"Verkrustete Strukturen" aufbrechen

"Ich will die evangelische Kirche verändern"
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Foto: Patrick Desbrosses

Ingo Dachwitz

Ingo Dachwitz ist Jugenddelegierter in der Synode
Deutschland spricht 2019

Manchmal wird man ja gefragt: „Und was machst du sonst so außer studieren?“ Wenn ich hier in Berlin sage, dass ich in der Kirche bin und im Bundesverband der Evangelischen Jugend, bekomme ich zwei Reaktionen: Die einen verlieren sofort das Interesse, die anderen finden es ausgefallen bis wunderlich. Denen erklär ich dann, dass wir uns bei der Evangelischen Jugend zum Beispiel starkmachen für Alternativen zu militärischen Konfliktlösungen, etwa für die zivilen Friedensdienste. Glauben ist für mich eben nicht nur was Inneres, sondern ich will mich wegen meines Glaubens für die Menschen engagieren.

Man lernt dabei auch Demokratie und Politik. Wenn wir als junge Generation in der Kirche unsere Anliegen durchsetzen wollen, müssen wir strategisch vorgehen. Ich bin mit sieben anderen jungen Menschen entsandt in die Synode, das Parlament der evangelischen Kirche, allerdings haben wir weder Stimm- noch Antragsrecht. Wir sagten uns: Wir wollen nicht mehr nur dabei­sitzen und den Altersschnitt senken.

"Das ist Demokratie"

Wir wollten zum Beispiel erreichen, dass der digitale Wandel auf der Synode 2014 Hauptthema wird. Das ist ja wichtig für die Kirche, wie sie heutzutage das Evangelium kommunizieren kann, da gibt es tolle neue Möglichkeiten.

Synode

Was genau ist eigentlich die Synode? Und was sind ihre Aufgaben? Ein kurzer Überblick.

Da wir Jugenddelegierte keine eigenen Vorschläge einbringen dürfen, hätten wir uns an das Präsidium wenden müssen. Wir wollten aber nicht einen Kompromiss aushandeln müssen, nur damit im Endeffekt doch das Thema gemacht wird, das die wollen, und unser Thema ist nur ein kleiner Teilaspekt. Also haben wir vor und auf der Synode 2013 ganz strategisch verschiedene Leute angesprochen und dann das Thema im Plenum ­offen vorgestellt. Ein Pfarrer brachte es am Ende formell für uns ein.

Einige im Präsidium waren wohl ein bisschen beleidigt, dass wir nicht im Vorfeld mit ihnen alles ausgekungelt hatten, sondern die Öffentlichkeit suchten. Aber das ist Demokratie. Als sich eine deutliche Mehrheit für unser Thema abzeichnete, zog das Präsidium seinen Vorschlag zurück.

"Ich leide an meiner Kirche!"

"Wir brauchen ihre Stimme"

Heirnich Bedford-Strohm wünscht sich, dass die Jugend in der Kirche mehr mitbestimmen kann.

Ich mache diesen politischen Kram, weil ich die Kirche verändern will. Ich leide an meiner Kirche! Ich weiß, dass wir auch in einer „entzauberten Welt“ den Menschen und der Gesellschaft guttun können, aber es hapert an so vielen Stellen. Weil wir schlecht kommunizieren, weil wir die Prioritäten nicht richtig setzen, weil wir verkrustete Strukturen haben. Und dieses Bleierne, das ich in Kirchenverwaltungen, aber zum Teil auch in Gottesdiensten wahrnehme! Ich wünsche mir oft, dass die evangelische Kirche ­weniger verzagt wäre, weniger Angst hätte, der Politik zu widersprechen, weniger Angst anzuecken. Dazu geben unser Glaube und Jesus als Vorbild doch Kraft.  

Zum Ausgleich engagiere ich mich noch bei der Bürgerrechtsorganisation „Digitale Gesellschaft“ – da gibt es flache Hierarchien, und es geht um mein Thema. Das verbinde ich dann wieder mit der Evangelischen Jugend. Mit der machen wir jetzt einen Kongress zu Jugend und Netzpolitik. Denn junge Menschen sind am stärksten be­troffen vom digitalen Wandel, sie dürfen ihn aber am wenigsten mitgestalten.
 

Ingo Dachwitz

Ingo Dachwitz, 28, will die Kirche verändern und wühlt sich dafür durch „verkrustete Strukturen“. Sobald er den größten Stress seines Examens in „Medien und politischer Kommunikation“ hinter sich hat, möchte der Netzaktivist Flüchtlinge dabei unterstützen, in ihren Unterkünften Internetcafés einzurichten.

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Lesermeinungen

Lieber Herr Dachwitz
"Ich leide an meiner Kirche!...Und dieses Bleierne, das ich in Kirchenverwaltungen, aber zum Teil auch in Gottesdiensten wahrnehme!"
Diese Worte kann ich nur unterstreichen, auch wenn ich bereits 60 bin. Danke, dass Sie sich trotzdem engagieren.
Viele Erfolg!
Meike Fischer

Wer traut sich denn noch etwas zu sagen, wenn nicht die Jugend? Besonders meine ich damit das persönliche Engagement der Jugendvertreter. Sie wollen u.a. die verkrusteten Strukturen in der evangelischen Kirche aufweichen. Aber wenn man ihnen auf der jährlich stattfindenden Synode nicht das Recht gibt, Anträge zu stellen, dann geht es nür über unsichere Umwege, für junge Christen relevante Inhalte zum Thema zu machen. Bislang entscheidet das Präsidium allein, was relevant ist und was nicht. Da muss die Jugend noch einen langen Atem haben, denn nur bei vollem Mitspracherecht der Jugendvertreter können sich diese für mehr Demokratie innerhalb des Kirchenparlaments einsetzen.
Dann erst kann der Digitale Wandel innerhalb der evangelischen Kirche so richtig stattfinden, um "das Evangelium [per Internet] kommunizieren" zu können.

Mit 28 gehört man also in der evangelischen Kirche noch zu den "stimmlosen " Jungen ???!! Dann ist dort wirklich die Welt lautlos vorbeigezischt.
Was Demokratie betrifft, so verstehe ich darunter nicht, DURCHSETZUNG von eigenen Zielen, sondern Zusammenarbeit. So wie es hier beschrieben wurde, klingt es eher hinterlistig. Demokratie beruht auch auf Kompromissen, auf Ehrlichkeit , auf Offenheit , auch auf Überzeugung, nicht Strategie und Manipulation. Wenn das die Zukunft sein soll, dann ist die Zukunft, die diesem kleinmütigen Kommunikationsfreak vorschwebt, schon längst Realität. Nur hat er es noch nicht gemerkt. Ich finde, sein Studium 100 % richtig zu machen, ist wichtiger als falschen Zielen hinterher zu hängen. Das eigentliche Problem der Protestanten scheint ihr feudales Hierarchiedenken zu sein .
Wenn junge Menschen daran denken müssen, mit Wissen und Know How "verkrustete Strukturen aufzubrechen" , und ältere Menschen vor den Kopf zu stoßen, dann wundern mich die Probleme dieser Kirche gar nicht.
Gleichmacherei ist in diesem Falle das andere Extrem, also keine eigentliche Verbesserung auf diesem Wege. Politik und Kirche sind zwei, die nicht zusammenpassen.
"Dazu geben unser Glaube und Jesus als Vorbild doch Kraft !" Ich sehe Jesus nicht als Vorbild, und masse mir nicht an, ihm nacheifern zu können. Jeder der es tut, scheitert kläglich. Jesus Tod gibt denen, die na ihn glauben, Kraft, diese öde Welt zu überleben. Aber als Vorbild kann ich ihn nicht sehen. Jesus wurde am Kreuz geopfert, und wer glaubt, alle Vorzüge der heutigen Welt nutzen zu können, um seine, wie gut auch immer gemeinten Pläne durchzusetzen, geht irre. Mit ein bisschen Glück hat er am Ende eine gute Karriere vorzuweisen, Geld, Liebe, Freunde. Geht es noch um mehr ?!