„Das verstößt gegen das Judentum“

Radikale Siedler gegen Muslime und Christen
Nonne in zerstörtem Kloster

Kahana/AFP/Gettyimages

Nach dem Anschlag: ausgebrannter Süd­flügel des Klosters in Tabgha, Galiläa

Radikale jüdische Siedler hetzen gegen Muslime und Christen. Die israelische Öffentlichkeit ist schockiert

Ein Brandanschlag auf das Kloster in ­Tab­gha hat Israel erschüttert. Der Südflügel des Klosters bei der Brotvermehrungskirche am See Genezareth brannte aus. Wände waren mit Worten aus einem jüdischen Gebet beschmiert. Mitte Juli nahm die Polizei drei verdächtige rechtsradikale Siedler fest.

Schon seit Jahren attackieren rechtsradikale Siedler Christen und Muslime. 18 Brandan­schläge gehen auf ihr Konto. Sie spray­en Graffiti an Moscheen und Kirchen: „Jesus ist ein Hurensohn“, „Tod den Christen“, „Mohammed ist ein Schwein“. Der israelische Verein für Religionsfreiheit und -gleichheit Hiddusch (deutsch: „Erneuerung“) hat 45 solcher Angriffe seit Ende 2009 registriert.
 

chrismon: 45 Hassattacken auf Muslime und Christen in fünfeinhalb Jahren – sind das viele?

Gewalt - eine gute Tat?

Auf der national-religiösen Internet­seite ­www.srugim.co.il befürwortete ein Rabbiner Gewalt gegen Christen – ­und steckte ­Kritik ein. Nach dem Brandanschlag in Tabgha schrieb Rabbi Itay Elizur: Es sei eine Mitzwa (eine gute Tat), heidnische Bewohner des Landes Israel auszurotten. Er bezog die biblische Weisung auf die heutigen Christen. ­Anders als die Regierung verbiete die Thora Religions­freiheit. Man müsse das Volk Israel umerziehen. Kirchen abzu­brennen müsse Staatsziel sein. In ihren Kommentaren ­unter der Internetkolumne stimmten einige Leser zu. Doch die meisten protestierten: „So denkt einer, der seine Religion über die Moral stellt“, schreibt ein User unter dem Namen Arad ­Alper. Ein anderer, Nathan Horovitz, betont, die ­Weisen Israels hätten davor gewarnt, mit Billigung der Thora ein Schurke zu werden. Andere Leser vergleichen den Rabbi mit Faschisten und mit dem sogenannten „Islamischen Staat“.

Shahar Ilan: Die Zahl ist in Wirklichkeit wesent­lich höher. Manche streng orthodoxe Juden bespucken jeden vorbeigehenden Priester und Mönch. Das passiert täglich, gerade in Jerusalem. Aber die Behörden begreifen nicht, dass Israel als das Heilige Land verpflichtet ist, auch Kirchen, Pries­ter und Mönche zu schützen.

Bislang wurde keiner dieser Vorfälle aufgeklärt. Warum nicht?

Die Polizei bewertet Straftaten nach der Höhe des Schadens. Gibt es Tote, ist der Schaden am größten, bei Verletzten ist er geringer und am geringsten, wenn nur Eigentum schwer beschädigt wird. So weit, so gut. Doch um den alltäglichen interreligiösen Vandalismus kümmert sich die Polizei gar nicht. Und sie versteht nicht, dass sie ihm wesentlich mehr Aufmerksamkeit schenken muss.

Im Mai 2014 kam der Papst für zwei Tage nach Israel. Da verordnete die Polizei vier rechtsnationalen Aktivisten Hausarrest. Der Besuch verlief weitgehend friedlich.

Trotzdem gab man den Extremisten nach. Anlässlich des Besuchs wollte der Staat Israel den Christen mehr Rechte im Abendmahlssaal in Jerusalem geben, also in dem Saal, in dem Jesus mit seinen Jüngern das Abendmahl gefeiert haben soll. Bislang dürfen Christen dort fünf Mal im Jahr beten, das wollte man ausweiten. Juden ist der Saal gar nicht wichtig, ihnen geht es um den Raum darunter, um das Davidsgrab. Man erreicht beide Räume durch getrennte Eingänge. Aber die jüdischen Extremisten, die heute den Berg Zion beherrschen, wollten nicht, dass Christen im Obergeschoss beten. Seit dem Papstbesuch hören die Schikanen gegen Christen, die dort feiern und beten, nicht auf. Die Polizei ­duldet das. Für mich ist das ein Skandal.

"Antichristliche Anschläge sind immer religiös motiviert"

Pfingsten verbot die Polizei griechisch-orthodoxen Christen, beim Gottesdienst im Abendmahlssaal Weihrauch zu verwenden, Kerzen anzuzünden und ein Kreuz zu tragen. Warum?

Der Polizeioffizier folgte den Forderungen ­jüdischer Beter, die sich dort verschanzt hatten. Er wusste nicht, dass der christliche Gottesdienst genehmigt war, wollte Ruhe bewahren und traf die falsche Entscheidung. Die Polizei muss Vereinbarungen respektieren. Am Grab der Patriarchen in Hebron funktioniert das auch.

Auf die Klostermauern in Tabgha war der Aufruf gesprüht, Götzen zu zerstören. Sind Christen für manche Juden Götzendiener?

Das religiöse Establishment unterstützt keine Gewalt. Aber es passieren sonderbare Dinge. Die International Christian Embassy Jerusalem, eine proisraelische Organisation, wollte im vergangenen Oktober einen Gottesdienst an den Huldah-Toren an der südlichen Mauer des Tempelbergs feiern. Doch führende Rabbiner und sogar das Oberrabbinat stellten sich vehement dagegen. Das Gebet musste abgesagt werden. Wenn orthodoxe Rabbiner christliche Aktivitäten abscheulichen Götzendienst nennen, soll man sich nicht wundern, wenn das auch Extremisten tun.

Siedler sprühen Graffiti an Moscheen, wenn die Regierung illegale Häuser abreißt und wenn ein Palästinenser einen Anschlag verübt. Ihre Devise: Was sich gegen uns richtet, hat einen Preis. Hat der Anschlag in Tabgha etwas mit sogenannten Preisschild-Aktionen zu tun?

Sicherlich ist da eine ideologische Verbindung. Vielleicht sind es auch dieselben Täter. Aber Preisschild-Angriffe antworten vor allem auf Terror, sie richten sich gegen Muslime und sind nationalistisch motivierte Vergeltung. Grundsätzlich sieht das jüdisch-religiöse Establishment den Islam viel positiver als das Christentum. ­Antichristliche Anschläge sind immer religiös, nie nationalistisch motiviert. Der Brandanschlag in Tabgha war auch keine Vergeltung.

"Der Staat muss begreifen, wie schwer kleine Übergriffe wiegen"

Beide Oberrabbiner in Israel haben den Anschlag in Tabgha verurteilt.

Ich bin zufrieden mit der Reaktion des aschkenasischen Oberrabbiners David Lau. Er verurteilte die Tat und sagte, dass ein Brandanschlag auf ein Kloster aus religiösen Gründen kriminell und verboten sei. Das war richtig. Weniger zufrieden bin ich mit der Reaktion des sephardischen Oberrabbiners Jitzhak Josef. Er verurteilte die Brandstifter nur deshalb, weil sie wegen ihrer Tat Juden weltweit Angriffen von Nichtjuden aus­setzen könnten. Das kann aber nur ein zweitrangiges Argument sein. Zuerst muss man sagen:
Solche Taten verstoßen gegen das Judentum.

Glauben Sie, dass es im Fall von Tabgha auch wirklich zu einer Anklage kommt?Da bin ich zuversichtlich, weil der Vorfall auch international sehr bekannt wurde. Das löst aber keines der anderen Probleme mit jüdischen Randalierern, die regelmäßig christliche Institutionen und Geistliche attackieren. Der Staat muss begreifen, wie schwer kleine Übergriffe wiegen: Geistliche anspucken und Häuser mit Graffiti beschmieren. Sonst können sich Extremisten zu noch mehr interreligiöser Gewalt ermutigt fühlen. Wenn der Staat Israel das nicht begreift, werden wir in wenigen Jahren wieder einen Anschlag wie den in Tabgha erleben.

Shahar Ilan

Shahar Ilan, 53, ist Vize­direktor des Vereins für Religionsfreiheit Hiddusch. Der Jerusalemer war lange Redakteur bei der liberalen Tageszeitung „Haaretz“. Sein Thema: Staat und Religion in Israel.
Foto: Privat

Information

Update:

Der radikale jüdische Aktivist Benzi Gopstein befürwortet bei einem Symposium am Mittwoch (5. August 2015) in einer Talmudschule in Jerusalem das Anzünden von Kirchen in Israel, um „Götzendiener auszurotten“.

Am Dienstag erklärte der Inlandsgeheimdienst, es gebe nicht genug Beweise, um Gopsteins Verein „Lehava“ (Hebräisch: Flamme) für illegal zu erklären.

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