Spanischer Schüler wandert nach Deutschland aus

Neustart in einem kalten Land
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Katrin Binner

Nach seiner Ankunft in Deutschland versuchte der Spanier Cristian Yanez sogar, in Fotokabinen zu schlafen.

Er schmiss das Abitur, ging nach Deutschland, mit 200 Euro in der Tasche, einfach so. Er hatte Glück

Cristian Yanez, 24:

Bevor ich ins Flugzeug nach Frankfurt-Hahn stieg, umarmte mich meine kleine Schwester und bettelte: Bruder, nimm mich mit. Nach dem Start drückte ich meinen Kopf in den Sitz und weinte wie ein Kind. Es war das erste Mal, dass ich so weit weg sein ­würde von meiner Familie. Knapp drei Stunden dauerte der Flug, am Ende hatte ich mich wieder beruhigt. Ich sagte mir: ­
In Deutschland findest du einen Job, dort liegt deine Zukunft.

Geboren bin ich in Ecuador. Als ich elf war, nahmen mich meine Eltern mit nach Málaga in Spanien. Das war 2002. Anfangs ging es uns gut: Mein Vater arbeitete als Lastwagen­fahrer, später machten meine Eltern ein Restaurant auf. Doch in der Wirtschaftskrise blieben die Gäste weg. Am Ende mussten meine Eltern schließen und blieben auf den Kosten für den Umbau sitzen. Dann verlor mein Vater auch noch für ein halbes Jahr den Führerschein – unterwegs war ein Teil der Ladung von seinem Laster gerutscht, die Verkehrsbehörde gab ihm die Schuld daran. Nun konnte er auch in seinem zweiten Beruf nicht mehr arbeiten.

Die Wirtschaftskrise erwischte die Eltern, der Sohn wollte helfen

Meine Eltern steckten in der Klemme; das wusste ich, obwohl sie sich Mühe gaben, mich das nicht spüren zu lassen. Mein ­Vater kannte jemanden in Frankfurt am Main und nahm sich vor, dort Arbeit zu suchen. Ich bereitete mich damals gerade auf das spanische Abitur vor. Und hatte doch einen anderen Traum. Papá, sagte ich, lass mich mitgehen nach Deutschland. Er sagte, was Eltern eben sagen: Mach besser erst dein Abitur! Er selbst werde ohnehin erst reisen, wenn sein Führerschein nicht mehr gesperrt sei. Ich aber witterte ein Abenteuer und bekam Lust, mich alleine durchzukämpfen. Ich sparte und buchte den Flug.

Am 10. Februar 2011 stand ich vor dem Frankfurter Hauptbahnhof, in den Taschen zweihundert Euro und ein Wörterbuch. Können Sie helfen? Vielen Dank! Ich suche Arbeit. Solche Sätze las ich ab. Die ersten vier Nächte schlief ich in einer Jugend­herberge, tagsüber suchte ich Leute, die mich verstanden. Zum Essen ging ich oft in Einrichtungen für Obdachlose. Einmal war ich in der spanischsprachigen Allerheiligen-Kirche. Dort hörte sich ein Priester meine Geschichte an, gab mir hundert Euro und bot mir an, ein Ticket für den Rückflug zu kaufen. Ich bedankte mich, wollte aber so schnell nicht aufgeben.

Schlafen in der Fotokabine

Die folgende Nacht verbrachte ich auf dem Hauptbahnhof, ich wollte nicht meine letzten Reserven für die Jugendherberge ausgeben. Ich hasste die Kälte. Eingemummt in zwei Hosen und zwei Jacken ging ich zum wärmsten Ort, dem Reisezentrum der Bahn. Ein paar Minuten durfte ich im Sitz dösen, dann kamen Sicherheitsleute und wiesen mich weg. Später versuchte ich, sitzend in einer der Fotokabinen zu schlafen. Mit dem gleichen Ergebnis.

Nach zwei durchwachten Nächten lernte ich im spanischen Konsulat zwei Ecuadorianer kennen, sie kamen wie ich aus ­Spanien und suchten Arbeit. Die beiden führten mich zu einer Frau aus der Dominikanischen Republik, um die fünfzig Jahre alt. Die Frau sah mich lange an. Wieso bist du nicht bei deinen Eltern? Dann gab sie mir in ihrer kleinen Wohnung einen Schlafplatz im Wohnzimmer neben den anderen beiden Gestrandeten. Mach dir keine Sorgen, Kind, sagte sie, du musst erst mal nichts bezahlen. Aber steh bitte früh auf, hier in der Wohnung findest du keine Arbeit.

Schließlich fand ich über Bekannte einen 450-Euro-Job: In einem Hotel machte ich Betten, schrubbte die Fenster, solche ­Sachen. Dann arbeitete ich zusätzlich in der Küche eines Luxus­res­taurants, diesmal in Vollzeit. Dort lernte ich zwangsläufig mehr Deutsch – seit ich mir einmal die Finger verbrannt habe, weiß ich auch, was „Vorsicht! Heiß!“ bedeutet.

Dann kam auch mein Vater her. Weil ich mich schon aus­kannte, fanden wir beide schnell Stellen als Leiharbeiter in einer Fabrik, die Autoteile herstellt. Dem Priester gab ich das Geld zurück, er war überrascht und freute sich. Dann holten wir die anderen nach, heute wohnen wir alle in einer Wohnung bei Offenbach. Nach der Arbeit bin ich jeden Tag im Deutschkurs. Nächstes Jahr will ich den C1-Deutschtest schaffen – das ist der zweithöchste Test – und dann eine richtige Ausbildung machen. Am liebsten als Flugzeugmechaniker.

Protokoll: Jonas Nonnenmann

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