Flüchtlingen langfristig helfen

Eine Welle der Hilfe, und was kommt danach?
Hunderte Freiwillige heissen Fluechtlinge in Frankfurt willkommen

Foto: Thomas Lohnes/epd-bild

Hunderte Freiwillige haben am 5.09.2015 Lebensmittel, Getränke und Kleidung in den Hauptbahnhof in Frankfurt am Main gebracht um Flüchtlingen willkommen zu heissen und zu helfen.

Mit Lunchpaketen und Kuscheltieren begrüßen viele Menschen die Flüchtlinge am Bahnhof, besuchen Notunterkünfte, wollen helfen. Aber schon jetzt melden viele Unterkünfte: bitte keine Sachspenden mehr. Das frus­triert viele Helfer – werfen sie bald das Handtuch?
Deutschland spricht 2019

chrismon: Ist die Begeisterung, mit der viele jetzt Flüchtlingen helfen wollen, mit Vorsicht zu genießen?

Doris Rosenkranz: Es gibt das Charisma der Krisensituation: Ähnlich wie bei der Flutkatas­trophe 2013 in Bayern oder bei der Grenzöffnung im November 1989 packen die Leute einfach mit an. Viele erleben das als eine tolle Zeit: mit anderen zusammen Gutes tun, auch ohne sich fest zu verpflichten, dabei sein, wenn Geschichte geschrieben wird. Anderen helfen darf ja durchaus auch selbst zufrieden machen.

Wenn aber der Zug mit den Flüchtlingen nicht einfährt und keiner ihre Lunchpakete haben will, verlieren sie dann nicht allzu schnell die Lust?

Wichtig ist, dass es „Kümmerer“ gibt: hauptamtliche Koordinatoren, die wissen, wo was gebraucht wird. In den Flüchtlingsunterkünften sind die Mitarbeiter zurzeit mehr als ausgelastet damit, die Asyl­suchenden zu beraten. Wie sollen sie da Ehrenamtliche koordi­nieren? Wer dort mit einem liebevoll gepackten Kleiderpaket ankommt oder anbietet, Deutschnachhilfe zu geben, und abgewiesen wird, der zieht sich am Ende frustriert zurück. Hier braucht es bessere Rahmenbedingungen.

Wie kann es besser laufen?

Ideal ist es, wenn Städte, Wohlfahrtsverbände oder auch Pfarreien solche Aufgaben über­nehmen. In Städten wie München und Nürnberg gibt es jetzt zentrale Ansprechpartner bei der Stadt. Die kann ich anrufen und fragen, wo ich wie helfen kann.     

Werden sich einige Helfer denn auch längerfristig engagieren, wenn die große Welle der Hilfsbereitschaft abflacht?

Viele sind jetzt motiviert, das ist eine große Chance. Ob sie weitermachen, vielleicht als Pate oder mit Nachhilfe, liegt daran,  ob sie offene Türen finden und nicht allein gelassen werden. Dauerhaftes Engagement geht nicht ohne Begleitung. In Nürnberg etwa sorgt die Stadt dafür, dass zukünftige Ehrenamtliche im Bereich Asyl geschult werden. Gut: In immer mehr Organisa­tionen gibt es heute Freiwilligenmanager. So wird Engagement stabil.

Prof. Dr. Doris Rosenkranz

Prof. Dr. Doris Rosenkranz, Sozio­login an der Technischen Hochschule Nürnberg, ist Sprecherin der Hochschulkooperation Ehrenamt mit der Weiterbildung „Freiwilligenmanagement“.
Foto: Bischof und Broel

Leseempfehlung

Ist es angemessen, Flüchtlinge mit Applaus und Jubelgesängen zu begrüßen?
Flüchtlinge brauchen unsere Hilfe. Was kann man konkret tun? Wohnraum anbieten, begleiten, spenden...
"...wurden zahlreiche Afrikaner verhaftet" Darf man das so schreiben? Zwei Meinungen.
Der St.-Pauli-Pastor und der Chef des Bundesamts für Flüchtlinge gleichen ihre Perspektiven ab
Zum Rücktritt des Leiters des BAMF, Manfred Schmidt: Seine Begegnung mit St. Pauli-Pastor Sieghard Wilm
Was können wir als Christen in unseren Gemeinden tun, um Flüchtlinge zu unterstützen?

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.