Was hindert die Leute, sich impfen zu lassen?

"Wir haben vergessen, wie furchtbar Polio sein kann"

Foto: Richard Villalon/Fotolia

Nachgefragt bei Cornelia Betsch

chrismon: Im Bundestag wird ein Gesetz beraten, das die Impfbereitschaft steigern soll. Warum werden Debatten da­rüber so emotional geführt?

Cornelia Betsch: Einerseits geht es vielleicht darum, die eigene Freiheit zu verteidigen. Zum anderen betrifft die Impffrage am häufigsten Eltern – und die wollen natürlich nur das Beste für ihr Kind. Berichte von Impfgeschädigten rufen mehr persönliche Betroffenheit hervor als Zahlen über Krankheitsfälle, sie beeinflussen uns viel stärker. Uns in­teressiert eher, was potenziell passieren könnte, nicht wie wahrscheinlich das ist. Am Ende erscheinen kleine Risiken viel größer, als sie wirklich sind.

Im Internet finden sich auch Berichte von Maserntoten!

Krankheiten akzeptieren wir eher als Schicksal. Sollten nach dem Impfen aber Nebenwirkungen auftreten, haben wir sie selbst verursacht. Meist ist das, was im Internet berichtet wird, zwar kein anerkannter Impfschaden. Wenn aber zwei Ereignisse gleichzeitig auftreten, suchen wir als Eltern automatisch nach Zusammenhängen. Umgekehrt merken wir nicht, dass die Impfung uns gegen Viren in der U-Bahn schützt. Und wir haben auch keine Vorstellung mehr davon, wie furchtbar zum Beispiel Polio sein kann.

Hilft es vorzurechnen, wie unwahrscheinlich Komplika­tionen nach Impfungen sind? Niemand will der eine sein, dem doch etwas passiert!

Natürlich kann man das nie ausschließen. Aus egoistischer Sicht kann es auch rational sein, mich nicht impfen zu lassen – solange meine Umgebung immun ist. Ich fahre Trittbrett und vertraue auf den Herdenschutz. Man sollte aber auch das Risiko für die Gesellschaft und nachfolgende Generationen einbeziehen. Und: Impfen schützt nicht nur vor Krankheiten. Auch Antibiotikaresistenzen würden weiter zunehmen, wenn wir nicht impften.

Kommt man in anderen Ländern mit dem Impfdilemma besser klar?

In Israel zum Beispiel. Dort fand man Polioviren und startete eine riesige Impfkampagne. 80 Prozent der Kinder, die sich impfen lassen sollten, wurden noch mal geimpft, obwohl sie selbst nichts davon hatten. Dadurch wurde die Verbreitung gestoppt. Vermutlich war die Kampagne erfolgreich, weil die Regierung das Wohl der Familie in den Vordergrund gestellt hatte und Israel im Vergleich zu Deutschland weniger individualistisch ist. Für unterschiedliche Länder braucht man unterschiedliche Strategien.

Cornelia Betsch

Cornelia Betsch lehrt Psychologie an der Uni Erfurt. Sie erforscht, wie Menschen Impf­entscheidungen treffen, und berät die Weltgesundheits­organisation (WHO).

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Lesermeinungen

Die Leute wissen es einfach nicht besser, und sie sind ungebildet. Es kann nicht jeder studieren, viele haben keine Schule und sie glauben an Gott, deshalb wissen sie es nicht. Sie vertrauen der Medizin nicht, und lassen sich beeinflussen. Ich glaube, das Internet macht dumm. Dabei wirkt die hübsche junge Frau Psychologin so sympathisch und vertrauensvoll. Also, ich glaube ihr.
Danke.