Joachim Kosack: Nicht verbissen, aber bitte auch nicht larifari

Ich bin in einem sehr offenen evangelischen Umfeld aufgewachsen: Mein Vater war Pfarrer auf der Insel Nias in Indonesien. Dort hat er mich 1965 getauft. Das wird ein langer und heißer Gottesdienst gewesen sein. Meine Mutter war Pfarrersfrau und Pfarrerstochter und Pfarrersschwester und Pfarrerstante. Christliches Leben und Denken waren allgegenwärtig. Gleichzeitig gab es noch einige atheistisch-linke Onkel und Tanten. Alles eine sehr gute Mischung. Sämtliche Stufen vom evangelischen Kindergarten über Religionsunterricht, Jugendkreis und Konfirmation habe ich durchlebt und genossen. Das Feiern, Diskutieren, Gemeinschaft erleben, Kreativ-sein-Können hat mich nachhaltig geprägt. Nach der Konfirmation traf ich auf Hans-Georg Filker, der damals Jugendpfarrer in Wuppertal war. Der machte mir klar, dass man den Glauben nicht einfach mit der Muttermilch aufnehmen kann, sondern irgendwann im Leben ein bewusstes, eigenes Bekenntnis eingehen muss.

Meine »Ersatz-Boygroup« war Hanns Dieter Hüsch. Bei ihm ­war ich das, was man einen Fan nennt. Hüsch endete sein Programm »Enthauptungen« mit einer Ansage über Band, während die Zuschauer den Raum verließen, also quasi ein gesprochenes Orgelnachspiel:

»Denen, die sich jetzt entzweit seh’n,
empfehlen wir Eins Korinther Dreizehn.«

Die Gedanken dort über Liebe versus Reden und Denken sind, wenn man das Ganze überhaupt auf einen Kern reduzieren kann, ein Leitmotiv für mich.

Der Glaube hilft, das Leben mit allen Auf und Abs bereitwillig anzunehmen. Mein Christsein im Alltag zeigt sich im Bemühen, den Anderen und Nächsten ebenfalls immer im Blick zu haben.

Das Wort und die Musik – das ist es, was mir im Gottesdienst wichtig sind. Nicht verbissen, aber bitte auch nicht larifari. Zu wenig Konzentration und Spiritualität macht alles beliebig. Die Kirche sollte Begegnungs- und Lebensraum sein, aber nicht in sich ruhend. Ich fühle mich als Christ und habe mich bisher noch in keiner anderen christlichen Gemeinschaft mehr zu Hause gefühlt als in der evangelischen.

Von meiner Religion habe ich mich bisher nicht distanziert. Manche Widersprüche muss man gemeinsam durchstehen.
Bei meiner ersten Ehe wurde ich christlich getraut. Bei der zweiten (noch) nicht; meine Frau und ich hatten irgendwie das Gefühl, dass man das nach unseren ersten Trauungen verhältnismäßig schnell hintereinander nicht noch einmal machen kann. Aber das steht für uns wirklich noch aus. Auch wenn wir schon seit fast 15 Jahren verheiratet sind. Es war uns jedenfalls selbstverständlich, unsere Kinder taufen zu lassen.

Wann ich bete? Zu wenig, zumindest zu wenig bewusst. Wie ich sterben will? Mit offenem Visier.

Joachim Kosack

Einen »beharrlichen Dickbrettbohrer« nannte ihn einst eine große Tageszeitung: Der Kabarettist, Schauspieler, Drehbuchautor, Regisseur, Redakteur und TV-Produzent Joachim Kosack, geboren 1965, war von 1996 bis 2006 Autor, Regisseur und Producer, sowie zuletzt Produzent (»Stauffenberg«, »Flucht«) bei der Produktionsgesellschaft UFA, wohin er 2012 nach mehreren Stationen bei ProSieben/SAT.1 zurückkehrte. Er verantwortet dort als einer von drei Geschäftsführern den Bereich UFAFiction. Kosack lehrt als Professor seit 2002 an der Filmakademie Ludwigsburg. 2011 erhielt Kosack den Robert Geisendörfer Preis, den Medien­preis der Evangelischen Kirche, als »einer der besten Fernsehmacher in Deutschland«.

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