Die Bänker und ihre Berufsmoral

„Die Welt da draußen...“
Banker auf Balkon

Foto: Stefan Freund / plainpicture

Was kommt hinter der Fassade? Finanzakteure sagen: „Ich weiß es nicht!“

Eine Soziologin hat die Berufs­moral im Finanzwesen erforscht. Viele „Banker“ leben in einer eigenen Welt

chrismon: Sagen Sie eigentlich „Banker“?

Claudia Czingon: In der Öffentlichkeit gelten Banker als „Bankster“. Ich spreche lieber von „Finanzakteuren“.

Sind die Finanzakteure seit der Bankenkrise 2008 selbstkritischer geworden?

Kaum. Je näher die Akteure dem Kerngeschäft sind – wo das Geld verdient wird –, desto häufiger sagen sie: Gesellschaftliche Verantwortung ist keine berufliche Aufgabe, sondern etwas Privates. Im Job ist es unproblematisch, Erträge zu maximieren – man kann ja privat Gutes mit dem Geld machen.

Steuern Banken gegen diese Haltung  an?

Nein, die machen das ähnlich. Die Banken konzentrieren sich in ihrer „Corporate Social Responsibility“ auf die Finanzierung von sozialen und kulturellen Projekten. Eine große deutsche Bank beschäftigt damit 60 Mit­arbeiter – für das ökologische und soziale Risikomanagement, das die Geschäftsmo­delle selbst sozialverträglicher machen soll, sind nur 1,5 Stellen vorgesehen. Nach dem Motto: Wie das Geld verdient wird, ist nicht entscheidend – Hauptsache, man fördert Wohltätigkeitsveranstaltungen.   

Was steht der Moral im Weg?

Die Banken selbst, weil sie sich von der Realökonomie entfernen und dem Finanzmarkt­kapitalismus zuwenden. Bei Mitarbeitern, die Kredite an Unternehmen vergeben, steht immer noch der Unternehmer im Mittelpunkt. Der möchte auch Geld verdienen, aber mit einer langfristigen Strategie. Im Investmentbanking dreht sich dagegen vieles um Inves­toren mit kurzfristigen Ertragsinteressen. Dort achtet man darauf, dass Unternehmen, in die Geldgeber investieren, schnell Gewinne abwerfen. Die langfristige Perspektive fehlt. Am extremsten ist es bei den Händlern. Sie haben nicht mit Menschen, sondern in erster Linie mit Computern zu tun. Bei ihnen ist der Glaube an die Selbstregulierungskraft des Marktes am stärksten. Was der Moral auch entgegensteht, ist die Sozialstruktur.

Wieso?

Finanzakteure bewegen sich in einem sehr homogenen Umfeld. Ein Investmentbanker sagte mir: „Man macht Urlaub an denselben Orten, die Kinder gehen in denselben Kinder­garten. Man entfernt sich immer weiter von der Wirklichkeit. Deswegen mache ich mir auch keine Gedanken darüber, ob die Deals, die ich mache, irgendwelche Auswirkungen auf die Welt da draußen haben.“ Wer nur mit ähnlichen Weltanschauungen zu tun hat, wird seltener dazu herausgefordert, den eigenen Beruf zu reflektieren. Anders war es bei einer Frau, die bei einer Geschäftsbank tätig, privat aber in einem studentischen, alter­nativ geprägten Umfeld unterwegs war. Sie musste sich ständig rechtfertigen und ar­beitet nun bei einer ethischen Bank. 

Gelten in zehn Jahren andere Werte?

Die meisten Akteure im Investmentbanking kommen von Business Schools. Die Studierenden dort stammen oft aus genau den wohlhabenden Milieus, die sich von der Gesellschaft abschotten.

Claudia Czingon

Claudia Czingon, 32, arbeitet an der Goethe-Universität in Frankfurt und untersucht „Milieubildungen und Professions­ethiken im globalen Finanz­wesen“.

Information

chrismon fragt junge ­Wissenschaftler, was sie antreibt und was sie in zehn Jahren wissen können.

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Lesermeinungen

Die heute ja schon geradezu sprichwörtlich gewordene geistige Ödnis bei Finanzjongleuren und im Finanzwesen überhaupt ist natürlich auch Folge der in diesem Bereich seit eh und je praktizierten Rekrutierungsinzucht, und schon allein aus der Biologie wissen wir ja, wozu Inzucht führen kann. Meine Empfehlung, nämlich an einschlägigen Schulen ein in etwa 2 Jahren zu bewältigendes Philosophikum und ein 6-monatiges Praktikum in einer durch die Finanzindustrie direkt oder indirekt geschädigten oder zerstörten Weltgegend als Pflichtbestandteile der Ausbildung einzuführen, trifft sehr wahrscheinlich nur auf taube Ohren.

Friedhelm Buchenhorst