„Jetzt erst recht!“

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Inga Alice Lauenroth, PR (2)

Zwischen Plattenbauten in Berlin-Hellersdorf laden Protes­tanten zum Kaffeetrinken ein. Ein Pfarrer in Hessental hat richtig gute Ideen, um seine Gemeinde voranzubringen. Leipziger Christen bauen ihre stillgelegte Kirche zum Hotel um – mit Andachtsraum. Der chrismon-Wettbewerb „Gemeinde 2015“ zeichnete elf Gemeinden aus, drei stellen wir hier vor

Berlin-Hellersdorf. 

Fast wäre der Mann mit der Halbglatze und dem abgetragenen Sakko weitergelaufen, die Kaufland-Tasche fest in der Rechten. „Möchten Sie eine Tasse Kaffee?“, ruft ihm die Frau am Klapptisch zu. – Kein Geld, sagt er. – „Der Kaffee kos­tet nichts“, schiebt Frau Jungnickel nach. Der Mann bleibt stehen. Misstrauisch schweift sein Blick zum Boller­wagen und dem Klapptisch neben der Wiese am U-Bahnhof. „Und Sie machen dit einfach so?“, fragt er. „Ich möchte Ihnen eine Freude machen“, sagt sie.

Barbara Jungnickel, die Frau am Klapptisch, ist Vorsitzende des Gemeindekirchenrates in Hellersdorf, eine schlanke Frau Anfang 50 mit Jeans und Regenjacke. Das „Café auf Rädern“ sei eine Idee der Kirchengemeinde, sagt sie. Damit die Nachbarn mal miteinander ins Gespräch kommen und der Stadtteil nicht mehr so anonym bleibt.

Gemeinde 2015

Mehr zum Wettbewerb chrismon.de/gemeindeaktion

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Infos zur Gemeindestudie „Potenziale vor Ort“ ekd.de/si

Der Mann setzt sich auf einen der Klappstühle. Er wohnt hier ganz in der Nähe, sagt er, da drüben in der Carola-Neher-Straße, beim Grünstreifen mit dem kleinen Beet. Das hat er angelegt. Ihr seien die bunten Blumen dort schon aufgefallen, sagt Frau Jungnickel. Und der Mann schwärmt weiter von den Forsythien und Obst­bäumen, die jetzt überall blühen.

Nun hat sich eine ältere Dame mit an den Tisch gesetzt. Sie erzählt, dass sie erst vor kurzem ins Viertel gezogen sei. „Ich könnte Ihnen ja mal Blumen vorbeibringen“, bietet ihr der ­Sakkoträger an. Und als er wieder gehen will, sagt er: „Ich hab’s ja nicht so mit dem Glauben. Aber heute – das war wie eine neue Familie.“

Die Szene ereignet sich in Berlin-Hellersdorf, einem Stadtteil mit gerade mal sieben Prozent Kirchenmit­gliedern. Der Pfarrer der örtlichen Gemeinde, Hartmut Wittig, hat wegen seiner Flüchtlingsarbeit anonyme Drohbriefe erhalten. Neo­nazis kamen in seine Sprechstunde. Statt Polizeischutz anzufordern, entwickelten Pfarrer und Gemeinderat die Idee mit dem Bollerwagen-Café. Ihre Antwort auf die Drohungen: Jetzt erst recht auf die Hellersdorfer zugehen! Die Gemeinde setzt darauf, dass Menschen ihre Vorurteile hinterfragen, wenn sie einander kennenlernen. Und wenn sie das Gefühl bekommen, dass sich jemand im Stadtteil für ihre Sorgen interessiert.

Viele kommen zwar nicht zum improvisierten Straßencafé. Aber die Hellersdorfer Protestanten lassen sich davon nicht beirren. Ob ihnen die Neonazis keine Angst machen? „Christus spricht: Fürchte dich nicht“, antwortet Pfarrer Wittig.

Warum lassen sich Kirchengemeinden wie die in Berlin­Hellersdorf nicht entmutigen? „Natürlich brauchen Sie immer Einzelne, die vorangehen und für etwas brennen“, sagt die ­Sozialwissenschaftlerin Petra-Angela Ahrens. „Vor allem muss die Gemeinde etwas bewegen wollen.“ Ahrens hat für das Sozialwissenschaftliche Institut der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) 803 Gemeinden in ganz Deutschland nach ihrer Arbeit und ihrer Zufriedenheit befragt – zusammen mit Hilke Rebens­torf und Institutsdirektor Gerhard Wegner.

„Potenziale vor Ort. Erstes Kirchengemeindebarometer“, so heißt die Studie, aus der die Autoren zehn Gemeinde­typen ableiten, was wiederum helfen soll, ­Strategien für die Gemeinde zu entwickeln. Unter den Typen gibt es zum Beispiel „die ländliche (westdeutsche) Kirchengemeinde im freien Fall“, den ostdeutschen Typ „Phönix aus der Asche“ – und „die zufriedene (west­deutsche) Wachstumsgemeinde im urbanen Raum“. Und wozu gehört die folgende Gemeinde?

Hessental, Schwäbisch-Hall.

Als Johannes Beyerhaus 1999 seine Pfarrstelle in Hessental am Rand von Schwäbisch Hall antrat, hatte der Stadtteil ein Underdog-Image. In den alten Kasernengebäuden waren Asylbe­werber untergebracht, in der Gegend wurden Drogen gehandelt, die Lokalzeitung berichtete über Gewalt. Es kamen Leute zu den Veranstaltungen im Gemeindehaus, aber wirklich zusammengehalten habe die Gemeinde damals nicht, sagt Beyerhaus. „In der ersten Klausur ­habe ich den Kirchengemeinderat gefragt: Was gefällt Ihnen an der Gemeinde? Da hat keiner etwas gesagt.“ Das Schweigen schockierte den Pfarrer. Er wollte wissen, was in der Gemeinde schiefläuft und schlug dem Gemeinderat vor, das mit professioneller Hilfe herauszufinden: mit ­Hilfe des Instituts „Natürliche Gemeindeentwicklung“. Alles sollte auf den Prüfstand, auch die Qualität ­ der Predigten. Der Gemeinderat stimmte zu.

Gabriele Meister

Gabriele Meister war von April 2013 bis März 2014 Redakteurin bei chrismon und arbeitet jetzt als freie Journalistin. Vorher hat sie einen Master of Divinity in Stellenbosch/Südafrika und ein Theologie-Diplom in Hamburg gemacht. Dort hat sie auch die Henri-Nannen-Schule absolviert und als freie Autorin für DIE ZEIT, mare und den F.A.Z.-Hochschulanzeiger geschrieben. Sie liebt schwierige Recherchen, Tanzen und ihr blaues Fahrrad.  
Die erste Analyse fiel „unterdurchschnittlich“ aus, erinnert sich Beyerhaus. Doch statt das Ergebnis als ­Demütigung zu empfinden, fühlte sich der Gemeinderat herausgefordert. Man informierte sich auf Kongressen zum Gemeindeaufbau, verbesserte den Gottesdienst, ­richtete Glaubenskurse in der Gemeinde aus, engagierte eine Jugendreferentin, damit auch in den Schulferien etwas läuft – und ließ sich dann noch mal analysieren.

Die Mühe zahlt sich aus, beim zweiten Versuch drei Jahre später hat sich die Gemeinde in allen untersuchten Bereichen verbessert. „Ermutigend“, fand Beyerhaus. Inzwischen hat seine Gemeinde vier Auswertungen hinter sich. Sie ist noch immer nicht müde, Neues auszupro­bieren: Viele Kinder ­kommen gern zur Kinderstunde, ihre Eltern sind aber berufstätig und schicken sie nicht immer los, wenn es soweit ist. Deshalb gehen nun jeden Donnerstag Mitarbeiter durch die Straßen und holen die Kinder ab.

Im vergangenen Herbst hat die Gemeinde selbst einen Zukunftskongress veranstaltet, um Ziele und Schwerpunkte zu definieren. 85 Gemeindemitglieder nahmen teil. Vertreter von Stadt, Schulen und Nachbargemeinden erzählten, wie sie die Gemeinde wahrnehmen. Seitdem organisieren kleine Gruppen weitere Neuerungen: Eine soll den Kontakt zwischen den Hauskreisen verbessern und sie in die Gottesdienstgestaltung einbeziehen. Eine andere bemüht sich um eine bessere Kommunikations- und Konfliktkultur in der Gemeinde.

Pfarrer Beyerhaus betont, wie wichtig auch das gemein­same Gebet sei. Wirkt Frömmigkeit gegen Lethargie und Resignation? „Sie motiviert, aktiv zu werden“, sagt Petra-Angela Ahrens vom Sozialwissenschaftlichen Institut. ­Frömmigkeit solle man nicht gegen ein sozial-diakonisches Engagement ausspielen. Ebenso wenig, wie man aus Nächstenliebe um jeden Preis Streit vermeiden soll. „Das zeigt ­ sich vor allem in Ostdeutschland. Dort erwachen einige Gemeinden zu neuem Leben, weil die Akteure Konflikte gerade nicht scheuen.“

Leipzig-Lindenau-Plagwitz.

Gemeinde 2015

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Infos zur Gemeindestudie „Potenziale vor Ort“ ekd.de/si

Als Martin Staemmler-­Michael vor sieben Jahren seine Pfarrstelle im Leipziger Westen antrat, konnte er es kaum glauben: In der Kirche wurde bald nach der Fusion von Philippus- und Heilandsgemeinde kein Gottesdienst mehr gefeiert. „Ich machte einen Rundgang durch die Philippuskirche und dachte nur: Krass! Diese Kirche wird nur noch als Lagerraum für Akten genutzt. Und das in einem Stadtteil, in dem es von Künstlern und jungen Leuten wimmelt!“ Kirche, Pfarr- und Gemeindehaus sind baulich miteinander verbunden. Das Pfarrhaus war vermietet. Staemmler-Michael präsentierte eine Idee, die er schon aus seiner vorigen Gemeinde mitgebracht hat. Dort, am Elbe-Radweg, hatte er von einer Herberge geträumt, in der Mitarbeiter mit Behinderungen den Service machen: Zimmer saugen, Gäste bedienen. Hier in Leipzig wollte er nun Gemeindesaal und Pfarrhaus zum Hotel ausbauen.

Staemmler-Michael tat sich mit dem Berufsbildungswerk in Leipzig zusammen, einer diakonischen Einrichtung, die Ähnliches vorhatte, der aber die Räume dafür fehlten. Nun musste er den Kirchenvorstand und seinen Superintendenten überzeugen, Kirche und Gemeindehaus an das Berufsbildungswerk zu verkaufen. Das größte Hindernis: die Mieter im Pfarrhaus. Der Pfarrer sprach das unangenehme Thema an. Die Idee ­wurde lange diskutiert. „Letztlich haben alle eingesehen, dass wir nur auf diese Weise eine Chance haben, die ­ Kirche zu erhalten“, sagt Martin Staemmler-Michael.

Ende 2016 sollen das Philippushotel und -restaurant öffnen. Ein Imker nutzt bereits den idyllischen Garten. Und die Kirche lädt schon jetzt mehrmals in der Woche zu Andachten und Konzerten ein.

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