Am Zürcher Hauptbahnhof

Zuericher Bahnhof

Foto: Andreas Lehnet / flickr.com

Roman Angst, Pfarrer und Leiter der Zürcher Bahnhofkirche, mit einer E-mail aus der Schweiz
Deutschland spricht 2019

Es ist 6.26 Uhr. Ich steige aus der S-Bahn. Das Gedränge ist groß. Am Hauptbahnhof Zürich, meinem Arbeitsplatz, kommen pro Tag 400 000 Menschen vorbei, fast 3000 Züge fahren ein und aus. Im Untergrund gibt es 140 Geschäfte – und unsere Bahnhofkirche. An keinem anderen Ort erlebe ich die Spannung von drinnen und draußen so stark.

Unser Raum der Stille lädt zum kurzen Halt ein. Atem holen, besinnen, beten, ­einen Impuls für den Tag lesen. Und dann wieder raus, dorthin, wo der Bär tobt. Das nutzen hauptsächlich Angestellte auf dem Weg ins Büro oder nach Hause, manchmal in der Mittagspause. Sie kommen mit dem alltäglichen Stress, der sie plagt. Wir ­sprechen über Beziehungsprobleme aller Art: mit sich selbst, mit den Nächsten, mit Gott, mit der Herkunftsfamilie, mit den Behörden. Rund ein Prozent unserer Besucher sind Menschen aus dem Ausland, die versuchen, hier Fuß zu fassen, hauptsächlich aus Osteuropa und Nordafrika, manchmal auch aus den Nachbarländern.

Roman Angst

Angst ist Pfarrer und Leiter der Zürcher Bahnhofkirche bahnhofkirche.ch
Die Schweiz steht weiter für Wohlstand und ein gutes Sozialsystem. Kürzlich kam ein deutscher Hartz-IV-Empfänger und fragte, wie er bei uns Arbeit finden oder gegebenenfalls Sozialhilfe bekommen könne. Ich muss ihm in allen Belangen den Wind aus den Segeln nehmen. Dann will er Asyl beantragen. Auch das geht nicht. Deutschland ist ein anerkannter und befreundeter Rechts- und Sozialstaat. Meine Auskunft lässt ihn laut über die Kirche wettern, die nichts mehr für die Menschen tue.

Eine engagierte Endfünfzigerin trieb neulich etwas anderes um: Was können wir angesichts des Schicksals der Syrien-Flüchtlinge und unseres vermeintlichen Reichtums tun? Ich bin froh, dass dafür Raum ist – wie auch für die Muslime, die öfters an unseren morgendlichen Kurzgottesdiensten und Abendgebeten teilnehmen. Zwischen 14 und 15 Uhr fahre ich mit der S-Bahn nach Hause. Und sehe dann endlich das Tageslicht.

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