Vertrauen oder misstrauen?

"Der Mensch ist besser als sein Ruf"

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Vertrauen macht das Leben leichter, sagt der Psychotherapeut. Man kann es sogar lernen

chrismon: Jemand spricht Sie am Bahnhof an, bittet um 50 Euro für eine Fahrkarte, Portemonnaie geklaut, versprochen, ich überweise sofort. Wovon machen Sie Ihre Entscheidung abhängig?

Peter Groß: Ich gucke mir den Menschen an, das Gesicht, die Kleidung, ich vertraue meiner Intuition; das ist ja auch mein Beruf. Außerdem würde ich mir den Ausweis zeigen lassen, damit ich eine Adresse habe. 50 Euro bedeuten für mich keinen katastrophalen Verlust. Also wage ich es vermutlich.

Manche Leute würden Sie für blauäugig halten...

Die denken, dass es sowieso schiefgeht. Der Typ wird mich reinlegen. Aber das ist nur eine Vermutung, eine Fantasie. Meine Erfahrung ist: Vertrauen erzeugt Vertrauen, Misstrauen erzeugt Misstrauen.

Grundsätzlich?

Es gibt immer Leute, die Vertrauen missbrauchen. Bei den Wölfen ist es so: Sie ­bieten einander die Kehle zum Biss an, um einen Streit zu beenden – da hat der andere eine Beißsperre, die verhindert, dass die Situation eskaliert. So eine Beißsperre haben wir im übertragenen Sinne auch. Das Vertrauen schützt davor, immer nur betrogen zu werden.

"Mein Kind kann Mist bauen, und ich lasse es trotzdem nicht fallen"

Woher kommt diese Zuversicht, dass meistens alles gutgeht?

Kinder kommen völlig vertrauend auf die Welt. Mit der Zeit ­werden wir auch mal belogen, betrogen oder verlassen, aber wenn man zurückblickt, überwiegen in jedem Leben die positiven ­Erfahrungen: Vertrauen hat sich gelohnt. Das muss man sich bewusstmachen. Ich habe schon öfter Geld verliehen, nicht immer kam das Geld pünktlich, aber es kam. 

Vertrauen ist gut

 Claudia Meitert/carolineseidler.com

Und das Beste ist: Es vermehrt sich, wenn es in die Welt geschickt wird. Es wächst mit jeder guten Erfahrung. Aber was ist mit den schlechten? Sechs Geschichten vom Umgang mit einem grundlegenden Gefühl: Vertrauen ist gut

Wenn Sie die letzten zwei Male enttäuscht worden wären – ­womit würden Sie wieder Vertrauen finden?

Indem ich mir sage: Es wäre ungerecht, wenn andere darunter leiden, dass zwei Stinkstiefel mich reingelegt haben. Der Mensch ist besser als sein Ruf. Ich lebe in einer Welt, in der ich mich wohlfühle. Manche Leute haben das Gefühl, die Welt ist ein feindlicher Ort, sie müssen sich dauernd wappnen. Zu denen möchte ich nicht gehören. Lieber falle ich mal auf die Nase. 

Und wenn jemand richtig vorgeführt wurde, wenn die Frau ­ihren Mann zwei Jahre lang betrogen hat?

Gerade da gibt es oft eine selektive Wahrnehmung: Man hat den Eindruck, das gesamte Beziehungsleben war nur eine Serie von Enttäuschungen. Das ist fast immer falsch. Wenn man Erfahrung realistisch betrachtet, kann man daraus Zuversicht ziehen. Das können Menschen besser, die in der Kindheit zuverlässige Be­ziehungen hatten.

Wie schaffen Eltern eine solche Basis?

Da sein. Mein Kind kann Mist bauen, und ich lasse es trotzdem nicht fallen. Ich liebe es so, wie es ist. Mit allen Fehlern, das ist das Wesentliche.

Und was hilft noch?

Anders: Schlimm ist, wenn die Eltern ihre Kinder überbe­hüten. Oh, geh nicht auf diesen Balken, du könntest runterfallen. Nimm das nicht in den Mund, davon wirst du total krank. Dieses dauernde Überwachen, auch später bei Partys – man muss Fehler machen, um das Aufstehen zu lernen! 

Misstrauen kann auch schützen...

Aber wenn es aus dem Ruder läuft, ist es Paranoia. Ich bin dann zwar sicher, habe wie bei Dornröschen eine große Hecke um mich herum, der Prinz muss sich durchhacken und sich wahnsinnig anstrengen. Manchmal kommt keiner mehr durch. Der Preis ist dann Einsamkeit. Ich hatte oft Patienten, die sich total nach einer neuen Beziehung sehnen. Und sich nicht trauen.

Geld verleihen ja - aber alles schriftlich vereinbaren

Was sagen die so?

Es sei ihnen so schlechtgegangen, sie wollten so nie wieder fühlen müssen. Darauf sage ich: Aber du hast es doch überlebt. Und ich versuche, dir beizubringen, dass du nächstes Mal weniger leidest. Vertrauen ist eine Investition auf Unsicherheit! Es gibt keine absolute Sicherheit. Wir müssen immer darauf vertrauen, dass die Sonne am nächsten Tag aufgeht. Dass wir das Dach über dem Kopf noch haben und dass unsere Frau oder unser Mann uns nicht betrügt. Sonst lebt es sich verdammt schwierig. Die Frage ist: Wenn ich gemerkt habe, dass meine Frau einen Liebhaber hat, wie kann ich ihr wieder vertrauen?

Ja wie denn?

Durch Investieren, das Risiko wagen. Eine zweite Chance geben und zwar möglichst früh. Liebe ohne Vertrauen ist undenkbar.

Gibt es gesundes Misstrauen?

Ich hüpfe natürlich nach dem ersten Frost nicht mit beiden Füßen auf eine Eisfläche. Ich setze vorsichtig einen Fuß drauf und gucke, ob es Risse gibt. Dann setze ich den zweiten auf. Und absolut gesund ist, beim Gebrauchtwagenkauf eine Probefahrt zu machen.

Und wenn man Geld verleiht?

Schriftliche Vereinbarungen machen! Über die Summe und die Rückzahlung, auch unter Freunden, auch in der Familie. Damit man sich daran erinnern kann, was man verabredet hat.

Unter dem Strich – neigt der Mensch eher zum Vertrauen oder eher zum Misstrauen?

Zum Vertrauen. Sonst geht man kaputt. Wenn jedes Samenkorn fragen würde, was es da draußen wohl erwartet, gäbe es keine Pflanzen. Es kann ja immer ein Reh vorbeikommen und das junge
Grasbüschel auffressen – zack, das war’s. Ohne Vertrauen geht es nicht.

Peter Groß

Peter Groß, Psycho­therapeut aus Köln. Er beschäftigt sich seit langem mit Vertrauen, erst als ­Betriebspsychologe bei der Lufthansa, später in der eigenen Praxis.
Foto: Alex Roehrig

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