Abschied vom Kosovo

Auslandspfarrer Hans-Frieder Rabus mit einer E-Mail aus Belgrad

Die Zeitung zeigt ein Bild von Bundeskanzlerin Merkel mit strengem Gesicht. Dazu die Schlagzeile: „Elf neue Bedingungen aus Berlin“. Es geht um Serbiens geplanten EU-Beitritt, der unter anderem an „geordnete Beziehungen“ zum Kosovo geknüpft ist – Serbien erkennt dessen Unabhängigkeit bis heute nicht an. Die Bedingungen sind nicht neu. Sie waren bereits Gegenstand der Vorverhandlungen und kommen im Übrigen nicht aus Berlin, sondern aus Brüssel. Aber das Thema eignet sich, um immer wieder Ängste zu schüren. Das tun die serbischen Nationalisten, allen voran Staatspräsident Nikolic, zurzeit kräftig. ­Etwa mit dieser Frage: Müssen wir jetzt für die EU auch noch die Verfassung ändern? Diese erklärt in ihrer Präambel das Amselfeld im Kosovo als „essenziellen Teil des serbischen Territoriums“.

Hans-Frieder Rabus

Rabus lebt und arbeitet als Auslandspfarrer in Belgrad belgradevangelisch.de
Auch die serbisch-orthodoxe Kirche hängt am Kosovo: Denn dort befinden sich ihre Gründungsklöster und der Sitz des
ers­ten Patriarchats. Die Klöster, die zum Teil aus dem 13. Jahrhundert stammen, sind für Serben jetzt schwerer zugänglich.

Einige Klöster müssen durch KFOR-Soldaten geschützt werden, weil es immer wieder zu Übergriffen durch die überwiegend albanische Bevölkerung im Kosovo kommt. Das Belgrader Freskenmuseum zeigt Kopien der Wandbemalung aus diesen Kosovo-Klöstern. Nach einem Besuch lädt mich die Frau an der Kasse ein, möglichst oft wiederzukommen. Die Traurigkeit in ihrer Stimme geht mir nach.

Die meisten meiner orthodoxen Gesprächspartner können sich nicht vor­stellen, um des Friedens willen auf das Kosovo zu verzichten. Die Leute außerhalb der Kirche zeigen mehr Realitätssinn und meinen: „Kosovo haben wir verloren“. Trotzdem halte ich manchmal die Luft an, wenn ich denke, dass der Konflikt wieder ausbrechen könnte, auch dann, wenn Serbien bereits in der EU ist. Wird die Europäische Gemeinschaft bereit sein, auch Kriterien für Austritt oder Ausschluss vertraglich festzulegen? Etwa diese: Wer Grenzen nicht anerkennt oder sie gewaltsam verletzt, kann kein Mitglied mehr sein?

Leseempfehlung

Jeder zweite Balkanbürger, dem in Deutschland Asyl verweigert wurde, zieht vor Gericht. Auch Familie Nikolić..

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.