchstabennudeln, der Jesus und Gott beschreibt

Lisa Rienermann

Jede Zeit findet und formuliert neue Sprachbilder für die Nähe Gottes zu den Menschen.

Es gibt so viele Titel für Jesus von Nazareth. Die schönsten bringen sein inniges Verhältnis zu Gott zum Ausdruck

Einmal im Ohr, will es so schnell nicht wieder raus: „Stille Nacht, ­heilige Nacht“ – ein sehr altes Weihnachtslied und weltweit verbreitet. Weihnachten ohne „Stille Nacht“, das können sich viele gar nicht vorstellen. Dabei geht der Text ziemlich eindeutig mit theologischen Aussagen um und versieht den Säugling in der ­Krippe mit einer besonderen Verwandtschaft. In der dritten Stophe heißt es nämlich: „Stille Nacht, heilige Nacht, Gottes Sohn, oh wie lacht Lieb aus deinem göttlichen Mund...“

Jesus ist Gottes Sohn - wie das zu verstehen ist, erklärt Pastor Henning Kiene. Außerdem sagt er, welche Rolle der Heilige Geist dabei spielt.
Die Vorstellung, der Titel vom Gottessohn ist sehr bedeutsam für den christlichen Glauben, doch nicht in jeder der biblischen Weihnachtsgeschichten hat sie ein gleich großes  Gewicht. Der Evangelist Matthäus zum Beispiel wählt lieber die Formulierung, Maria habe das Kind vom Heiligen Geist empfangen.

Es war nach der Taufe des erwachsenen Jesus im Jordan, dass eine Stimme aus dem Himmel rief: „Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen“ (Markus 1,11). Genau diese Himmelsstimme, in der ­Religionsgeschichte kein ungewöhnliches Phänomen, war möglicherweise der Ursprung aller ähnlichen Erzählungen über Jesus als Sohn Gottes. Es geht hier um eine liebevolle Zuwendung Gottes.

Die Bezeichnung wurde schließlich ein zentrales Bekenntnis im Urchristentum. Und bis heute wird Jesus Christus so genannt. Beim Segen sprechen Christen die Worte: „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes“, und im Apostolischen Glaubensbekenntnis: „Ich glaube an Gott (...) Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn.“

Ein besonderes Vertrauensverhältnis

Gottessöhne gab es auch in anderen ­antiken Kulturen. Schon bei Homer ist von den „Söhnen des Zeus“ die Rede („Odyssee“ 11,568), Zeus ist der „Vater der Menschen und Götter“ (Ilias 1,544). Alexander der Große gilt als Sohn des Ammon. In der römischen Kaiserzeit breitete sich die Vorstellung von den Gottessöhnen über den ganzen Kulturkreis aus. Römische Kaiser schmückten sich mit dem Titel „Divi filius“ – Sohn des Göttlichen, Ärzte nannten sich Söhne des Gottes Asklepius. All dies sollte ihre überirdischen Kräfte beziehungsweise ihren Herrschaftsanspruch betonen.

Wofür sind die Engel da?

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Das christliche Bekenntnis zum Sohn Gottes unterscheidet sich davon deutlich: Es unterstreicht keinen weltlichen Herrschaftsanspruch, sondern dass sich Gott aus Liebe für das Wohl der Menschen einsetzt. Wichtiger als Jesu Ankunft sind seine Kreuzigung und Auferstehung. Erst von hier aus fällt der Blick zurück auf seine Geburt, und erst vor diesem Hintergrund bekommt der Titel „Sohn Gottes“ seine ­eigentliche Bedeutung. Er deutet auf ein besonderes Vertrauensverhältnis, eine besondere Nähe zwischen „Vater“ und „Sohn“. Da spielen geradezu fami­liäre Vorstellungen mit hinein, wie sie auch im Gebet Jesu an seinen „Abba“, seinen Vater, deutlich werden. Ein solch inniges Verhältnis zu Gott legte Jesus auch seinen Anhängern nahe. Deshalb lehrte er sie das Vaterunser, das Gebet, das er, der fromme Jude, selber sprach.

Neben diesen familiären Vorstellungen  gab und gibt es viele andere. Im hellenistischen Christentum, dem des griechisch sprechenden Weltreichs, galt Jesus auch als „Abbild“ des unsichtbaren Gottes. Der Apos­tel Johannes spricht von einem schon immer existenten, Fleisch gewordenen  „Wort“ (Logos). Bei Paulus, dem Autor zahlreicher Briefe, überwiegt das Jesus-Attribut „Herr“, ohne dass er dem Titel „Sohn Gottes“ seine Bedeutung absprechen würde.  

Jede Zeit findet und formuliert neue Sprachbilder für die Nähe Gottes zu den Menschen. Der Glaube der Menschen entwickelt sich weiter. Der evangelische Theo­loge Wolfgang Huber zum Beispiel prägte – in Anlehnung an Joseph Ratzinger – den Satz: „Jesus bringt den Menschen Gott.“ Von einer physischen Abstammung Jesu ist hier nicht die Rede. Es ist eine in ihrer Offenheit wunderbare Formulierung, offen für eine Vielzahl neuer Formulierungen, offen für die unterschiedlichsten Anknüpfungspunkte im Leben Jesu.

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Lesermeinungen

Zitat: "Es ist eine in ihrer Offenheit wunderbare Formulierung, offen für eine Vielzahl neuer Formulierungen, offen für die unterschiedlichsten Anknüpfungspunkte im Leben Jesu".

Mit anderen, aber sinngemäßen Worten: JEDER SUCHT SICH DARAUS SEINEN PERSÖNLICHEN GLAUBEN. Für das hellenistische (Ur?) Christentum war Jesu nur ein Abbild. Johannes und Paulus nennen unterschiedliche Definitionen. Herr Huber spricht nicht explizit von einer Gottesabstammung von Jesu. So bleibt vom Weihnachtsfest nichts mehr übrig und der Anspruch: "Sie redeten mit vielen Zungen", ist erfüllt. Ganz anders als ursprünglich gedacht. Man nimmt es, wie man es braucht. Die Offenheit wird gepriesen, die Vielfalt ist unvermeidlich und dennoch soll alles in einer Person enden. Wenn Glauben schon nicht Wissen sein kann, dann sollte zumindest der Glaube die Gläubigen in seinem Zentrum einen. Das ist aber nicht möglich, wenn jeder seinen eigenen Weg geht. Eine grenzenlose Beliebigkeit als Errungenschaft eines Glaubens zu zu feiern, ist ein Armutszeugnis. So können nur fehlgeleitete Gehirnakrobaten argumentieren. Wenn die dann mit diesem Glaubenswirrwarr auch noch den Anspruch erheben, zu missionieren, einfache Gemüter damit überzeugen zu können, dann ist für diesen konstruierten Glauben jeder Cent zu viel bezahlt.

Glaube an den von Jesus v.N. verkündeten Gott ist unverzichtbar!
Meine feste Überzeugung ist es, dass es in meinen Augen unverzichtbar ist, an den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs festzuhalten – dieser Glaube ist und bleibt für mich die conditio sine qua non des Christentums. Wer daran rütteln will, der soll mit offenem Visier dafür eintreten und seine Argumente vortragen – mein Weg ist das nicht.
Eine ganz andere Frage ist für mich jedoch, ob wir an den dogmatisch verankerten Glaubenssätzen der ersten vier Konzilien festhalten müssen. Was sollen wir im aufgeklärten 21. Jahrhundert z.B. mit einer Trinitätstheologie anfangen, die kein Theologe in nachvollziehbarer Weise im Hier und Heute mehr erklären bzw. verständlich machen kann – geschweige kann man die Sinnhaftigkeit solcher Beschlüsse für eine christliche Lebensgestaltung in der Gegenwart darlegen. Die gesamten Beschlüsse von Nicäa (325) bis Chalcedon (451) verdanken ihre Darlegungen der hellenistisch-griechischen Philosophie in der damaligen Zeit. Das mag für die damaligen Menschen nachvollziehbar gewesen sein – für uns Menschen heute bleiben diese Beschlüsse ein Fremdkörper.
Bereits zur Zeiten der Entstehung der Beschlüsse zur Trinität hat es erhebliche Abspaltungen und Risse innerhalb der Theologen gegeben und zu Kirchenspaltungen geführt; ich kann an dieser Stelle nur Stichwörter liefern: Modalismus, Sabellianismus, Arianismus, Patripassianismus, Doketismus, Dynamismus, Nestorianismus, Subordinationismus, uvam.
Die Christen der Urkirche haben sehr wohl auch ohne eine Trinitätstheologie, Erbsündentheologie und Opfertheologie leben können – ohne dabei das Erbe des Jesus von Nazareth verraten zu haben!
Jesus von Nazareth bleibt für mich die Mensch gewordene Botschaft Gottes auf Erden. Er ist und bleibt für mich Richtschnur und Anker meines christlichen Glaubens und meiner Lebensgestaltung (!) – seine Botschaft vom Beginn des Reiches Gottes (inclusive seiner Bergpredigt) sind für mich nicht verhandelbare Essentials meines jesuanischen Glaubens.
Vielleicht sollten wir Christen uns mehr des Satzes von Rabbiner Ben-Chorin bewusst werden, der nüchtern feststellt: „Der Glaube Jesu eint uns, der Glaube an Jesus trennt uns.“ Wenn das Christentum schon im 3. und 4. Jahrhundert sich des Glaubens des jüdischen Wanderpredigers Jesus von Nazareth bewusst gemacht und seine frohmachende Botschaft – ohne jegliche metaphysische Theologisierung und Dogmatisierung – in den Mittelpunkt einer ausschließlich jesuanischen Verkündigung gestellt hätte, wäre dem Christentum viel an Gewalt, Spaltungen und Kriegen erspart geblieben und hätte jedoch andererseits in überzeugender Weise gewonnen an Barmherzigkeit, Menschen- und Nächstenliebe und unjesuanischer Überheblichkeit und Machtversessenheit!
Paul Haverkamp, Lingen

Das Glaubensbekenntnis muss unter heutigen Prämissen reformuliert werden!

„Jede Zeit findet und formuliert neue Sprachbilder für die Nähe Gottes zu den Menschen. Der Glaube der Menschen entwickelt sich weiter. Der evangelische Theo¬loge Wolfgang Huber zum Beispiel prägte – in Anlehnung an Joseph Ratzinger – den Satz: „Jesus bringt den Menschen Gott.“ Von einer physischen Abstammung Jesu ist hier nicht die Rede. Es ist eine in ihrer Offenheit wunderbare Formulierung, offen für eine Vielzahl neuer Formulierungen, offen für die unterschiedlichsten Anknüpfungspunkte im Leben Jesu.“

Diesen Ausführungen von Herrn Kopp möchte ich ohne Wenn und Aber zustimmen.

Begründen möchte ich meinen Standpunkt in dieser Frage mit den folgenden Ausführungen:

Das seit dem 5. Jahrhundert in der heutigen Form schriftlich belegte Apostolische Glaubensbekenntnis greift allein die Eckepunkte des Lebens Jesu auf, nämlich Geburt und Tod.; enthalten sind keinerlei Hinweise auf seine spezifische Botschaft.

Während Jesus als sein Evangelium lehrte, wie in dieser Welt mitmenschlich gelebt werden kann , wurde dieser Inhalt nun ausgetauscht gegen die Botschaft von Jesus als dem Christus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen. Das zentrale Programm Jesu trat zurück hinter die Deutung seiner Person. Während Jesus keine Lehre verkündete, die zu glauben sei, sondern eine Existenzform praktizierte, die gelebt werden will, entwickelte sich im hellenistischen Milieu die metaphysische Vorstellung von einem präexistenten Gottessohn, den Gott gesandt habe, um die Menschheit durch seinen Tod am Kreuze wieder mit sich zu versöhnen.

Das Apostolische Glaubensbekenntnis greift allein die Eckpunkte des Lebens Jesu auf, Geburt und Tod, unterlässt aber jeden Hinweis auf seine spezifische Botschaft. Aus dem jesuanischen Lebenskonzept wurde ein philosophisches Lehrgebäude, das von einer immer stärker auf Macht, Reichtum und Ansehen setzende Kirchenhierarchie unter Androhung von Strafen von den Gläubigen zu bezeugen abverlangt wurde. Waren Gleichnisse und Bergpredigt noch auf eine Veränderung konkreter Alltagsrealität bedacht, versucht die Papstkirche mit Hilfe eines ausgefeilten Strafandrohungskatalogs ihren philosophischen überhöhten Glauben als Zwangs- und Drohbotschaft den Menschen aufzuoktroyieren.

Erst mit dem Übergang zu einem stärker hellenistisch geprägten Christentum bildete sich die Vorstellung von einer Präexistenz Jesu und seines Gottseins aus, weil dies der griechischen Erlösungssehnsucht entsprach: „Gott wurde Mensch, damit wir Gott werden.“ – dieses Prinzip des Tausches durchzieht die gesamte griechisch-christliche Literatur. Trinitarische Hinweise kennt das Neue Testament nicht.

Vor allem in den Anfängen kennt das Christum keine trinitarischen Gottesvorstellungen und auch kein Gottsein Jesu. Die Bibelwissenschaft hat gezeigt, dass Jesus den alttestamentlichen Gott verehrte. Wenn er ihn „Vater“ nannte, ist das als ein Zeichen seine Nähe und seines Vertrauens zu Gott zu verstehen. Auch die synoptischen Evangelien kennen nur den einen Gott. Wenn Jesus bei den Synoptikern „Sohn Gottes“ genannt wird, so ist damit nicht mehr gemeint als im Alten Testament, das den jüdischen König, weitere Gestalten und auch ganz Israel so benennt. Die Vorstellung eines immer schon existierenden Jesus (Präexistenz) und seiner Menschwerdung ist „ nicht in den synoptischen Evangelien greifbar“, schrieb der renommierte evangelische Bibelwissenschaftler Johannes Gnilka.

„Die neutestamentlichen Aussagen der Präexistenz Jesu und entsprechend die Aussagen seiner Inkarnation sind im Zuge des Anliegens, die Singularität Jesu aufzuzeigen, auf Grund von zeitgeschichtlichen Faktoren im hellenistischen (juden- und heidenchristlichen) Raum entstanden. Im palästinensisch – judenchristlichen Raum sind Präexistenzaussagen zur Sicherung der Singularität Jesu weder notwendig noch nachweisbar. An ihrer Stelle ist der Begriff der Sendung zu beachten.“, stellt der 1998 verstorbene neutestamentliche Exeget Wilhelm Thüsing aus Münster fest.

Hinter der Hervorhebung, nur noch den Gekreuzigten und Auferstandenen kennen zu wollen und zu sollen, geht Jesu „Reich-Gottes-Programmatik“ verloren. Zentral wurde die Deutung des Todes Jesu als „Sühnetod“ und immer mehr in Vergessenheit geriet das Wissen darum, dass die Botschaft Jesu von der Liebe Gottes bereits als Erlösungsbotschaft verstanden werden muss und keiner zusätzlichen Leistung bedarf. Jesus hat sein Sterben noch nicht als „Sühnetod“ verstanden, denn ein solcher passt nicht zu seiner Überzeugung von der Gottesherrschaft, wo Gott selbst von sich aus, in seiner Barmherzigkeit Sünden vergibt.

Die Ausformulierung der christlichen Glaubenslehren wurden durch die kirchlichen Konzilien ab dem 4. Jahrhundert von der griechischen Philosophie maßgeblich beeinflusst : Das Eigentliche sind die jenseitigen Ideen, und von der sichtbaren Welt kann man auf die unsichtbare Welt zurückschließen. In dieser Metaphysik fanden die Theologen der alten Kirche ein Instrumentarium, die Lehre von Gott und Christus auf den dogmatisch sicheren Begriff zu bringen.

Im Nicäno-Konstantinopolitanum heißt es u.a. :

„gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater“
Wenn man heute einem ganz normalen Kirchgänger ( ich zähle mich zu denselben) bittet, zu erklären, was diese Aussage für ihn bedeutet, so wird man, das sind zumindest meine Erfahrungen, nur ein kopfschüttelndes Gestammel hören, das in dem Satz endet: „Ich weiß es auch nicht.“

Als Menschen im 21. Jahrhundert haben wir, das ist meine Überzeugung, doch ein Recht darauf, in sprachlich verständlicher Weise vermittelt bekommen, woran wir glauben sollen.

Das ist eines meiner zentralen Anliegen!

Es geht mir um das Recht eines sich als aufgeklärt verstehenden Christen im 3. Jahrtausend, der wissen möchte, was wir heute unter den Formulierungen aus dem 4. bzw. 5. Jahrhundert zu verstehen bzw. zu glauben haben. Das meine ich mit meiner Forderung nach „Reformulierungen“. Hier sind Theologen gefragt, die allerdings sich nicht in einem theologischen „Höhenrausch“ befinden, sondern in einer volksnahen Sprache (mit „Bodenhaftung“), die auch Jesus damals gewählt hat, unter heutigen Prämissen Formulierungen zu finden, um uns Laien die Botschaft Jesu und den Kern der christlichen Glaubensbotschaft in der heutigen Sprache als Angebot zu vermitteln. In dieser Metaphysik fanden die Theologen, die sich dem antiken Weltbild und der griechischen Philosophie verpflichtet fühlten, im 4. und 5. Jahrhundert ein Instrumentarium, die Lehre von Gott und Christus auf den dogmatisch sicheren Begriff zu bringen. Doch uns von der Aufklärung geprägten Menschen im 1. Jahrhundert des 3. Jahrtausends vermögen diese Formulierungen kaum noch das Rüstzeug zu geben, um uns im Glauben als „jesuanische Botschafter“ zu verstehen.

War Jesu Evangelium noch wirkliche Freudenbotschaft, zumal für die Bedrängten und gesellschaftlich Randständigen, so kommt in den heutigen Glaubensbekenntnissen ein drohender Unterton auf. Hinter der Hervorhebung, nur noch den Gekreuzigten und Auferstandenen kennen zu wollen, geht Jesu Reich-Gottes-Programmatik verloren.

Mit Einschüben aus der jesuanischen Reich-Gottes-Botschaft, dem zentralen Programm Jesu, muss das Glaubensbekenntnis ergänzt und sprachlich reformuliert werden.

Christliches Selbstverständnis und christlicher Glaube basieren nicht ausschließlich auf einem „regressiven Identitätsgedächtnis“ (Werbick). Kirche darf ihren „Honig“ nicht nur aus Vergangenheitserinnerungen saugen, sondern es gilt deutlich zu machen, dass Gott seine segnende und heilende Begegnung in jeder Gegenwart seinem Volk aufs Neue macht; Gott widerfährt seinem Volk immer wieder neu. Es muss also – wie der in El Salvador lebende Jesuit und Befreiungstheologe Jon Sobrino formuliert – immer wieder daran erinnert werden, dass „Gott ein ‚Heute’ hat, nicht nur ein bereits bekanntes und interpretiertes ‚Gestern’, weil er mit der Gegenwart seiner Schöpfung eine Absicht verbindet, nicht nur in der Vergangenheit.“

Sich Gottes Heute und Morgen zu stellen, macht es erforderlich, Überliefertes, Vertrautes und Gelerntes auch hinter sich lassen zu müssen, ohne jedoch die Erinnerung in Vergessenheit geraten zu lassen, in der Kirche sich ihrer Identität und Sendung immer wieder aufs Neue bewusst macht und machen muss. Jedoch – und das zeigt die Geschichte immer wieder, realisiert sich Identität vor allem nicht in bewusster Wiederholung des angeblich immer so Dagewesenen, sondern bedeutsam und als eigentliche Quelle für Identität erweist sich die Vermittlung Kontinuität und Diskontinuität ; Kontinuität impliziert auch Diskontinuität, denn aus dem Entwicklungsprozess geht das Andere, das Neue, das für die Gegenwart und Zukunft Bedeutsame hervor. Die Wandlung ermöglicht eine neue Erfahrung dahingehend, dass man sich genau in ihr selbst treu bleibt bzw. erst sich in ihr wieder neu entdeckt. Biblische Erfahrungen und Vorbilder fordern gerade zu einem auch in der Gegenwart unverzichtbaren „Exodus“ heraus.

Zeiten, in den Diskontinuitäten und Umbrüche sich vollziehen, schaffen jedoch nicht nur Zufriedenheit und Harmonie. Vielen Menschen sitzt die Angst tief im Nacken vor dem Zusammenbruch des bisher so Gewohnten und persönliche Sicherheit Vermittelnden. Bohrende und zugleich an sich zweifelnde Fragen hinsichtlich des eigenen Verhaltens in der Vergangenheit („Es kann doch nicht alles falsch gewesen sein, woran ich bisher geglaubt und wofür ich eingetreten bin!“) rufen eine Mischung von Trotz und Resignation hervor. Die Angst vor Erneuerungen und Reformen verschließt häufig die Ohren für eine Argumentation, die darauf hinweist, dass diejenigen, die der Kraft des Hl. Geistes misstrauen und eigene Sicherheitsgewohnheiten nicht abzulegen bereit sind, die Kirche im Hier und Heute schon für tot erklärt haben. Johannes XXIII. wusste, dass viel Altgewohntes auf der Strecke bleiben würde; dennoch war er beseelt von der Erkenntnis, dass die Fenster der Kirche weit geöffnet werden sollten, um den Startschuss für eine Runderneuerung der Kirche zu geben; oder, um es mit den Worten des Konzils zu sagen, die Kirche als eine „ecclesia semper reformanda“ zu verstehen.

Für den Befreiungstheologen Jon Sobrino ist es eine ekklesiologisch entscheidende Frage, wie Kirche mit dem Angebot Gottes für das ‚Heute’ umgeht. Für Sobrino steht außer Zweifel, „dass Gott heute immer noch sprechen kann, und zwar in der Weise der Neuheit Gottes, die sich nicht einfach aus dem, was wir schon von ihm wissen, deduzieren oder extrapolieren lässt. Es bedeutet demnach prinzipiell und methodologisch, sich vieler Dinge zu entledigen, auch wenn die Kirche meint, sie besäße schon viel von Gott. Es bedeutet, das Nichtwissen zu akzeptieren, um von Gott und von seinem Willen heute etwas erfahren zu können.“

Christlicher Glaube darf nicht verstanden werden als starre Ritualisierung von in Stein gemeißelten Glaubensformeln und Liturgiekonventionen, sondern – wenn Glaube lebendig bleiben soll – muss eine Vielfalt von Ausdrucksmöglichkeiten erlaubt, ja gefordert werden, damit die jesuanische Botschaft nicht in ein Mausoleum eingekerkert wird, sondern als blühender Garten immer wieder neue Triebe und Blüten hervorbringen kann, die das Bild dieses Gartens aus der Sterilität und Strenge eines nur von Vorschriften dominierten Gartens herausführen und Möglichkeiten eröffnen, dass vom Hl. Geist beseelte Menschen – genau wie Paulus vor 2000 Jahren – wieder diesem Garten mit einem göttlichen Atem ein neues Antlitz verschaffen, so dass Menschen wieder Freude und Zuneigung empfinden, die jesuanische Botschaft vom Reich Gottes unter den Prämissen der Gegenwart in diesem Garten zu einer neuen Wirklichkeit zu verhelfen. Jedes normative System, mag es noch so heilig sein, kann durch Menschen zu einer destruktiven und tötenden Macht pervertieren. Bei Paulus heißt es: „Das Gesetz ist heilig, und das Gebot ist heilig, gerecht und gut“. (Röm 7,12) Das Gesetz wird nur in den Händen menschlicher Sünde zur Unheilsmacht. Es ist eine ambivalente Macht, denn sie bewirkt als „Geist“ Leben und als „Buchstabe“ Tod. (vgl. Röm 7,6 mit 2Kor 3,6)

Für mich steht fest, dass die christlichen Kirchen, wenn sie nicht jede Bedeutung verlieren wollen, wieder zurückkehren müssen zu den „jesuanischen Quellen“. Die Botschaft vom Reich Gottes, die Jesus den Menschen seiner Zeit in Gleichnissen, Parabeln und Bildern vor Augen geführt hat, muss heute wieder neu entdeckt – und ohne philosophischen Überhöhung den Menschen der heutigen Zeit als Angebot zur Lebensgestaltung vermittelt werden. Die Fragen, Sorgen und Ängste der Menschen haben sich nicht geändert : Gefordert ist eine lebens-und gegenwartsnahe, „geerdete“ Vermittlung der Worte, die Jesus in seiner Reich-Gottes-Botschaft“ den Menschen seiner Zeit immer wieder vorgetragen hat. Die jesuanischen Quellen sind unererschöpflich – sie verlangen nur nach einer kreativen Neuinterpretation unter den Prämissen einer sich ständig verändernden Welt!

Die Forderung nach einer kreativen Neuinterpretation gilt insbesondere auch für das Apostolikum – und zwar unter besonderer (!!!!) Berücksichtigung des Kerns der jesuanischen Botschaft vom Reich Gottes!

Paul Haverkamp, Lingen

Ich finde das Sprachbild von Ratzinger/Huber "Jesus bringt den Menschen Gott" steht völlig auf dem Boden des Evangeliums, und ist insofern nichts originell neues. So sagt Jesus " Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen." (Joh. 14,9) oder "Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart" (Joh. 17,6). Ich habe den Eindruck, Sie messen den synoptischen Evangelien einen höheren Stellenwert bei als dem Johannes-Evangelium. Wenn Sie die Jesus-Bücher von Benedikt XVI./J. Ratzinger gelesen haben, dann kennen Sie vielleicht das Kapitel, in dem Benedikt einen Kurzabriß der modernen Theologie gibt, von "christozentrisch" bis "regnozentrisch" - und am Ende schließt er mit der bestürzenden Erkenntnis, dass plötzlich von Gott nicht mehr die Rede ist. Wenn das der Weg sein soll, der für uns aufgeklärte Menschen des 21. Jahrhunderts der angeblich einzig richtige ist, dann möchte ich Ihnen sagen, dass ich den nicht mitgehen will. An mir selbst (Beruf: Physiker) stelle ich fest, dass mir trotz all dem aufgeklärten Denken, Vernunft etc. etwas fehlt, das ich aus eigener Leistung des Verstandes nicht erreichen kann. Und das ist, so meine ich zu ahnen, genau das, was Christus uns gebracht hat, um in dem Sprachbild zu bleiben. Und da gehört auch Christi Tod und Auferstehung dazu. Ich bin nicht so vermessen zu meinen, ich als Mensch des 21. Jh. wäre so etwas besonderes, dass für mich das Glaubensbekenntnis nicht mehr zeitgemäß sein müsste.

Pünktlich vor der zweiten Kerze die gesamte evangelische Identität über Bord gekippt. Glückwunsch, dann können wir uns privat den ganzen Weihnachtsstreß sparen und Kirche, Bund, Länder und Kommunen die Abermillionen für das Reformationsjubiläum.
Das Downsizing sollte als Lehrbeispiel in jeden Marketing-Kurs zum Thema Corporate Identity aufgenommen werden: kurz mal zwei der drei trinitarischen Personen Gottes abgeschafft. Denn wo kein Sohn, da ja auch kein Geist. Jetzt aber auch konsequent ganz schnell die Distanzierung von der Barmer Erklärung, dem Heidelberger Katechismus und der CA. Denn die gründen dummerweise auf einer eindeutigen Christologie. Und ganz schnell noch das Johannes-Evangelium in die Apokryphen schieben - wie Professor Slenzka das schon mit dem AT anpeilt. Dann braucht auch die Bibel-App nicht mehr soviel Speicher. :)))
Um mal den letzten wirklich öffentlichen Theologen zu zitieren: "Nein!". Das ist keine "Theologische Existenz heute".