Der Schauspieler Ben Becker erklärt, warum er keine Angst vor dem Tod hat

"Wenn ich will, stehe ich auf, und dann werde ich böse"
Ben Becker in nachdenklicher Stimmung

Dirk von Nayhauß

Ben Becker: "In der Schönheit eines Spatzen oder einer Wespe meine ich Gott zu erkennen"

Schauspieler Ben Becker hat einen guten Draht zu Gott. "Es" sagt er zu - ihr?

In welchen Momenten fühlen Sie sich lebendig?

Auf der Bühne! Da darf ich mich äußern, Fragen stellen, den Leuten einen Spiegel vorhalten. Früher hab ich gern den Franz Biberkopf gespielt, aus "Berlin Alexanderplatz" – dem sie die Frau wegnehmen, den Arm abhacken und der trotzdem weitermacht. Schöne Figur, aber traurig. Wenn ich fünf Stunden Biberkopf war, ist das, als würde man Lichtstrahlen durch eine Lupe bündeln: ein ganzes Leben komprimiert. Mit allem, mit Liebe, Weinen, Hass, Trauer. Ich mag so was gern. Wie im wirklichen Leben. Dann spürt man, dass man lebt. Muss wehtun, aber auch der Schmerz zeigt einem, dass man noch da ist. Wenn man liebt und hasst und sich ernsthaft auseinandersetzt, dann ist das das Fundament des Lebens. Darum geht’s. Ich bin nicht angetreten, um mir einen 7er BMW zu leisten, das interessiert mich nicht.

Muss man den Tod fürchten?

Nein, überhaupt nicht, aber deine Freunde, deine Kinder, ­deine Frau, die müssen deinen Tod fürchten. Du selber machst die ­Augen zu und schläfst, und es ist vorbei. Ich denke, aus mir wird ein Gänseblümchen – davor musst du keine Angst haben. Ich habe nur Angst vor dem Leiden und der Trauer der anderen. Einmal war es wirklich sehr, sehr knapp. Ich könnte gar nicht sagen, dass das vollkommen unnötig gewesen ist. Welcher Voll­idiot sitzt nachts um vier Uhr zu Hause und haut sich eine Überdosis Heroin rein? Aber um mit Fritz Teufel zu sprechen: "Wenn’s der Wahrheitsfindung dient..." Wer sich aus dem Fenster lehnt, muss sich nicht wundern, wenn er ein Ei an den Kopf kriegt. ­Ich bin jedenfalls froh, dass es nicht geklappt hat. Ich möchte gern 86 werden oder 92.

Haben Sie eine Vorstellung von Gott?

In der Schönheit eines Spatzen, eines Baumes oder auch einer Wespe meine ich Gott zu erkennen. Ich muss mir keinen alten Mann mit weißem Bart vorstellen. Manchmal habe ich auch das Gefühl, dass es mit mir spricht. Einfach so. Ich gucke nach oben und höre, wie es sagt: Ja. Da flüstert mir natürlich keiner ins Ohr, aber ich habe das Gefühl, einen Draht zu dem zu haben, was ich als Gott definiere. Es mag überheblich daherkommen, aber ich glaube, ich habe diesen Draht, weil ich reinen Herzens bin – jedenfalls versuche ich das. Wenn dir jetzt ein Zehner aus der Tasche fällt, werde ich nicht meinen Fuß draufstellen.

Welche Liebe macht Sie glücklich?

Am meisten die von meinem kleinen Mädchen. Mit meiner Frau bin ich 17 Jahre zusammen, mit meiner Tochter 15. Anne, es tut mir leid, aber gegen die Kleine kommst du nicht an. Meine ­Tochter sieht aus wie ich, sie ist einfach ein Stück von mir – mein Fleisch und Blut. Ich brauche viel Nähe und Geborgenheit. Doch ich bin ein unruhiger Geist, immer ein bisschen auf der Flucht. Wenn ich weg bin von zu Hause, möchte ich nichts anderes als nach Hause. Bin ich zu Hause, gucke ich den Koffer an und sage: Wann geht’s wieder los? Aber es gibt Momente, da sitze ich bei mir im Garten, kein Mensch beobachtet mich, ich beobachte vielleicht eine Ameise, die über den Tisch krabbelt. Und dann denke ich: Mein Gott, ist das schön. Und bin irgendwie bei mir, das gibt es. Gestern habe ich im Garten eine Rose entdeckt. An die habe ich einen kleinen Zettel gehängt: eine Rose für Lilith. Ich wusste, sie freut sich, wenn sie aus der Schule kommt. Ich bin nicht da, aber da hängt ein Zettel. Das ist doch ein schöner Moment, solche Momente liebe ich.

Wie gehen Sie mit Schuldgefühlen um?

Aufstehen, weitermachen, arbeiten. So viele Schuldgefühle habe ich aber nicht. Irgendwann baut man Mist, aber das wird immer weniger. Und von anderen lasse ich mir keine Schuldgefühle einreden, dafür bin ich zu alt. Ich passe selber auf mich auf, so erwachsen bin ich, das habe ich gelernt. Für irgendwas müssen die letzten 40 Jahre ja gut gewesen sein. Sicher geht mal was schief, aber ich habe nicht den Eindruck, gescheitert zu sein. Ich habe sogar den Führerschein wieder. Worin liegt denn das Scheitern? Das klingt schon so dämlich: Du bist gescheitert. Das klingt so vorwurfsvoll, habe ich keine Lust zu. Dafür habe ich zu viel Kraft! Wenn ich will, stehe ich auf, und dann werde ich böse. Scheitern ist Unsinn! Verletzlich und verwundet, ja, das bin ich vielleicht, aber deshalb eventuell umso gefährlicher. Bei einem verwundeten Tier wäre ich vorsichtig, das machst du lieber richtig tot.

Videotipp: Ben Becker liest die Bibel

Ben Becker

Ben Becker, geboren 1964, wurde bekannt mit dem Film „Schlafes Bruder“. Rollen für Kino, TV und Theater folgten, unter anderem ­erhielt er den Bayerischen Filmpreis, die Goldene Kamera und zwei Mal den Adolf-Grimme-Preis. 2007 brachte er sein Projekt „Die Bibel – eine gesprochene Symphonie“ auf die Bühne, mit der Zero Tolerance Band hat er als Sänger zwei CDs aufgenommen. Am ­18., 19. und 22. November ist er im Berliner Dom in dem Stück „Ich, Judas“ zu sehen. Ben Becker lebt mit Frau und Tochter in Berlin.
Foto: Dirk von Nayhauß

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