Freunde der Vielfalt

Pluralismus ist etwas zutiefst Evangelisches, sagt die Kirche. Stimmt. Aber die Vielfalt erfordert auch Mut

 chrismon Redakteur Eduard Kopp
In der neuen Schrift der evangelischen Kirche fallen wunderbare Sätze, die man sofort auch anderen Religionsgemeinschaften ins Stammbuch schreiben möchte. „Religion ist eine Sache freier Zustimmung und eigener Einsicht“ ist so ein Satz. Oder: „Religionsgemeinschaften dürfen nicht über die Menschen verfügen.“  Es sind Grundsätze, auf die die evangelische Kirche mit Recht stolz sein darf. Sie sind gewachsen auf dem Boden der Reformation und mehr noch der Aufklärung. Wie wertvoll diese Einsichten sind, wird erst recht deutlich, wenn man die Umtriebe des „Islamischen Staates“ oder fundamentalistischer Sekten in Afrika oder Lateinamerika betrachtet.

„Christlicher Glaube und religiöse Vielfalt in evangelischer Perspektive“, der im Auftrage des Rates der Evangelischen Kirche von seiner Kammer für Theologie verfasste „Grundlagentext“, passt gut in die Zeit. Denn auch wenn die Religionsfreiheit als Verfassungsrecht in Deutschland lange etabliert ist, muss sie doch täglich mit Leben gefüllt werden.  

Juden und Muslime bereichern die Christen

Der Grundlagentext

Information und den Text als PDF zum Herunterladen gibt es bei der EKD.

Christlicher Glaube und religiöse Vielfalt in evangelischer Perspektive. Ein Grundlagentext des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Gütersloher Verlagshaus 2015, 80 Seiten, 4,99 Euro

Pluralismus ist zutiefst mit dem evangelischen Glauben verbunden, argumentiert die Kirche. Und weil das ein Schlüsselsatz ist, hier das wörtliche Zitat: „Die evangelische Kirche bejaht (den Pluralismus der Religionen) aus grundsätzlichen Überlegungen und aus ihrer eigenen Sache heraus“ (S. 19). Die Präsenz der Muslime, der Juden, der Buddhisten oder Hindus ist nichts, was irgendwie hinzunehmen, sondern positiv zu bejahen ist. Man darf wohl übersetzen: Sie ist eine Bereicherung, eine Ergänzung des eigenen Glaubens, natürlich immer auch wieder eine Herausforderung. Und diese Vielfalt macht es notwendig und möglich, die „Partikularität des eigenen Standpunktes“ zu entdecken (Seite 61).

Es ist gewiss nicht die erste Schrift, in der die evangelische Kirche ihre Mitglieder zu einer realistischen Selbsteinschätzung einlädt, aber dies ist immer wieder wichtig. Denn in den Tiefenschichten mancher Protestanten schlummert  durchaus noch das Bewusstsein, den einzig wahren Glaubensweg eingeschlagen zu haben und den einzigen ethischen Weg zu kennen. So kommen krude Auffassungen zur Rolle der Frau zustande, zum Wert gleichgeschlechtlicher Liebe, zur Minderwertigkeit des muslimischen Glaubens oder zur Schutzbedürftigkeit des christlichen Abendlands. Die EKD-Schrift betreibt keine Gleichmacherei und sie stellt pointierte Einzelauffassungen auch nicht grundsätzlich in Frage. Aber sie fordert ein, das sich jeder darüber klar wird, nur ein Pflänzchen im Garten Gottes zu sein und nicht der Schöpfer. Das ist eine ernsthafte theologische Aussage mit einer gravierenden Konsequenz: Niemand darf übertölpelt oder zu etwas gezwungen werden, denn das Ergebnis beispielsweise der Mission hat nicht der Mensch, sondern Gott in der Hand. Anders, und journalistisch, formuliert: Wer religiösen Zwang ausübt, pfuscht Gott ins Handwerk. So betrachtet sind die Gewalttaten des „Islamischen Staates“ oder der amerikanischen Lebensschützer, die Kliniken überfallen, Gotteslästerung (was die vorliegende Schrift so zugespitzt nicht formuliert).

Fundamentalismus in den eigenen Reihen

Es lohnt, einen Blick in diesen Text zu werfen, um zentrale Positionen der Kirche neu zu verstehen: dass zum Beispiel für Protestanten „Versöhnung das oberste Wort unserer Religion“ ist. Und – auch das klingt vertraut, wird aber immer wieder unterlaufen – dass es „keine abgeschlossenen Wahrheiten“ gibt, eine strikte Ermahnung an alle, die mit der Bibel in der Hand Gegenargumente aus dem Weg fegen. Die Offenbarung ist nicht abgeschlossen, sondern geht weiter, und es ist gut, jederzeit mit ungewohnten Einsichten zu rechnen.

Ein Grundlagentext ist keine politische Agenda. Gleichwohl hätte die detaillierte Beschreibung von Streitfällen den Nutzen erhöht. Wo hat die evangelische Kirche Probleme mit den Fundamentalisten in den eigenen Reihen? Wo gibt es sie überhaupt? In dieser Frage wirkt die EKD ziemlich vorsichtig. Oder: Was ist mit den messianischen Juden, einer christlichen Sekte? Oder mit den konservativen Biblizisten, die wie ein Zettelkasten aus Bibelsprüchen durch das Leben gehen und auf jede Frage sekundenschnell eine endgültig Antwort haben? Was ist mit den Christen in der Pegida oder der AfD, die ihr Selbstbewusstsein aus der Abgrenzung statt aus der Offenheit gegenüber anderen Menschen beziehen? Gerade sie sollten sich die neue EKD-Schrift in Ruhe zu Gemüte führen - und Bescheidenheit lernen.

Eine Kopfgeburt ohne Realitätsgehalt?

Ein besonders heikles Thema: Glauben Juden, Christen, Muslime an denselben Gott  (62 – 65)? Es ist nicht abwegig, so zu argumentieren: Wenn es nur einen einzigen Gott  gibt, dann werden Christen, Muslime und Juden wohl an denselben Gott glauben. So hatte auch der frühere Ratsvorsitzende, Wolfgang Huber, schon argumentiert – und der ist für die kluge Benennung von Differenzen (Stichwort „Ökumene der Profile“) bekannt. Doch bei dieser Frage agiert die EKD nun sehr vorsichtig, erklärt dieses Thema zu einer „leeren Abstraktion“, also zu einer Art Kopfgeburt ohne Realitätsgehalt. Ihr Argument: Schon weil der christliche Glaube wesentlich durch Jesus Christus charakterisiert ist, gibt es Differenzen zu Judentum und Islam. Das ist richtig, denn vieles, was wir über Gott wissen, wissen wir aus dem Leben und Handeln Jesu. Aber doch bleibt aufgrund der barschen Kritik der Eindruck, dass hier die EKD ihren eigenen Ansprüchen und Aufforderungen nicht genügt, auf Gemeinsamkeiten und nicht nur auf Abgrenzungen zu setzen.

Und das gemeinsame Gebet von Juden, Christen und Muslimen? Das ist bei Schulgottesdiensten eine wichtige Frage. Statt mutig eine Lanze für den gemeinsamen Gottesdienst zu brechen, schiebt die Kirche die Verantwortung an die Handelnden vor Ort weiter, stellt alles „der Gestaltungskompetenz und der Weisheit derer (anheim), die in pastoralen Situationen Verantwortung tragen“. Man kann das als geschickte Eröffnung eines Freiraums verstehen oder auch als Angst vor einer Festlegung. Den Lehrerinnen und Lehrern, den Schulpfarrern und Gemeindemitarbeitern hilft es jedenfalls nicht.

Martin Luther und das Kleingedruckte

Ein bisschen Angst vor der eigenen Courage ist in der evangelischen Kirche also durchaus zu spüren. Die Schläge, die sie nach ihrem Familienpapier bekommen hat, haben offensichtlich ihre Spuren hinterlassen. Anders sind manche salvatorische Klauseln und Absicherungen nicht zu verstehen. Man will sich gegen jeden Angriff, gegen jedes Missverständnis wappnen.

Wie sagte noch Martin Luther vor dem Reichstag in Worms: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Aber lesen sie auch das Kleingedruckte und meine Bemerkungen auf Seite 23, Zeile 11ff.“ Oder war es damals anders?

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Lesermeinungen

Leider zelebrieren viele Funktionsträger und Richtungsgeber der evangelische Kirche in einer verantwortungslosen und fehlinformierten Selbstverleugnung ihr Islamappeasement auch noch als ethisch-theologisches Vorbildverhalten. Nein, sie sind mit ihrer Haltung der Beliebigkeit und des ideologischen Verklärens fremder Ziele (Interessen der EU-Nomenklatura, der Islamisierungsverbände, der Klimagebührenindustrie, der bundesdeutschen Großparteien und anderer) für viele Protestanten sehr ambivalente Vorbilder geworden.
Will die EKD nun per Dekret festlegen, was ihre Gläubigen als Bedrohung und was als Bereicherung zu empfinden haben? Beim organisierten Dauerfreudentaumel über Vielfalt, Interkulturalität und massenhafte kulturfremde Einwanderung verpassen es allerdings viele Protestanten, sich mit ihrer evangelischen Tradition auseinanderzusetzen, verstehen grundsätzliche Prinzipien und Riten des Christentums nicht mehr. Kirchengeschichte bleibt vielen ohnehin ein unbekanntes Phänomen.
Auch in dem Kommentar von Herrn Kopp wird wieder einmal mit subtiler Diskreditierung gearbeitet: Wer das Abendland für schützenswert hält, wer den Islam als antichristliche Bedrohung empfindet, wer die Glorifizierung, nicht Entkriminalisierung von Homosexualität kritisch sieht, der muss in seinen "Tiefenschichten" ein ganz böser, weil nicht auf der EKD-Linie liegender Protestant sein, einer, der am Ende noch der AfD nahesteht.
Anlässlich der veröffentlichten Handreichung und des oben stehenden Kommentars verfestigt sich leider erneut der Eindruck, dass das offizielle Protestantentum auch heutzutage keinen großen Einsatz für die Bewahrung des Christentums gegen äußere und innere Bedrohungen an den Tag legt oder legen wird. Protestanten haben historisch gesehen den geringsten Beitrag zur Rettung des christlichen Glaubens in Europa geleistet, Christen anderer Konfessionen sind gestorben, um den Jihad im Nahen Osten aufzuhalten und islamische Besatzer aus Europa hinauszudrängen. Diese anderskonfessionellen Christen haben den Boden für den Aufstieg des Protestantismus bereitet, der jedoch keine Erkenntlichkeit zeigt, sondern lieber an der Entchristianisierung Europas, der Verunglimpfung der Schöpfer der europäischen Idee, und an der Implementierung einer neuen Einheitskunstreligion mitwirkt, in deren Mittelpunkt nicht mehr Jesus Christus, sondern der inter- , multi- oder sonstwaskulturelle Abraham stehen wird. Lieber fährt man einen Kuschelkurs mit solventen Islamisierungsorganisationen als laut und deutlich die derzeit schlimmste Christenverfolgung aller Zeiten anzuprangern und sich für die Rechte der Schwestern und Brüder im Nahen Osten einzusetzen.

Schlimmer geht nimmer!
Die Aussagen von Herr Knopp sind nur ein krasses Beispiel dafür, wie beliebig die Kirche geworden ist. Weil man keine überzeugenden Antworten hat, wird eben mal schnell der generelle Glaubenspluralismus nachgeschoben. Im gleichen Atemzug wird dem politischen Pluralismus das grüne naturselige Mäntelchen umgehängt. Hilfloser geht nicht.

Zitat: „Religionsgemeinschaften dürfen nicht über die Menschen verfügen.“

Aber über das Geld und die Macht? Wert hat denn Jahrhunderte mit Glasperlen missioniert und darauf seine jetzige Bedeutung aufgebaut, wer hat denn mit der Angst vor dem Jenseits die Gläubigen drangsaliert und so die Macht über sie beansprucht, wer hat denn das 1933 BIS HEUTE GELTENDEN Konkordat als politisches Unterwerfungsmanifest beglaubigt? Hätten die christlichen Kirchen nicht seit ca. 1600 Jahren die uneingeschränkte Macht über Menschen, Mächte und das Kapital gehabt, wären alle schon längst nicht mehr da. Und all das soll jetzt für die Zukunft geleugnet und als nicht mehr gültig propagiert werden? Wenn der Pluralismus so bestätigt wird, ist ja das Christentum nicht mehr Wert als alle anderen Religionen auch . Dann kann ich ja gleich austreten und mich einer anderen Religion zuwenden. Frei nach der Operette: "Wie es Euch beliebt"!

Fällt der protestantische Glaube in sich zusammen, wenn es nicht in schnöder Regelmässigkeit "ad hock" Verordnungen und "neue Schriften gibt, die die Glaubenden in ihren Grundfesten wie eine Dampfwalze zu überrollen scheinen ?
Der Theologe übt seinen Beruf und seine Profession aus, das ist er gewohnt, das ist sein `täglich Brot`und gleichzeitig Broterwerb, während er den glaubenden Menschen aber in dieser Manier, in ständige Verwirrung stürzt !
Da scheint die Bibel mehr Alibi denn Grundlage !