Anti-Macho-Projekt für Kosovos Nachkriegsgeneration

Sei ein Mann! Aber sei anders
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Korab Jaha, Claudia Adolphs, Armend Nimani, Sabine Wilke/Care

Jetmir mit seiner Mutter Neve: Der junge Kosovare hat gelernt, Frauen zu respektieren

Im Kosovo ist eine Nachkriegsgeneration teils ganz ohne Väter, teils mit traumatisierten Vätern aufgewachsen. Eine ­Initiative macht Jungs wie ­Jetmir klar: Ihr seid Männer, auch wenn ihr Frauen achtet und nicht rumpöbelt

Als Mutter ist Jetmir ein Star. ­„Kochen, putzen, waschen, bügeln, einkaufen – und schön aussehen soll ich auch noch?“, ruft er auf der ­Bühne mit hoher Stimme, streicht seine Wallemähne zurück und lässt sich erschöpft aufs Sofa fallen. Die Zuschauer klatschen und pfeifen, Jetmir dankt mit Handküssen. Mit Perücke, Make-up, ausgestopftem BH und Pumps stolziert er ­umher, die anderen jungen Darsteller wirken gegen ihn wie Statisten.

 Jetmir FejzullahuCare

„Ach, mein Sohn“, klagt Jetmir theatralisch. „Warum bist du kein Mädchen, das mir im Haushalt hilft?“ Immer wieder geht das in diesem Bühnenstück so. Bis die Mutter eines Tages streikt und nur noch auf dem Sofa liegt. Ihr Sohn muss selbst zum Spülschwamm greifen, Essen kochen, Hemden bügeln. Erst stinkt es ihm, und seine Freunde lästern. Aber irgendwann macht es ihm sogar Spaß. Die anderen Jungs sind beeindruckt. Und seine Mutter kann es kaum fassen, dass sie ihren Sohn beim Abwaschen sieht. „Ein Wunder, ein Wunder!“, trillert Jetmir und hüpft begeistert um den Sohndarsteller – der nur mit Mühe ernst bleiben kann. Das Publikum im Jugendclub von Priština rastet fast aus.

Ein 18-Jähriger, der eine Hausfrau spielt, allein das bricht in Jetmir Fejzullahus ­Heimat Kosovo viele Konventionen. Jetmir ist groß, kräftig und trägt kurz geschorene Haare. „Ich liebe es, mich zu verwandeln“, sagt er später beim Abschminken. Vor allem aber spielt Jetmir eine Geschichte, die er bestens kennt. Es ist seine eigene.

Wer Frauen und Mädchen als gleichwertig behandelt, gilt als Schwächling

Gut drei Jahre ist es her, da war Jetmir noch ein Macho. Zu Hause rührte er keinen Finger, in der Schule und mit Freunden gab er den ­aggressiven Draufgänger, prügelte sich oft und gern, rief den Mädchen anzügliche Sprüche hinterher. Nichts Ungewöhnliches im Kosovo. Wer dort ein richtiger Mann sein will, der raucht, trinkt und stellt seine körperliche Stärke zur Schau. Wenn ihm zu Hause etwas nicht passt, schlägt er zu. Draußen sowieso, notfalls greift er zur Waffe. Wer Frauen und Mädchen als gleichwertig behandelt, gilt als Schwächling. Gefühle zeigen und darüber sprechen, das ist für einen Mann tabu.

Kurz bevor Jetmir in die zehnte Klasse kam, hörte er von „Be a Man“, einem Bildungsprogramm der internationalen Hilfs­organisation Care. Zielgruppe: junge Männer zwischen 13 und 19 Jahren auf dem Balkan. „Sei ein Mann“, so heißt das Programm auf Deutsch, verbunden mit der Aufforderung: aber sei es anders, als die Gesellschaft es von dir erwartet. Definiere dich und deine Rolle neu.

Die Initiative läuft in Bosnien und ­Herzegowina, Kroatien, Serbien und Montenegro, 2006 startete sie im Kosovo. Bei regelmäßigen Treffen sprechen die Teilnehmer über Mädchen, Sex, Drogen, Gewalt, Probleme mit den Eltern, Zukunftspläne. Alles, was in diesem Alter wichtig ist. Ein Angebot zum Reden – so etwas gibt hier nicht so oft. Viele bleiben lange dabei.

In einer schmalen Seitenstraße im ­Zentrum von Priština teilt sich „Be a Man“ mit anderen Wohltätigkeitsorganisationen ein Haus. Ein junger Mann in roten Jeans steht vor der Tür, Jetmir und seine Freunde begrüßen ihn mit Handschlag, halber Umarmung, zwei Wangenküssen.

 Besnik Leka, Mitarbeiter der Organisation CareCare
Care-Mitarbeiter Besnik Leka leitet das Anti-Macho-Programm im Kosovo. Er sieht kaum älter aus als die Teilnehmer. Gerade ist er 30 geworden. Die Jungen setzen sich um einen großen ovalen Tisch. Jetmir und zwei andere fallen auf Sitzsäcke. „Etike­timi“, schreibt Leka auf einen Bogen Papier an der Wand und kringelt das Wort ein, auf Deutsch: jemanden etikettieren. „Etiketimi – was versteht ihr darunter?“, fragt er. „Wenn mich jemand mit einem Begriff bezeichnet, der verächtlich ist“, sagt Agon Kelmendi, 18, schmales Bärtchen, tief ­sitzende Jeans, Kapuzenpulli. „Jemand in meinem Alter, der mich immer wieder Sohn nennt, der nimmt mich nicht ernst, der macht sich über mich lus­tig.“ „Früher dachte ich, Gewalt ist, wenn man sich ­prügelt oder Schlimmeres tut“, sagt Korab Jaha, 18, blonde Wuschelfrisur, Sneaker. „Aber Schimpfwörter sind auch eine Form von Gewalt. Oft tun sie sogar mehr weh als ein Schlag ins Gesicht.“

Viele Jungs wuchsen bei aggressiven Vätern auf

Leka hört den Jugendlichen zu, fragt oder bohrt nach, taut die Schweigsamen auf, bändigt die Redenschwinger. Seit vier Jahren betreut er das Programm. Leka hat mal als Kellner gearbeitet. Bald will er in den USA studieren. Später will er im Kosovo eine Schule leiten. Aufgewachsen ist er in Kamenica, einer Kleinstadt im Osten des Landes. Ein trister Ort, sagt Leka. „Schulunterricht hatten wir in Schichten, weil Lehrer fehlten. In der Freizeit blieb nur Kirche oder Moschee.“ Die Familie hatte acht Kinder, Besnik war nicht der Jüngste, aber der Kleinste, die Schwes­tern zogen ihm oft Mädchenkleider an.

„Wann ist ein Mann ein Mann? Das ist für viele in unserer Gesellschaft eine schwierige Frage“, sagt Leka. „Wir schreiben daher niemandem vor, wie er sich ver­halten soll. Unser Ziel ist, dass sich die Jugendlichen über Gewalt und Geschlechter­rollen bewusst werden und dass sie andere Wege kennenlernen, miteinander umzugehen.“

Die Gründe für ihre Gewaltbereitschaft und Diskriminierung liegen erst wenige Jahre zurück. Die Jugoslawienkriege in den 90ern verstärkten alte patriarchalische Rollenbilder: Die Männer kämpften als Soldaten oder blieben als Beschützer bei ihren Familien. Depressionen und Kriegstraumata machten viele Männer aggressiv, ihre Söhne wuchsen mit Machos auf, die ihre Konflikte mit Fäusten lösten.

Hinzu kommt: Der Kosovo war und ist eine der ärmsten Regionen Europas. Vor allem die jungen Leute sind arm und ohne Perspektive. Und knapp die Hälfte der 1,8 Millionen Einwohner sind jünger als 24. Drei von fünf haben keinen Job. Die Bildungschancen sind schlecht, es fehlt an Freizeitangeboten. Alkohol und Drogen vertreiben die Langeweile – und schaffen noch mehr Gewalt.

"Ich habe oft geweint"

Etlichen Kindern hatte der Krieg die Väter genommen. Jetmir wurde ohne seinen Vater groß. Kurz vor Ausbruch des Kosovokriegs 1999 ging der Vater in die Schweiz, da war Jetmir zwei Monate alt. „Wenn sich die Lage wieder beruhigt, komme ich zurück“, versprach er seiner Frau. Doch er kam nicht. „Ich habe ihn nie kennengelernt“, sagt Jetmir. „Nur manchmal hat er angerufen, doch das ­wurde immer seltener. Über das Erwachsenwerden und über Mädchen habe ich statt mit ihm mit meinen Freunden geredet.“ Er lacht verlegen. „Das sind keine Themen für einen Sohn und seine Mutter.“

Daniela Schröder

Daniela Schröder, 39, schreibt oft über Wirtschaftsthemen, oft im Ausland. Das Anti-Macho-Projekt reizte sie, weil auch die Gleichberech­tigung über die ökonomische Entwicklung eines Landes entscheidet.

Mit seiner Mutter Neve, 52, und seiner Schwester wohnt Jetmir in einem kleinen Dorf bei Priština. Neve ist eine zierliche Frau mit lila Kopftuch, langem Karorock, Gummischuhen, braun gebranntem Gesicht, rauen Händen. Der Garten hinter ­ihrem kleinen alten Haus ist eine gepflegte Wildnis aus Beerensträuchern und ­Blüten. Sie ist allein zu Hause, bringt starken ­Kaffee und eine Kiste mit Fotos. Sie zeigt das Haus ihrer Eltern, niedergebrannt im Krieg. Ihre Brüder mit Frauen und Kindern auf Familienfesten. Neve als schöne junge Frau in Sommerbluse, an der Hand ein kleines Mädchen, auf dem Arm ein dickes Baby mit dunklen Knopfaugen, ­Jetmir. ­
Fotos mit seinem Vater hat sie nicht.

„Die Frauen meiner Generation sind stark“, sagt Neve später. „Doch natürlich habe ich unter der Situation gelitten, ich habe oft geweint. Aber nur nachts, wenn die Kinder schliefen. Es war für sie schon hart, ohne Vater aufzuwachsen. Ich wollte sie nicht zusätzlich belasten.“

Wer drei Jahre dabei bleibt, identifiziert sich stark mit dem Club

Was sie von „Be a Man“ hält? Erziehung sei vor allem Elternsache, sagt sie. Sie blickt auf ihre Hände und schweigt. „Ich habe versucht, meinen Kindern alles Wichtige beizubringen. Aber ich musste arbeiten und hatte wenig Zeit für sie. Jetmir musste die Welt selbst entdecken, er musste Fehler machen und aus Erfahrungen lernen.“ Hat das Männertraining Jetmirs Einstellung gegenüber Mädchen und Frauen verändert? „Ich hoffe es“, sagt sie, lächelt und zwinkert. „Es ist gut, dass sie dort auch über Sexualität sprechen. Das fällt mir mit meinen Kindern sehr schwer. Besonders mit Jetmir.“

 Korab JahaCare
Jetmir, Agon und Korab treffen Freunde in einem Café im Zentrum von Priština, zwei tragen ein T-Shirt mit dem Logo von „Be a Man“, ein Arm in Muskelprotzpose, der Muskel ist ein Gehirn. „Klubi Bonu Burre“ steht darunter. „Der Club“, sagen die Jugendlichen nur, es klingt nach einer verschworenen Gemeinschaft. „Sei ein Mann – was für ein Quatsch, dachte ich damals“, erzählt Jetmir. „Ein Mann ist man einfach, warum wollen die mich belehren?“ „Einige meiner Klassenkameraden lachten mich aus, als sie hörten, dass ich zum Club gehe, sie meinten, das sei nur was für Schwuchteln“, erzählt Agon. „Aber wenig später haben auch sie mitgemacht.“

Was hat der Club verändert? Jetmir grinst. „Zu Hause war ich faul, aber lieb. In der Schule und auf der Straße habe ich immer Streit gesucht. Die Aggressivität ist Stück für Stück verschwunden.“ Korab sagt, dass sich seine Einstellung gegenüber Gefühlen geändert habe. „Immer den Starken zu geben, das ist Quatsch. Jeder ist emotional, auch Männer.“ Einer der Freunde, Agon Shala, schwärmt von seiner Freundin, seit sechs Monaten sind sie zusammen, er will sie so schnell wie möglich heiraten. „Es gefällt ihr, dass ich es ernst meine, dass ich nicht die typischen Spielchen spiele.“ Er lächelt. „Eine Freundin finden – das ist doch eine gute Werbung für den Club, oder?“

Mehr als 15 000 junge Männer in den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens haben das Anti-Macho-Training bisher mitgemacht. Immer wieder steigen auch Jungen aus, erzählt Kosovo-Projektleiter Leka. Wer die drei Jahre dabeibleibt wie Jetmir, identifiziert sich besonders stark mit dem Club. Was er ihnen vermittelt, das geben sie weiter. Sie posten den Männerkochwettbewerb in Prištinas Fußgängerzone auf der Facebook-Seite des „Klubi Bonu Burre“. Sie machen beim „Wann ist ein Mann ein Mann?“-Theater mit, bei dem Jetmir die aufgedrehte Mutter spielt. Vor allem aber übernehmen einige der jungen Männer das, was bisher Leka machte: Sie organisieren Workshops, in denen sie für die Gleichberechtigung von Frauen und Männern werben und gegen Gewalt mobil machen.

"Können Männer schwanger werden?" - "Nein!"

Eine Berufsschule am Rande von Priština. Das Gebäude mit den Steinböden stammt aus den 60ern. Die gelben Wände riechen nach frischer Farbe. Ein Schild am Eingang zeigt Symbole dessen, was hier verboten ist. Schüler haben es gemalt. Messer, Pistole, Heroinspritze, Flasche – alles durchgestrichen.

Die Jungen im Klassenraum einer zehnten Klasse tragen hellblaue Hemden, ihre Schuluniform. Agon und Korab leiten von der Tafel aus einen Workshop zum Thema Geschlechterrollen. Es ist ihr erster Auftritt vor einer Klasse, sie sind aufgeregt.

Besnik Leka beobachtet sie aus der letzten Reihe. An Berufsschulen gehören „weiche Themen“ zwar zum Lehrplan, sagt er. Aber die Lehrer seien schon mit dem Pflichtstoff ausgelastet. Außerdem sei der typische Lehrer im Kosovo eine Autoritäts­person. Das Bildungsministerium lässt ­„Be a Man“ in der Schule unterrichten, die Lehrer sind aber nicht dabei. Es geht um Alternativen zur Gewalt und zu Drogen und um gute Sexualität.

„Können Frauen stark sein?“, fragt Korab die Klasse. „Nein!“, rufen die Jungen.
„Können Männer schwanger werden?“ Lautes Lachen. „Nein!“
„Können sie eine Vagina haben?“ - „Nein!“
„Können sie ein Kleid tragen?“ - „Ja!“
„Können sie lange Haare haben?“ - „Ja!“
„Können Mädchen hart arbeiten?“ - „Ja!“
„Können sie ihre Haare kurz tragen?“ - „Ja!“
„Können sie einen Penis haben?“ Lachen. „Nein!“

Korab guckt ernst, wenn die Klasse laut wird. Er wartet, bis sich alle beruhigt haben. Um Vagina, Penis, Schwangerschaft malt er einen Kreis. „Das sind alles bio­logische Merkmale, mit denen wir geboren werden“, sagt er. „Alles andere kann sich im Laufe der Zeit ändern, ist in jeder Kultur unterschiedlich.“ Die Jungen schweigen.

„Eine Freundin mit kurzen Haaren will ich aber nicht“, ruft ein Dicker in die Stille. Die Klasse grölt. Besnik Leka grinst. Und dann lacht auch Korab.

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Lesermeinungen

Gerade deshalb (s. 1. Kommentar) ist das Projekt doch so wichtig. In meiner Arbeit und durch die Erfahrungen mit Migrant/innen sehe ich das Thema auch in Deutschland als sehr wichtig an. Vielleicht als Modul für den Integrationskurs, im Rahmen von "Leben in Deutschland"!? Schwerpunkt: Demokratie leben, Geschlechtergerechtigkeit!
Gibt es schon eine Übersetzung des Projektes für Deutschland? Kann ich den Lehrplan bekommen?