Im Namen der Familie

Bernd Friesel / imago

Ehrenmorde sind selten – und mit guter Prävention sind manche Taten zu verhindern, sagt die Juristin

chrismon: Wie viele "Ehrenmorde" werden in Deutschland verübt?

Carina Agel: Über die Häufigkeit kann man nur spekulieren, weil "Ehrenmorde" statistisch nicht als solche erfasst werden. Nach einer Studie des Max-Planck-Instituts gibt es jährlich etwa drei Fälle. Ich habe in meiner Doktorarbeit 22 Fälle aus Hessen analysiert, die sich zwischen 1982 und 2010 ereigneten.

Was ist Ihr Ergebnis?

16 der 22 Fälle stellten sich am Ende als "Ehren­morde" heraus. Einige andere waren „normale“ Tötungen in Paarbeziehungen, die nicht die Merkmale eines so genannten Ehrenmordes aufwiesen.

Welche Merkmale sind das?

"Ehrenmorde" passieren in patriarchalisch strukturierten Familien, in denen die traditionellen Ehrvorstellungen über Generationen weitergegeben werden, wie zum Beispiel, dass Frauen vorehelicher Sex verboten wird. Die Opfer sind meistens Frauen. Eine entscheidende Bedeutung kommt bei diesen Taten der ­Familienehre zu; der Täter sieht nie nur seine eigene Ehre als verletzt an. Den Entschluss zur Tat fasst meistens die Familie und kein Einzeltäter.

Die eigene Frau, die eigene Schwester töten – macht man das freiwillig?

Oft werden die Täter von der Familie für die Tat bestimmt, es kommt aber auch vor, dass sie die Tat aus eigener Überzeugung be­gehen. In einer Akte lag der Brief eines Mädchens, das einen Mordversuch des Bruders überlebt hatte. Sie schrieb, ihr Bruder sei selbst ein Opfer der Familie. Manchen Männern wurde gedroht: „Wenn du die Tat nicht begehst, mache ich es – und bringe dich auch um.“ Bei dieser Notlage potenzieller Täter kann die Prävention ansetzen.

Damit es in zehn Jahren keine Ehrenmorde mehr gibt?

Nils Husmann

Nils Husmann studierte Politikwissenschaft und Journalistik an der Uni Leipzig und in Växjö, Schweden. Nach dem Volontariat 2003 bis 2005 bei der "Leipziger Volkszeitung" kam er über ein Praktikum zu chrismon. Seit dem Umzug der Redaktion nach Frankfurt/Main ist er chrismon-Redakteur. Nils Husmann interessiert sich für die Themen Umwelt, Gesellschaft, Sport und - Menschen. Nils Husmann ist Herausgeber des Buches "You'll never walk alone" in der edition chrismon.
Lena Uphoffchrismon Redakteur Nils Husmann, September 2017
Diese Hoffnung habe ich. "Ehrenmorde" sind die ultimative Zuspitzung eines vorherigen Konfliktes. In all meinen Fällen wussten die Frauen von der Gefahr. Anlaufstellen wie spezielle Schutzeinrichtungen müssen noch bekannter werden. Es gibt bereits gute Prävention: Die Polizei in Hessen beschäftigt Migrationsbeauftragte, die mit Familien sprechen, in denen es Probleme gibt, und mit ihrer Kultur vertraut sind. Oder das Berliner Projekt „Heroes“: Schüler mit Migrationshintergrund bekommen eine Ausbildung und diskutieren mit Gleichaltrigen über ihre Ehrvorstellungen.

Haben Sie Bedenken, Vorurteile zu verstärken?

Ja, deshalb betone ich immer, dass Familien, in denen so genannte "Ehrenmorde" begangen werden, nur einen extrem kleinen Teil der in Deutschland lebenden Menschen mit Migrationshintergrund ausmachen. Außerdem darf man nicht vergessen, dass es sich bei "Ehrenmorden" um ein selten auftretendes Phänomen handelt. In Deutschland gibt es pro Jahr 2100 Fälle von Mord und Totschlag. Geht man von drei "Ehrenmorden" aus, läge der Anteil bei 0,14 Prozent. Aber wenn es gelingt, die Probleme anzugehen, die in Familien vor einem "Ehrenmord" auftauchen, wäre viel gewonnen.

Dr. Carina Agel

Dr. Carina Agel, 30, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Kriminologie, ­Jugendstrafrecht und Strafvollzug der Uni in Gießen
Foto: Privat

Information

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