Flüchtlinge privat aufnehmen

Ein Zimmer für Rohulla
Rohulla Moradi lebt bei Ehepaar Riedel in Berlin-Charlottenburg

Kathrin Harms/Esteve Franquesa

Der afghanische Flüchting Rohulla Moradi sitzt auf seinem Bett in seinem Zimmer. Er lebt bei Ehepaar Riedel in Berlin (c) 2015 Kathrin Harms und Esteve Franquesa

Wohnraum ist knapp in Berlin. Deswegen ruft das Evangelische Jugendwerk dazu auf, Asylbewerber privat aufzunehmen. Das Ehepaar Riedel hat es getan

Die Kinder hatten ihnen dringend abgeraten: Das sei doch verrückt! Und in ihrem Alter auch einfach zu anstrengend, vielleicht sogar gefährlich! Aber für das Berliner Ehepaar Riedel war die Entscheidung an einem Sonntagmorgen Ende Dezember gefallen. Drei Kinder hatten sie großgezogen und einen Pflegesohn. Sie sind ­beide berufstätig gewesen, sie als Lehrerin, er als Erziehungs­wissenschaftler, sie sind viel gereist, haben einiges gesehen und erlebt. Und nun entschieden sie sich für ein neues Abenteuer.

Rohulla Moradi

 Rohulla Moradi trinkt mit Lydia und Klaus Riedel Kaffee und isst Kuchen in der Wohnküche. Der afghanische Flüchting lebt bei Ehepaar Riedel in Berlin.Kathrin Harms/Esteve Franquesa
Der Deutschlandfunk hatte über das Evangelische Jugend- und Fürsorgewerk (EJF) berichtet, das in Berlin Privatwohnungen an Flüchtlinge vermittelt. Mit Plakaten an U-Bahn-Haltestellen hatte die Organisation zusammen mit der Berliner Integrations­beauftragten aufgerufen: „Vermieten Sie Wohnraum – helfen Sie Flüchtlingen!“ Klaus schaute Lydia an, Lydia schaute Klaus an. Die Ehepartner, seit 52 Jahren verheiratet, verstanden sich ohne Worte. Anfang Januar ließen sich die Riedels im kleinen Büro des EJF beraten. Sie hatten den Grundriss ihrer 180-Quadratmeter-Wohnung dabei und boten der Vermittlerin eineinhalb Zimmer auf rund 30 Quadratmetern für einen Flüchtling an. „Sie standen die meiste Zeit leer. Das war für uns nun in Anbetracht des knappen Wohnraums für Flüchtlinge nicht mehr zu rechtfertigen.“

Die Fotografen

Kathrin Harms, 35, und Esteve Franquesa, 33, hörten beim Fotografieren, dass die Riedels mit ihren Nachbarn ins Gespräch kamen - und dass die jetzt auch Flüchtlingen helfen wollen.

Vier Wochen später im vierten Stock eines herrschaftlichen Altbaus in einer schicken Seitenstraße des Kurfürstendamms. Die Riedels sitzen in ihrer großen hellen Wohnküche. Auf dem Tisch stehen ein großer gelber Strauß Osterglocken, eine Kanne Schwarztee und Kirschstreuselkuchen. Klaus Riedel ist gestern 79 geworden. Die Enkelkinder waren zu Besuch da: „Sie haben als Erstes gefragt, ob Rohulla auch mit uns Kuchen isst“, sagt Lydia Riedel und lacht.

Mit am Tisch sitzt Rohulla Moradi, ein junger Afghane und der neue Mitbewohner seit Anfang Februar. Er wirkt ein wenig schüchtern, hält die Arme gekreuzt vor der Brust. Ab und an lächelt er. Es ist nicht sicher, ob er versteht, was seine Vermieter sagen. Rohulla stammt aus dem Norden Afghanistans. Er hat nie eine Schule besucht. In Afghanistan hat er als Mechaniker in einer Kfz-Werkstatt gearbeitet – bis zu seiner Flucht. Sie führte ihn über sechs Länder. Von der Türkei nach Italien reiste er mit 52 Menschen in einem Boot für sechs Leute. „Ich träume noch oft davon“, erzählt er. „Wasser macht mir Angst.“ Am besten klappt die Kommunikation, wenn ein Übersetzer dabei ist – oder einer von Rohullas Freunden.

Eigentlich hatten sich die Riedels jemanden gewünscht, der schon etwas Deutsch spricht oder zumindest Englisch. „Aber wir hatten uns vorgenommen: Wir nehmen den Flüchtling, der kommt“, sagt Lydia Riedel. Mit ihrem neuen Mitbewohner unter­halten sich die Riedels nun sehr langsam auf Deutsch und mit Händen und Füßen. Die ersten Wochen haben sie ihn immer mit „Herr Moradi“ angesprochen. Bis er sich wünschte, dass sie ihn einfach Rohulla nennen. „Beim ersten Treffen hat er kein Wort gesagt“, sagt Lydia Riedel. Die Vermittlungsstelle habe ihr geraten, sich erst einmal ein bisschen zurückzuhalten. „Wir haben uns behutsam angenähert und sind froh, dass er sich jetzt öffnet.“ Rohulla versteht mittlerweile besser Deutsch, nur das Antworten fällt ihm noch schwer.

„Wir wollten einfach helfen“

Der Mietvertrag ist unbefristet. Sollte es Probleme geben oder es den Riedels gesundheitlich nicht gut gehen, kann er außerordentlich gekündigt werden. Mit Mieteinnahmen hatte das Rentnerehepaar gar nicht gerechnet. „Wir wollten einfach helfen“, sagt Herr Riedel. Jetzt bekommen sie monatlich 358 Euro Warmmiete vom Sozialamt. Die zusätzlichen Einnahmen wollen sie an die Bürgerstiftung Berlin spenden.

Rohulla in seinem Zimmer

 Rohulla Moradi vor einer großen Berlinkarte, die in seinem Flur hängt.Kathrin Harms/Esteve Franquesa
Lydia Riedel bezog die erst einmal skeptischen Hausbewohner in das Vorhaben mit ein, indem sie an deren Hilfsbereitschaft appellierte. Sie fragte nach Hausrat für den neuen Mitbewohner. Tatsächlich bekam sie einiges: ein Federbett, Handtücher, Töpfe, eine Mikrowelle und einen Computertisch von den Nachbarn. „So wurde unser Projekt zu einer gemeinsamen Sache.“ Rohullas Nachname steht auf dem Klingelschild unter dem der Riedels. „Ich fühle mich hier wohler als im Wohnheim“, sagt der junge Afghane. Dort sei es immer laut gewesen. Sein Reich erreicht man über einen langen Flur mit Holzdielen und moderner Kunst an der Wand. „Berlin is the place to be“ steht auf einem Bild. Er bewohnt ein kleines Schlafzimmer mit Hochbett, ein eigenes Bad und einen kleinen Wohnraum mit einem Sofa, einem Couchtisch mit zwei Korbsesseln, einem Esstisch und einer ­kleinen Küchenzeile. Rohulla ist in seinen Räumen bei den Riedels autark: Er kocht und wäscht für sich allein.

Zu seiner Familie hat Rohulla keinen Kontakt

Eine große Berlinkarte hängt an der Wand. Auf dem Tisch stehen afghanische Süßigkeiten: kandierte Mandeln, Sonnenblumenkerne, Trauben und jede Menge Bananen. „Die sind gut für das Fitnesstraining“, sagt Rohulla. Jeden Tag geht er laufen und macht Hanteltraining; in seinem Türrahmen hängt eine Klimmzugstange. „Der Sport lenkt mich ab, ich muss nicht so viel grübeln.“ Dennoch mache er sich oft Sorgen: Um seine Familie, zu der er keinen Kontakt hat, und um seinen unsicheren Aufenthaltsstatus.

Fitness gegen Langeweile

 An seinem Türrahmen hängt eine Klimmzugstange, an der er täglich trainiert.Kathrin Harms/Esteve Franquesa
Solange der Ausgang seines Asylverfahrens offen ist, darf er nicht arbeiten. Manchmal überkomme ihn die Lethargie, sagt er. Doch meistens raffe er sich auf: Sprachschule am Morgen, Wäschewaschen im Waschsalon und ab und an Kaffeetrinken mit den Riedels am Nachmittag, Sport am Abend. Immer mal wieder kommen ihn abends Freunde besuchen. Manchmal ­kochen sie zusammen Gerichte aus ihrer Heimat. Einer spricht schon gut Deutsch. Lydia Riedel erinnert sich: „Wir haben einen Router installiert, damit Rohulla WLAN hat. Aber es hat einfach nicht funktioniert.“ Da habe ihr Mitbewohner seinen Freund angerufen, ihm das Problem auf Afghanisch erklärt, und der erklärte es Klaus Riedel per Telefon. „Das ist doch pfiffig“, findet Frau Riedel.

Daniela Singhal

 Kathrin Harms/Esteve Franquesa

Daniela Singhal, 32, fand es beeindruckend, dass die Familie die Mieteinnahmen an soziale Projekte spendet. Sie selbst hat im Moment kein Zimmer frei: Sie ist gerade Mutter geworden.

Die Riedels wollen sich ihrem neuen Mitbewohner nicht aufdrängen, legen sich aber dennoch sehr für ihn ins Zeug: Acht Werkstätten besuchte Klaus Riedel auf der Suche nach einem Praktikumsplatz für seinen Mitbewohner. Erst die letzte sagte zu. Am Ende stellte sich heraus, dass der junge Mann eigentlich lieber in einem Restaurant hospitieren möchte.

Mittlerweile haben auch ihre in Berlin lebenden Kinder und Enkelkinder den neuen Mitbewohner kennengelernt. „Es gibt viele Menschen, die in großen Wohnungen wohnen und viel Platz haben“, sagt Klaus Riedel. „Wir hoffen, dass sich durch unsere Erfahrung möglichst viele ermutigt fühlen und sich auch hilfsbereit zeigen.“

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