Russische Spätaussiedler in Baden

Zum Grillen in die Russengärten
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Lukas Kreibig

Ein Spätaussiedler mäht in seinem Schrebergarten in Kippenheimweiler den Rasen.

Die Kreisstraße zerschneidet das badische Dorf Kippenheimweiler in zwei Teile. Seit zwanzig Jahren sind die Spätaussiedler da – und immer noch nicht angekommen
Deutschland spricht 2019

"So groß!" Franz Anselm steht in seinem ­Garten und breitet die Arme aus. "Und schwer waren die, zwei Männer konnten sie kaum tragen." Wenn der drahtige Mann mit dem wettergegerbten Gesicht von seinen Wassermelonen in Südrussland erzählt, ahnt man, dass Franz Anselm und seine Familie im Mai 1992 mehr zurückließen in ihrem Dorf bei Wolgograd als ein Land ohne Perspektive.

Da war das große Haus, das der Tischler für seine Familie gebaut hatte, und der Garten, in dem alles wuchs, was sie zum Leben brauchten. Die Landschaft war weit, und nur wenige Hundert Meter vom Haus entfernt lag die Wolga – acht Kilometer breit. Einmal hätte er mit seinem Sohn einen zwei Meter langen Fisch gefangen, erzählt Anselm und freut sich wie ein Schuljunge über ungläubige Nachfragen.

2,3 Millionen Russlanddeutsche sind in den neunziger Jahren in das Land ihrer Vorväter zurückgekehrt. Fast neunhundert von ihnen fanden eine neue Heimat in Kippenheimweiler, das damit seine Einwohnerzahl fast verdoppelte. In dem badischen Dorf bei Lahr in der Ortenau war Platz – Angehörige der kanadischen Streitkräfte und ihre Familien hatten gerade eine ganze Siedlung aufgegeben.

Die Vorfahren der Neubürger hatten Deutschland vor zweihundert Jahren auf der Suche nach einem besseren Leben den Rücken gekehrt und die russische Steppe zu fruchtbarem Ackerland gemacht. Viele von ihnen sprachen noch das über Gene­rationen bewahrte Deutsch ihrer Urahnen, Dialekte, die hierzulande längst in Vergessenheit geraten waren. In Russland hatten sie sich als Deutsche gefühlt, doch in Deutschland galten sie nach ihrer Rückkehr als Fremde.

Der alte Ortskern von Kippenheimweiler wirkt wie eine Postkartenansicht aus der badischen Provinz. Pastellfarben verputzte Fachwerkhäuser, an denen üppige Weinreben ranken. Geranien­kästen vor den Fenstern, spitze Giebeldächer und sorgfältig ­gestrichene Fensterläden. Der Gasthof "Linde" hat schon vor ­Jahren dichtgemacht. An einem Samstagnachmittag fegt hier ein Mann seine Einfahrt, dort kauert eine Frau und zupft Unkraut aus den Gehwegritzen vor ihrem Haus. Leises Kindergeplapper dringt aus einem Garten. Irgendwo donnert monoton ein Fußball gegen eine Wand.

Auf der anderen Seite der Kreisstraße liegen "die Russengärten". Wer genau hinsieht, kann tatsächlich erkennen, dass zwischen üppigen Gemüsebeeten und Hollywoodschaukeln irgend­etwas anders ist als sonst in deutschen Kleingartenanlagen. In den "Russengärten" gibt es einen Holzverschlag zum Räuchern von Fischen, nicht weit davon einen rätselhaften, mit schwarzem Stoff überzogenen Holzkasten, zwei mal zwei Meter groß und fünfzig Zentimeter hoch. "Ein kasachisches Bett", verrät Franz Anselm. Die Parzellen, die an seinen Schrebergarten angrenzen, sind nicht durch Hecken oder Zäune getrennt. Lydia Anselm, seine Frau, deckt gerade den Tisch mit Kaffeegeschirr für den Kindergeburtstag ihrer Enkel. "Wir feiern hier oft gemeinsam. Einmal war es sogar eine Hochzeit", erzählt sie.

"Die können ja doch was schaffen"

Als die Zuwanderer damals eintrafen, bekam der Dorffriede erst einmal Schlagseite. Noch heute erzählen sie sich im Dorf von zwielichtigen Gestalten in Trainingsanzügen, die mit ihren Wodkaflaschen auf der Straße herumlungerten und wilde Feste feierten. Gartenmöbel seien weggeschleppt, Fahrräder geklaut und Wohnungen ausgeräumt worden. Bald schon sprach man nur noch vom "Russenghetto", wenn man die Siedlung auf der anderen Seite meinte. Die Dorfbewohner trennte damals mehr als nur eine Kreisstraße. Hört man die alteingesessenen Bewohner über diese gerade mal zwanzig Jahre zurückliegende Zeit sprechen, könnte man meinen, die Berliner Mauer sei nichts gewesen im Vergleich zu der Mauer in den Köpfen der alten und neuen Dorfbewohner.

Lorena Killmann

Lorena Killmann, 33, lernte das Schreiben an der Zeitenspiegel-Reportageschule in Reutlingen und lebt heute in Berlin.
Die meisten Kontakte zu den neuen Nachbarn hatte damals wahrscheinlich Hans Rosewich. Der inzwischen pensionierte Polizist war in den Neunzigern Kontaktbereichsbeamter für ­Kippenheimweiler bei der Polizei in Lahr. Die Geschichten, die der stämmige, braun gebrannte Pensionär erzählt, hören sich an, als berichte ein Veteran vom Krieg: Sie handeln von Ein­brüchen, Gewalt, Drogen und Vandalismus. Es sind keine schönen Geschichten. "Und meist stand ich wie der Ochs vorm Berg. Die hielten zusammen wie Pech und Schwefel."

Einmal hätten junge Russlanddeutsche ihn sogar bedroht: ­Eine ganze Woche lang stand ein Auto mit fremden Männern vor seiner Tür. "Da bin ich hin und habe gesagt: ‚Wenn meiner Frau oder meinen Kindern irgendetwas zustößt, dann kläre ich das ohne Gericht.‘ Diese Sprache haben sie verstanden."

In jenen Tagen hatte der Ortsvorsteher von Kippenheimweiler eine Idee, um die Kluft in seinem Dorf zu überwinden. Eberhard Roth wusste durch viele Gespräche in den Wohnblöcken der ­Siedlung, wie sehr viele Russlanddeutsche ihre Gärten in Russland oder Kasachstan vermissten. Er ließ ein Gelände einzäunen und parzellieren und übergab es den Siedlern. Die nahmen das Angebot dankbar an und machten sich daran, Gartenhäuschen zu zimmern und Beete anzulegen. Auch auf der anderen Seite der Kreisstraße war man angetan. "Die können ja doch was schaffen", hieß es plötzlich anerkennend im Dorf. Zum ersten Mal konnte man trotz all der Unterschiede auch eine Gemeinsamkeit er­kennen. Was der Dorfvorsteher seinen Neubürgern verschafft hatte, war viel mehr als ein Stück Brachland. Er gab ihnen Boden, in dem sie Wurzeln schlagen konnten.

In ihrem türkis gestrichenen Gartenhäuschen sitzt Martha Kuhn und schält ein paar große Gemüsezwiebeln. Daneben liegen Karotten, Tomaten und Gurken. Plov heißt das russische Traditionsgericht mit Reis und Truthahnfleisch, das sie heute für ihre Freundinnen aus dem Frauenkreis der Russlanddeutschen kochen will. Nach und nach treffen ihre Gäste ein, die kleine, runde Frau begrüßt sie herzlich, ärgert sich kurz über den Reis, der ihr angebrannt ist und entschuldigt sich tausendfach für die Unordnung in ihrer Laube, während alle in der Sitz­ecke auf bunt gemusterten Kissen Platz nehmen.

Während Martha Kuhn neuen Reis aufsetzt, erzählt Lydia Mühlberger, wie sie sich kennenlernten. Martha habe auf dem Weihnachtsbasar selbst gemachte Kinderkleidung verkauft. "Für den gehäkelten Babyanzug hast du viel zu viel verlangt!", sagt Lydia und wirft theatralisch die Arme in die Luft. "Du wolltest mir nur die Hälfte bezahlen und keinen Cent mehr", gibt Martha Kuhn lachend zurück. Am Ende hätte sie eingelenkt und sie zum nächsten Treffen des Frauenkreises eingeladen. Lydia kam und hat seitdem keine der Zusammenkünfte mehr verpasst.

Eine der Frauen trägt trotz der Sommerhitze einen roten Wollpulli und sitzt die ganze Zeit schweigend und fast bewegungslos auf ihrem Platz. Sie sei ein bisschen schüchtern und spreche fast kein Deutsch, erklärt Martha Kuhn. Vor ein paar Jahren sei sie an einer Augenkrankheit erblindet, seitdem kümmere sie sich um sie. "Eine Berühmtheit in Kasachstan", flüstert Martha Kuhn, weil sie so schön Gedichte rezitieren kann. "Man muss ihr noch ein bisschen Zeit geben, dann trägt sie uns vielleicht eines vor."

Zum Plov wird Gurkensalat mit frischem Dill und Tomaten aus dem Garten serviert. Oft kochen die Frauen gemeinsam tradi­tionelle Gerichte oder veranstalten Heimatabende im Gemeinderaum. "Ich hatte ein gutes Leben dort und einen guten Job", sagt die 64-Jährige, die in Sibirien eine leitende Position als Inge­nieurin in einem Chemieunternehmen hatte. Dass sie nach Deutschland kam, hat sie trotzdem nie bereut. "Mein größtes Geschenk ist, wenn ich höre, wie meine Kinder und Enkelkinder heute Deutsch sprechen", sagt die fünffache Groß- und zweifache Urgroßmutter. Wo sie aufwuchs, wage man nicht, auf offener Straße Deutsch zu sprechen, aus Angst, angespuckt oder als Faschist beschimpft zu werden.

"Nehmen Sie uns das nicht weg!"

"Hier sind die guten Zeiten", sagt Martha Kuhn, und Lydia Mühlberger stimmt zu, auch wenn der Neubeginn in Deutschland für sie hart gewesen sei. Vor allem die Männer waren von der Situation überfordert. Anstatt sich den neuen Gegeben­heiten anzupassen, griffen sie zur Wodkaflasche. Auch Lydias Ehe scheiterte am Alkoholismus ihres Mannes, dabei sei er in Russland "ein richtig guter Mann gewesen". "Alles nur, weil die Menschen keine Arbeit haben", meint Martha Kuhn traurig. Aus ihrem Frauenkreis kennt sie viele solcher Geschichten.

Lukas Kreibig

Lukas Kreibig, 28, studiert Fotojournalismus und Dokumentarfotografie an der Hochschule Hannover.
"Gerade für die Männer waren die Gärten deshalb so wichtig. Dort hatten sie etwas zu tun, statt zu Hause rumzuhängen und zu saufen!" Doch eines Tages schien auch dieses kleine Glück bedroht, und die streitbare Martha Kuhn wurde unverhofft zur Jeanne d’Arc der deutschrussischen Kleingärtner. Die Stadt­verwaltung Lahr schickte einen Kontrolleur, um die Größen der Lauben mit den deutschen Bestimmungen abzugleichen. Fast keine der Hütten konnte vor seinem Zollstock bestehen. "Das da, weg! Und das da, weg!", habe der Mann vom Amt die Kleingärtner angeherrscht. Da war er aber bei Martha Kuhn an die Falsche geraten. Über zweihundert Unterschriften sammelten sie und ihre Mitstreiterinnen aus dem Frauenkreis und schrieben dann einen Brief an die Stadtverwaltung: "Bitte lassen Sie den Leuten ihre Gartenlauben. Sie haben so viel Zeit, Geld und Liebe investiert. Nehmen Sie uns das nicht weg!" Der Oberbürgermeister von Lahr hatte ein Einsehen: Die Lauben durften bleiben, aber nicht weiter ausgebaut werden.

Während sie erzählt, sitzt die Berühmtheit aus Kasachstan noch immer schweigend und regungslos auf ihrem Kissen. Martha Kuhn hält die Zeit für gekommen, sie um ein Gedicht zu bitten. Die beiden tuscheln kurz. "Sie wird uns ein kasachisches Gedicht vortragen, von einer Frau, die ihren Mann so sehr liebte, dass sie durch Wände gehen konnte", kündigt Martha Kuhn an. Ohne ihre Haltung zu ändern, beginnt die Frau in gleichmäßigen Rhythmen zu sprechen. Die Worte klingen rau, sie verzieht keine Miene. Nach einem Moment der Stille klatscht das kleine Publi­kum. "Sie spricht mir oft Gedichte vor, während ich hier im ­Garten arbeite", sagt Martha Kuhn. "Viele weiß sie noch auswendig, aber nach und nach vergisst sie sie."

Samstagnachmittag in der Siedlung: Vor dem ­russischen Supermarkt grillt man Schaschlik in einem Baumarktzelt. Eine Kundin des Supermarktes zieht mit ihren Tüten vorbei, während ein paar muskelbepackte Männer im BMW vorfahren und sich frisches Grillfleisch holen. Ein älterer Herr setzt sich auf die Bierbank und lässt sich einen Spieß braten.

Alfija Pisarkowa, Verkäuferin im Markt, kennt sie alle mit Namen. ­ "Wir sind wie eine Familie hier. Manche Leute küssen mich, manche drücken mich." Der Supermarkt besteht nur aus drei Regalzeilen, trotzdem bekommt man hier fast alles, was man zum Leben braucht. Käse, Wurst, Trockenfisch, eingekochtes Gemüse und riesige Pralinenschachteln. Die Verpackungen sind mit kyrillischen Schrift­zeichen bedruckt. Auch Küchengeräte gibt es und verschnörkelte Deckenlampen, Blusen und Kleider mit blumigen Mustern, gepols­terte BHs, die so groß sind wie Kinderfahrradhelme.

"Klar, kommen hier auch Deutsche zum Einkaufen", sagt die Verkäuferin. Besonders Pelmeni, russische Maultaschen, und Sülzfleisch seien beliebt. Klar, habe sie auch Bekannte auf der anderen Seite. Vorurteile? Die gebe es auch. Gerade bauen sie und ihr Mann im nächsten Ort ein Haus. Als dabei eine Zaunlatte des angrenzenden Grundstücks zu Bruch ging, habe der Nachbar sie angebrüllt: "Ihr seid hier nicht in Russland, ihr könnt hier nicht alles kaputt machen wie ihr wollt!"

Fußball ohne die Deutschen

Auch Rafael Schefer, Fußballtrainer aus dem Nachbarort ­Langenwinkel, weiß, wie angespannt das Verhältnis auch heute noch ist. In seinem Verein FV Langenwinkel trainieren fast ausschließlich russlanddeutsche Spieler, viele von ihnen kommen aus Kippenheimweiler. Die Deutschen blieben irgendwann weg.

Den ehemaligen Ortsvorsteher Eberhard Roth beunruhigt es wenig, dass sich die beiden Ortsteile bis heute kaum vermischt haben. Integration sei ein Zwei-Phasen-Projekt, meint er. In der ersten Phase sei es wichtig gewesen, die erhitzten Gemüter auf beiden Seiten zu beruhigen. Die Gartenanlagen hätten dazu beigetragen, außerdem habe man auf russlanddeutscher Seite in den Neunzigern einen Kindergarten mit Sprachförderprogrammen eröffnet und einen Jugendarbeiter angestellt. Jetzt stehe die zweite Phase an, in der sich die beiden Seiten näher kennenlernen und zusammenwachsen können.

Tatsächlich haben sich viele der einstigen Unruhestifter zwischen­zeitlich gut eingelebt. Wie Waldemar, der seinen Nach­namen lieber nicht gedruckt haben möchte. Der heute 37-Jährige im schwarzen Trainingsanzug wirkt charmant und offen. Er war 14, als er nach Deutschland kam. Er vermisste seine Freunde und fand hier keine neuen. Mehrmals lief er von zu Hause weg, weil er zurückwollte. Er kam nicht mit den vielen Regeln klar, die hier beachtet werden mussten. "In Kasachstan hatte man mehr Freiheit", sagt er. Er habe sich hier nicht willkommen gefühlt. "Scheißrusse" hätten sie ihn in der Klasse genannt. "Wenn man klein ist und die Psyche schwach, kann man so was nicht aushalten." Mit Deutschen wollte er lange nichts zu tun haben.

Mit seinen russischen Freunden grillte oder fischte er am See. Manchmal zündeten sie irgendetwas an oder brachen nachts ins Kieswerk ein, nur so zum Spaß. Sie klauten Fahrräder, um ein bisschen Geld ranzuschaffen, eine Zeit lang vertickten sie Gras und oft prügelten sie sich vor Diskotheken. Dann starben zwei seiner Freunde, weil sie betrunken einen Unfall verursachten. Irgendwann wollte ihn jemand aus einer Clique von Älteren, die mit Heroin dealten, in das Geschäft hineinziehen, aber auch der starb bei einem Autounfall. "Das hat Gott so gewollt, sonst hinge ich heute wohl an der Nadel", sagt Waldemar.

Mit 21 ging er ins Fitnessstudio, wie nach und nach alle seine Freunde. Von da an war Schluss mit dem Alkohol. Sie suchten sich Ausbildungsplätze und Jobs, gründeten Familien. Heute hat er einen neunjährigen Sohn, den er alleine großzieht. Dem bringt er bei: "Wenn dich jemand beleidigt, schlag zurück. Wenn du dich nicht verteidigen kannst, bist du eine Schande."

"Deutschland - das ist die Heimat"

Einer, der den Sprung auf die andere Seite der Kreisstraße geschafft hat, ist der einstige Vorsitzende der Gartenanlagen der Russlanddeutschen, Viktor Ehrlich. An einem sonnigen Julitag sitzt er auf der Terrasse seines Einfamilienhauses im Neubau­gebiet auf der "deutschen" Seite von Kippenheimweiler. Der neue Ortsvorsteher Tobias Fäßler ist auf ein Feierabendbier vorbeigekommen, die beiden kennen sich schon seit Jahren. In der Anfangszeit sei Ehrlich das Bindeglied zwischen beiden Ortsteilen gewesen, erzählt Fäßler. Im Schrebergarten habe er nach dem Rechten gesehen, sagt Ehrlich, "und wenn’s nicht gepasst hat, hat’s eins druff gegeben". Diebstähle habe er aufgeklärt und den Drogenhandel unterbunden. "Man nannte mich den Schreber­gartenpolizisten", sagt er nicht ohne Stolz.

Der Ortsvorsteher bedauert, dass es mit Ehrlichs Wahl in den Ortschaftsrat nicht geklappt hat. Er war einer von nur zwei russ­landdeutschen Kandidaten, die sich 2014 zur Wahl aufstellen ließen. Hätten ihn "die Russen" gewählt, wäre er Stimmenkönig geworden, nur leider gehen die meisten von ihnen gar nicht zur Wahl.

Am Lagerfeuer im Schrebergarten der Anselms grillen die Kinder Stockbrot. Lydia Anselm zieht sich ein Strickjäckchen über ihr geblümtes Sommerkleid. Es ist kühl ge­worden. "Irgendwann werdet ihr doch nach Deutschland zu­rückkehren, denn das ist die Heimat", habe ihre Großmutter ­immer gesagt, die die Rückkehr nach Deutschland aber selbst nicht mehr erlebte.

Für ihren Sohn ist es höchste Zeit, sich um den Karpfen zu ­kümmern, den er heute im Waldmattensee gefangen hat. Er knipst seine Stirnlampe an, packt das fast acht Kilogramm schwere Prachtstück auf ein Gartentischchen und macht sich daran, den Fisch zu säubern. Es braucht richtig Kraft, um mit dem Angler­messer die fast zweieurostückgroßen Schuppen zu lösen. An die Wolga denke er noch oft, sagt er, als er das Messer für einen ­Moment zur Seite legt. "Irgendwie bin ich doch ein Russe."

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Lesermeinungen

Es tut gut zu lesen, wie die Mauern in den Köpfen überspült werden. Oder eher überwuchert von Gärten bis von ihnen nichts mehr übrig bleibt. Es war die richtige Geste von dem Ortsvorsteher von Kippenheimweiler den Menschen die Gärten zu überlassen. Pflanzen haben anscheinend auch die Fähigkeit, Risse in der Seele zu heilen. Aber es wird wohl noch mindestens eine Generation brauchen, damit wir uns hier verwurzelt fühlen. Dieses Hin- und-Hergerissensein ist auch sehr deutlich in dem Artikel spürbar. Sehr fein beobachtet.

Ein m. E. wunderbarer Artikel, der viel - wenn auch nicht alles - zur Integrationsproblematik verschiedener Kulturen erklärt. Außerdem zeigt er, kurzfristige schnelle Erfolge kann es nicht geben und allen Beteiligten der aktuellen 'Willkommenskultur' sollten diese Schilderungen Antrieb sein und geben für einen langen Atem. Wir werden noch viele Momente des Zweifelns haben, die uns aber nicht abbringen sollten von dem menschlichsten aller möglichen Wege: Willkommen sagen zu jedem unserer neuen Nachbarn, auch wenn uns das Echo nicht sofort erreicht und vielleicht sich nicht gewohnt anhört.