Flüchtlinge in Italiens Provinz

Neue Heimat Riace
Frau aus Ghana mit Kind und der Nachbarin

Sascha Montag

Princess Yaboah und Donna Carmella leben in Riace Tür an Tür. Für die Kinder der Ghanaerin ist die alte Dame wie eine Oma

Ein kleines Bergdorf in Süditalien könnte Vorbild für ganz Europa sein. In Riace finden Flüchtlinge Wohnung und Arbeit und bringen Leben in die überalterte Ortschaft

Morgens um acht Uhr dreißig schreitet Bürgermeister Domenico Lucano auf dem Dorfplatz auf und ab. Das Handy fest am Ohr, die linke Hand schwirrt durch die Luft. Das Digitalthermometer auf der ­Piazza des kalabrischen Dorfes zeigt 28 Grad, und im Schatten der mächtigen Zypresse, einen Steinwurf hinter Lucano, wartet eine Traube Schulkinder auf ihren Bus. Jahrelang stand Riaces Grundschule mangels Nachwuchs vor der Schließung. Doch dann hatte Domenico Lucano eine Idee.

Läuft der 56-Jährige zum Ende der Piazza, schaut er von den Höhen seines Bergdorfes über silbern glänzende Olivenhaine aufs tiefblaue Mittelmeer. Kehrt er um, fällt sein Blick auf das aus ­grobem Stein gebaute Rathaus. Mittelmeer und Politik, das sind die Fixpunkte in Lucanos Leben. Riace, so stellt der Bürgermeister es sich vor, soll ein Dorf für Flüchtlinge sein. „Eine Hoffnung. Eine Gelegenheit für die Zukunft.“

Während Europa versucht, sich durch Zäune, Mauern und Grenzpolizisten vor Zuwanderern aus Afrika und dem Nahen ­Osten abzuschotten, öffnet das kleine Bergdorf Riace ganz im Süden Italiens seine Türen. Mehr als 400 Immigranten aus 22 ­Nationen oder mehr wohnen unter den 1800 Einwohnern. Fast jeder Vierte ist zugewandert und zählt zu denen, die das abgeschiedene Dorf vor dem Aussterben gerettet haben.

Vom Einwohnerrückgang zum bekannten Vorzeigedorf

Riace hatte nie goldene Zeiten. Dafür war es, an der Sohle ­Italiens gelegen, immer zu arm und zu wenig entwickelt – wie ganz Kalabrien: Bauernland, Fischerdörfer, Mafia. „Allerdings war ­Riace zu meiner Kindheit lebendig“, erinnert sich Lucano. „Mehr als 3500 Einwohner, einfaches, aber typisch süditalienisches Dorfleben.“ Dann kam der Wirtschaftsboom der 1960er Jahre: gut bezahlte, feste Jobs, Universitäten, Chancen auf ein ange­nehmeres Leben. Im Norden Italiens, in Deutschland, überall, nur nicht hier unten. Riace blutete über die Jahrzehnte langsam aus.

Manche Bewohner zogen in den neu gegründeten Dorfteil ­Riace Marina wenige Kilometer bergab. Da stehen triste Betonhäuser im Stil der frühen 1970er Jahre, da sind Bahnhof und Schnellstraße, Anschluss an das moderne Leben. Die meisten wanderten ganz aus. In manchen Vororten von Turin leben heute mehr Riacesi als in der alten Heimat.

Der Autor

Patrick Witte, 39, lebte als Student in Süditalien. Nach wie vor beeindruckt ihn die Improvisationsfähigkeit der Menschen dort.
Heute gilt Riace dem Flüchtlingshilfswerk UNHCR als Vorzeigemodell. Und von Turin bis Palermo kennt fast jeder das kleine Bergdorf. Dank Lucano, der für seine Ideen 2013 für den „World Mayor Award“ nominiert wurde. Riace, das sei eine mögliche Antwort auf die schwierige politische Frage: Was tun mit den Zigtausenden von Menschen, die unter Todesgefahr Mittelmeer und Ägäis überqueren und an den Küsten des Kontinents landen? „Menschlich gesehen ist es besser, die Türen zu öffnen, als sie verschlossen zu halten“, fand Lucano.

Mit offenen Türen meint er die Haustüren in seinem Dorf. Die verlassenen Häuser der weggezogenen Riacesi sind nun die neue Bleibe für Immigranten aus Afghanistan, Syrien, Eritrea und Ghana. Riace stellt sie den Flüchtlingen kostenlos zur Verfügung, bis sie ihre Aufenthaltspapiere bekommen haben. Die Gemeinde streckt die Kosten für Strom und Taschengeld vor und stellt Arbeitsplätze für viele. Sobald die Behörden die Genehmigung für die Kostenübernahme erteilt haben – was bis zu zwei Jahre dauern kann –, stellt Riace die Unterstützung ein. Dann haben die Flüchtlinge die Wahl: weiterziehen oder bleiben?

Die Flüchtlinge regen den örtlichen Wirtschaftskreislauf an

So lange sie da sind, machen sich die Neubürger nützlich. Manche besorgen die Einkäufe für ihre Nachbarn, hüten Kinder, andere pflegen Alleinstehende und nehmen so Teil am Dorfleben.

Der Fotograf

Sascha Montag hat schon in vielen Flüchtlingscamps fotografiert. Riace ließ sich mit keinem anderen vergleichen.
Jeder Flüchtling in Riace kostet das Land Kalabrien nur 30 Euro am Tag, solange er auf seine Papiere wartet. Für die Unterbringung in anderen Lagern zahlt das Land rund 50 Euro. Nur ein Teil geht an den Flüchtling selbst. Bis zu 800 Euro erhält eine vierköpfige Familie im Monat, Pauschalen für Essen, Kleidung und Taschengeld, alles staatliche Hilfe. Doch weil die Neubürger vor Ort einkaufen, fließt das Geld direkt zurück in den früher brachliegenden Wirtschaftskreislauf. Supermärkte, Cafés, Apotheken und vor allem die Eigentümer der leeren Häuser profitieren.

Flüchtlinge, die in Italien ankommen, nehmen meist die Route übers Mittelmeer. Sie kamen aus Mali, Eritrea oder Ghana durch die Sahara. In Libyen müssen sie oft Geld verdienen oder weitere Schulden machen, um die 900 oder 1000 Euro für die Überfahrt in überfüllten Schlauchbooten oder rostigen Fischtrawlern zu zahlen. Drei Tage auf dem Mittelmeer, wer überlebt, landet in überfüllten italienischen Flüchtlingslagern, übernachtet in Containern, die tagsüber von der Sonne auf über 40 Grad aufgeheizt werden. Und wartet, bis eine Kommission den Status als Flüchtling anerkennt – oder nicht.

Arbeit in Manufakturen und auf Plantagen

„Ich dachte zu Anfang, das Leben in Europa besteht nur aus Essen, Schlafen und Warten“, sagt Haregu. Die zierliche Frau aus Eritrea schildert die Martyrien ihrer Flucht aus dem Krieg mit Äthopien. Wie sie ihre Tochter zurücklassen musste und sie vermutlich nie mehr wiedersehen wird. Und dass sie in Riace bleiben möchte.

Seit fünf Monaten arbeitet sie in der Glasmanu­faktur des Dorfes, eine kleine Werkstatt, die fast wie eine Höhle wirkt. Dort stellt sie zusammen mit ihrer 32-jährigen Kollegin Irene, in Riace geboren, Mosaike und Ketten her, schneidet und bläst Glas. Von 8.30 bis 12 Uhr, dann übernimmt ihre tunesische Kollegin. Alles dank Lucanos Idee und dank einer Sondergenehmigung der italienischen Behörden. Arbeiten dürfen Asyl­suchende bis zur Anerkennung ihrer Anträge auch in Italien nicht.

Einkaufen im Dorfladen

Dieser junge Mann bezahlt mit Riace-Euro, einer Währung, die nur in Riace gilt. Die Flüchtlinge müssen hier einkaufen, das hilft dem Dorfladen
Lucanos Idee überzeugte die Behörden. Heute verdient Haregu in der Manufaktur der „Cittá ­Futura“, der von Lucano gegründeten Gesellschaft, 600 Euro zusätzlich zu ihrem Taschengeld von 200 Euro. Geld, das sie nach Eritrea ­schicken kann. Die Werkstatt nimmt das Geld durch den Verkauf des Schmucks ein, den sie auch an andere Händler liefert. Fünf solcher Werkstätten gibt es in Riace. Neben der Glas­manufaktur noch eine Stickerei, eine Schreinerei und eine Weberei, in denen überwiegend Frauen arbeiten. Die Männer werden im Gartenbau der Gemeinde beschäftigt, in den Orangen-, Pfirsich- und Mandelplantagen an den terrassierten Hängen.

Aktuell plant Lucano eine Schokoladenmanufaktur. Deshalb trifft man den Bürgermeister auch am frühen Morgen am Telefon. Seine Ideen mögen alle – die Frage, wer das alles bezahlen soll, wenige. Auch das Problem will Lucano ­lösen. 25 Migranten könnten in den Arbeitsplätzen der Werk­stätten nicht nur zusätzliches Geld verdienen. Sie kommen auch mit ange­stammten Einwohnern in Kontakt, die selbst auch Arbeit in den Werkstätten oder als Dolmetscher und Sozialarbeiter finden.

218 Kurden strandeten vor der eigenen Haustür

Mittlerweile besuchen selbst Abgeordnete der EU das Versuchslabor Riace. Fernsehteams und Journalisten kommen fast täglich, Regisseur Wim Wenders drehte 2010 seinen Dokumentarfilm „Il Volo“ über Lucanos Utopie. Aber es lenkt ihn kein bisschen von seiner Arbeit ab. Er steht weiter morgens auf der Piazza, plant oder hilft den Flüchtlingen, ihre Anträge auszu­füllen und ist bis spät abends in seinem Büro im alten Palazzo Riaces zu finden.

Geplant war das zu Anfang nicht. Vieles war „reiner Zufall“, gesteht Lucano. Auch er hatte als junger Mann das Dorf ver­lassen, arbeitete als Chemielehrer in Turin und Rom. Aus Heimweh ­landete er wieder in Riace, als politisch Interessierter und Linker ohne Amt. Der Kampf der PKK, die Palästinafrage, das waren Themen, die ihn bewegten. 1998 landete ein Schiff an der Küste. In ihm 218 Kurden, geflohen vor dem Konflikt mit der türkischen Armee, sie strandeten praktisch vor Lucanos Haustür. „Ich wusste sofort, dass ich was machen musste. Weniger aus Humanität, ­sondern aus politischer Solidarität.“

Lucano brachte die Schiffbrüchigen im Pilgerhaus unter, und ein paar Tage später fragte einer von ihnen: „Domenico, habt ihr hier auch Krieg? Eure ganzen Häuser stehen leer.“ Und in Lucanos Kopf dämmerte eine Idee. Er gründete seine Gesellschaft „Cittá Futura“, nahm einen Kredit auf, und zusammen renovierten Kurden und daheimgebliebene Riacesi die Häuser der Fortge­zogenen. Die lebten in Australien, den USA. Dass sie nach Riace zurückkehren, war ausgeschlossen. Lucano rief jeden Einzelnen persönlich an. „Keiner hat abgelehnt“, sagt er stolz. Fünfzehn Häuser mietfrei für zehn Jahre – im Gegenzug für die Renovierung dieser Halbruinen.

In Deutschland scheiterte die Idee am Landkreis

Von den Kurden lebt mittlerweile nur noch einer im Dorf. Ihr Erbe bleibt. Über 100 leere Häuser hat Lucanos „Cittá Futura“ ­mittlerweile übernommen. In ihnen wohnen gut 400 Immigranten. Mit der Pauschale des Staates für die Asylsuchenden zahlt Lucano Miete an die Eigentümer, eine gute Einnahmequelle. Statt der ortsüblichen 250 verlangen sie für die Häuser, die mithilfe des Staates restauriert wurden, mittlerweile bis zu 400 Euro pro Monat.

Zwei Nachbardörfer haben Lucanos Idee bereits übernommen, auch Bürgermeister in Deutschland wollen seinem Beispiel ­folgen. In Goslar zum Beispiel. Doch hier bremsten die Behörden des Bürgermeisters Wunsch nach neuen Bewohnern für leere Häuser aus. In Deutschland entscheiden die Landratsämter über die Zuteilung von Flüchtlingen, und in Goslar fühlte sich der Landkreis vom Bürgermeister übergangen.

In Italien hat Lucano, der seit 2004 Bürgermeister von Riace ist, die zuständigen Behörden längst überzeugt. Auffanglager auf Lampedusa und in Sizilien melden sich regelmäßig und fragen nach, ob und wie viel Platz Riace stellen kann. Die Flüchtlinge werden dann auf die leeren Häuser aufgeteilt. Familien wohnen zusammen, einzelne Flüchtlinge werden nach Herkunftsland und nach Geschlecht Gruppen zugeteilt.

Der 28-jährige Malang Diallo aus Mali erzählt von seiner Überfahrt unter Deck, als fast 120 andere Passagiere verdursteten und er zwei Tage neben Toten kauern musste. Von Sizilien wurde er direkt nach Riace geschickt. Nun spaziert der kräftige Mann durch die verwinkelten Gassen des Bergdorfs, geht vorbei an den beiden Cafés Richtung Dorfplatz. Es duftet nach Thymian, ­neben dem kleinen Castello wachsen Zitronenbäume. Keine Frage, ­Riace ist idyllisch. Doch Malang findet es vor allem langweilig.

Manchmal werden die Flüchtlinge auch handgreiflich

Auch wenn Lucanos „Cittá Futura“ mittlerweile der größte Arbeitgeber in Riace ist, haben die meisten Flüchtlinge zwar ein eigenes Haus über dem Kopf, aber keine Arbeit. Es ist eine leichte Rechnung: Gut 400 Flüchtlinge kommen auf knapp 25 Arbeitsplätze. Wegziehen können sie nicht, solange ihr Antrag auf Asyl nicht positiv beschieden wurde.

Manchmal streiten Flüchtlinge und werden sogar handgreiflich. Viele Kulturen, zusammengewürfelt in einem kleinen Dorf, dazu die Erlebnisse der Flucht. Oder Angehörige unterschiedlicher Kriegsparteien treffen aufeinander. Nicht alle können ihr Leben einfach hinter sich lassen.

Ein falsches Wort kann böse Folgen haben. Lucano empfindet die Streitigkeiten als „rein menschlich“. Meist glätten sich die Wogen schnell wieder. Er sagt aber auch: Riace breite zwar die Arme weit aus, „aber nicht alle wollen umarmt werden“.

Eines der größten Probleme für die Flüchtlinge in Riace: Von den 200 Euro Taschengeld werden nur 75 in richtigen Euro ausgezahlt, der Rest in „Riace-Euro“. Das Kunstgeld ist mit Wim Wenders Konterfei und den Porträts anderer Helden des Bürgermeisters bedruckt. ­Damit kann man im örtlichen Supermarkt und der Dorfapotheke das Nötigste einkaufen, nirgends sonst.

Die Mafia bietet Feldarbeit zu Hungerlöhnen

Die Inhaber tauschen die Sonderwährung gegen richtige Euros ein, sobald die staatlichen Überweisungen für die Flüchtlinge im Riace ankommen. Die Scheine sind also wie Gutscheine für eine Zahlung, die verspätet, aber sicher kommt. Und sie haben zwei positive Nebeneffekte: Der Geldwert bleibt in den Kassen ­der Riacesi, und die Flüchtlinge bleiben im Dorf. Wohin sollen sie auch gehen ohne Geld?

Manche schuften daher illegal auf den Tomatenfeldern der Umgebung. Dabei werden sie ausgebeutet, die ­Mafia kontrolliert fast alle Plantagen, die ’Ndrangheta. Deren Bauern freuen sich über Arbeiter, die sie mit wenigen Euro am Tag abspeisen können. Lucano weiß von der Ausbeutung und protestiert öffentlich dagegen. Das gefällt den Mafiosi nicht. Erst vergifteten sie seine Hunde. Kurz darauf durchsiebten sie aus dem Autofenster die Mauern der Trattoria Donna Rosa, in der sich der Bürgermeister gerade mit Freunden zum Abendessen traf. Das war 2009. Lucano ließ sich nicht einschüchtern und wurde noch im selben Jahr wiedergewählt.

Im Vergleich zu den Auffanglagern in Sizilien ist Riace ein Lager de luxe. Die Unterkünfte hier haben nur leichte Schäden, Wasserflecken, manchmal auch Schimmel. Und obwohl Lucano 75 Arbeitsstellen für Flüchtlinge und Einheimische in Riace schuf, hat er nur einen Handwerker für anfallende Reparaturen.

"Arbeit ist wichtig für den Kopf"

Nicht wenige – auch Malang Diallo aus Mali – wollen weiterziehen, sobald sie ihre Papiere haben. Sie wollen in den Norden, wo andere aus ihren Familien leben, und wo es richtige Arbeit, Universitäten und die Chance auf ein erfolgreiches Leben gibt. Riace kann das nicht bieten. Leute wie Malang sind hungrig. „Arbeit ist wichtig. Nicht nur für das Geld. Für den Kopf, für die Seele.“

So oder so: Riaces Bevölkerung wächst wieder. Manche Immigranten entscheiden sich, für längere Zeit zu bleiben. Sie schicken ihre Kinder zur Schule, mieten eigene Häuser. So auch Daniel Yaboah mit seiner Frau Princess und ihren zwei kleinen Söhnen. Sie wohnen neben Donna Carmella, einer alten Riacesin Mitte achtzig, alleinstehend, aber seit sechs Jahren in engem Kontakt mit der Familie aus Ghana, ihren Nachbarn. Die Veranda ist ihr Treffpunkt, die Kleinen laufen zur Wohnung ihrer neuen Großmutter hin und zurück.

Daniels Frau ist die inoffizielle Friseurin der afrikanischen Gemeinde in Riace, er selbst war in seinem früheren Leben Autolackierer. Sie kamen nach ihrer Ankunft in Sizilien gleich ins Auffanglager Riace. Nun sammelt Daniel Yaboah als Festangestellter der Gemeinde den Müll von den Straßen und führt mit seinen italienischen Kollegen ein Eselsgespann von 7.30 bis 16 Uhr durch die engen Gassen.

Manche Riacesi schauen neidisch auf die neuen Smartphones der Flüchtlinge

Wenn die Kollegen Feierabend haben, fährt Daniel Yaboah per Rad noch weiter, um andere Aushilfsarbeiten zu erledigen. „Ich will meine Familie ernähren und hart arbeiten. Meine Kinder gehen hier zur Schule, sprechen italienisch, ich habe Arbeit, die Leute sind freundlich. Es ist ein gutes Leben hier.“ Deshalb sind sie in Riace geblieben. Auch die alten Riacesi klagen nicht über die neuen Nachbarn. Vielleicht taten sie es zu Anfang, als Lucano viele Einwohner noch überzeugen musste, dass Riace nur durch die Flüchtlinge überleben kann.

Alte und neue Riacesi

Manche Alteingesessene ärgern sich, dass für Flüchtlinge so viel Geld da ist. Andere freuen sich. Sie profitieren ja davon
Für Donna Carmella ist das Experiment erfolgreich verlaufen. „Wir Riacesi reisen, ohne uns zu bewegen“, sagt sie, „die Welt kommt zu uns.“ Klar ist für sie auch: „Die Yaboahs sind eine ­Familie. Ich habe eine andere. Aber ohne sie wäre ich hier allein.“

Andere Riacesi sehen Bürgermeister Lucanos Projekt nicht ganz so rosarot. Sie wundern sich, dass der Staat für jeden Flüchtling Miete, Strom und Taschengeld zahlt, sie aber keinen Euro bekommen. Ob Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe – ganz generell ist staatliche Unterstützung im Süden Italiens weitgehend unbekannt. Manche Riacesi schauen neidisch auf die neuen Smartphones und Tablets der Flüchtlinge, die eben erst in Italien angekommen sind.

Eine Idee für das Berliner Umland

Aber sie schimpfen nicht auf sie, sondern klagen über den ungerechten Staat. Fremde waren in Kalabrien immer schon willkommen. Und da sich in den kleinen Gassen niemand lange aus dem Weg gehen kann, erfahren sie zwangsläufig, dass sich mehrere Flüchtlinge ein Handy teilen und mit den modernen Geräten am einfachsten mit der alten Heimat in Kontakt bleiben können.

Kann ein kleines Bergdorf im Süden Italiens wirklich als Beispiel für einen ganzen Kontinent dienen? Für Bürgermeister Lucano steht das außer Zweifel. „Wir müssen akzeptieren, dass Menschen über den ganzen Globus migrieren, darauf können wir nicht mit Verschlossenheit reagieren. Zu uns kommen Menschen aus Ländern, die Europa jahrzehntelang kolonialisiert hat. Wir haben eine Verantwortung.“

Seine Vision lasse sich auch woanders verwirklichen, da ist er sich sicher. Erst kürzlich war Lucano im Umland von Berlin. Die halbverlassenen Dörfer sind ihm nicht entgangen. Er hätte da eine Idee.

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