Studentische Studie

Katholiken in aller Welt lehnen Lehre ihrer Kirche zu Sex und Ehe ab
Drei Studierende haben rund 10.700 aktive Katholiken in aller Welt befragt, was sie vom Umgang ihrer Kirche mit Sexualität und Ehe halten. Nicht viel, antwortet die Mehrheit und wünscht sich mehr Lebensnähe und Realitätssinn.

Die Katholiken und ihre Kirche werden sich in zentralen Lebensfragen nicht einig: Eine breite Mehrheit der Gläubigen lehnt den kirchenoffiziellen Umgang mit Sex und Ehe, mit Geschiedenen und Homosexuellen ab. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie von Studenten, die am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde. Sie bestätigt den Trend zweier päpstlicher Frageaktionen vor der Familiensynode, die im Oktober in Rom stattfindet. Eine Mehrheit der Gläubigen will eine Weiterentwicklung der kirchlichen Lehre und eine größere Offenheit gegenüber der Lebenswirklichkeit.

Die studentische Untersuchung ist ungewöhnlich - und hatte ungewöhnlichen Erfolg. Tobias und Anna Roth von der Westfälischen-Wilhelms-Universität Münster verteilten ihre Fragebögen auf einer viermonatigen Reise an Gemeinden in zwölf Ländern. Danach stellten sie die Fragen in sieben Sprachen online und die Verbreitung ging weiter: über Gemeinden und soziale Netzwerke. Am Ende konnten sie zusammen mit der Berliner Studentin Sarah Delere rund 10.700 Fragenbögen aus 42 Ländern auswerten, darunter England, Polen, Frankreich, Italien, Marokko, Brasilien und die USA. Der größte Anteil kam mit knapp 7.900 aus Deutschland.

Bei Empfängnisverhütung orientiert sich ein Großteil nicht an der Kirche

Die Ergebnisse: 90 Prozent der deutschen Katholiken lehnen es ab, dass Geschiedene von der Kommunion ausgeschlossen werden. In anderen Ländern ist die Ablehnung nicht ganz so hoch, aber ebenfalls deutlich. Beim Thema Empfängnisverhütung orientiert sich ein Großteil aller Befragten gar nicht mehr an der Lehre der Kirche, sondern an medizinischen Empfehlungen oder Praktikabilität. Drei Viertel wenden künstliche Verhütung an, die nach der katholischen Lehre verboten ist.

Ein große Mehrheit spricht sich ebenfalls länderübergreifend dafür aus, dass Paare vor der Hochzeit zusammenleben können. Gleichzeitig sagen neun von zehn Befragten, dass ihnen eine kirchliche Trauung wichtig ist. Und fast alle (95 Prozent) wollen auch ihre Kinder christlich erziehen. Aus Sicht der Theologie- und Politik-Studenten ist das ein Indiz dafür, dass die gerade die aktiven Katholiken, die sie befragt haben, den Idealen ihrer Kirche verbunden sind, dass sie aber die Orientierung am Leben vermissen: Eine "Ehe auf Probe" erhöht in den Augen der Gläubigen die Chance auf eine dauerhafte Ehe.

Gläubige für Wahlzölibat

Im Umgang mit gleichgeschlechtlichen Paaren wünschen sich 70 Prozent der deutschen Studien-Teilnehmer eine Anerkennung und Segnung dieser Partnerschaften. Dass gleichgeschlechtliche Partner kirchlich heiraten dürfen, wird indes mehrheitlich abgelehnt.

85 Prozent der deutschen Gläubigen halten es für besser, Priester frei wählen zu lassen, ob sie im Zölibat leben wollen. Das ist im Ausland zum Teil anders: Insbesondere in Polen und in Südeuropa wird der Zölibat weiter befürwortet. In südamerikanischen Ländern gibt es knappe Mehrheiten für einen Wahlzölibat.

Der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode, der an der Familiensynode in Rom im Oktober teilnehmen wird, hat nach einem Gespräch mit den Studierenden zugesagt, ihre Ergebnisse in die synodale Debatte einzubringen. Das sehen die Studierenden als großen Erfolg ihrer Arbeit. Ihr Ziel sei eine verständliche und wissenschaftlich transparente Befragung gewesen. Unterstützt wurden sie von ihren Professoren in Münster und an der FU Berlin sowie vom Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften. Dass sie binnen eines Jahres über 10.000 Fragebögen verteilen und auswerten konnten, hatte niemand erwartet.

Quelle: epd

Leseempfehlung

Orgasmen vor dem Computer – so gut wie echter Sex? Therapeutin und Theologe wissen es
Helle Haut ist ein Stigma für Kinder auf den Philippinen. Dann denken alle: Der Vater war ein Sextourist.
Sommer, Strand - und Sex. Mit schrecklichen Folgen für die Opfer. Ein Gespräch mit Tourism Watch
Wie antworten auf Kinderfragen zum Thema Sex?

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.