Kinderrucksäcke im Mittelmeer

 Mitarbeiter der Flüchtlings-Rettungsstation auf See

Foto: MOAS.EU / dpa

Markus Schildhauer mit einer E-Mail aus Alexandria.

Das Flüchtlingsdrama im Mittelmeer nimmt kein Ende. Jetzt im Frühjahr und Sommer werden noch mehr Menschen auf wackeligen und überfüllten Boote versuchen, nach Europa zu gelangen. Nicht selten sind zuerst Handelsschiffe vor Ort, wenn Flüchtlinge in Seenot geraten.

Markus Schildhauer

Markus Schildhauer leitet das Seemanns­heim der Deutschen Seemannsmission (DMS) in Alexandria und ist Pressesprecher der Seemannsmission
Als Seelsorger in der Hafenstadt Alexandria höre ich immer wieder, was ganz normale Seeleute auf dem Mittelmeer erleben: Sie sehen Leichen im Wasser treiben. Sie versuchen erfolglos, Ertrinkende aus dem Meer zu ziehen. Sie haben total entkräftete Menschen an Bord geholt und haben nicht genug Wasser für alle. Eine Mannschaft, die ich kenne, schleppte über mehrere Stunden ein Flüchtlingsboot ab, das vorher 14 Tage auf dem Meer getrieben hatte. An die hundert Menschen saßen darin, die immer wieder vor Angst, Hunger und Durst um Hilfe schrien. Bei meiner Kollegin meldete sich ein Deutscher, er halte das nicht mehr aus: „Im Meer schwimmen Holzplanken von untergegangenen Booten oder Kleider, heute fuhren wir über Kinderrucksäcke. Ich möchte mich gar nicht fragen, über was noch.“  

Anders als spezialisierte See­ret­tungs­teams haben diese Leute keine professio­nelle psychologische Begleitung. Dabei stehen sie unter mehrfachem Druck. Nach internationalem Seerecht sind alle Schiffe verpflichtet, ihre Fahrt zu unterbrechen, um Schiffbrüchige aufzunehmen. Für die Reedereien aber kostet jede Unterbre­chung und Routenänderung Geld. In einem bekanntgewordenen Fall hat eine Schifffahrtsgesellschaft ihre Kapitäne per Rundschreiben – auf dezente Weise – aufgefordert, bei Sichtung von Flüchtlings­booten lieber auf Distanz zu bleiben. Was auch auf den Seeleuten lastet, ist die Gefahr, der Schlepperei bezichtigt zu werden, wenn sie Flüchtlinge in Europa an Land bringen. Die Lage hat sich zugespitzt, seit im Oktober 2014 die italienische Marine­operation „Mare Nostrum“ eingestellt wurde, deren Rettungsschiffe die gesamten Fluchtstrecken abfuhren. Die Schiffe der nachfolgenden EU-Operation „Triton“ patrouillieren nur nah der europäischen Küste. Auf hoher See lässt die EU aber nicht nur die Flüchtlinge alleine, sondern auch die Seeleute, die diese nicht retten können.
 

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