Nach dem Sturzregen

Klaus Pichler/Anzenberger

Die Ukrainer wissen, sie müssen nicht „die Russen“ fürchten, sondern die Wiederkehr eines sowjetischen Systems.

In Odessa hat es geregnet. Von einer Minute auf die andere ergossen sich Ströme vom Himmel. Die ersten Tropfen verdampften, dann stand die Stadt unter Wasser. Autos schwammen wie die Boote im Schwarzen Meer.

Niemand kam zu Schaden. Viele konnten aber endlich über etwas anderes reden als über den Krieg im Osten und die Gefahr aus Transnistrien, der pro­russischen Region weiter westlich.

Die Menschen in Odessa sind stolz. Sie haben die Pläne von außen, sie zur Hochburg der Noworossija (Neurussland) zu machen, durchkreuzt. Odessa ist ukrainischer, als viele geglaubt haben. Blau­gelbe Fahnen sind überall, man hört öfter die ukrainische Sprache, man fühlt sich zu diesem Land zugehörig.

Auf den ersten Blick sieht alles normal aus, wie in jedem Sommer: Touristen, volle Restaurants, volle Strände, viele Sprachen. Aber die Spannung ist zu spüren. Nachrichten, Gespräche, Flüchtlinge aus Donezk, Lugansk und anderen Städten im Osten. Sammelaktionen für die ukrainische Armee und für Flüchtlinge. Manche sind über die zögerliche EU zornig, manche verständnisvoll. Dass Frankreich zwei Mistral-Kriegsschiffe an Russland liefert, ärgert besonders die Menschen hier am Meer.

Viele sind erwacht und zum Nachdenken gekommen

Man hört auch, feindliche Agenten seien in Odessa aufgedeckt worden. Das russische Konsulat soll die pro­russisch-separatistischen Organisationen weiterhin unterstützen. Es gab sogar Anschläge auf Bankfilialen von Kolomojskij, einem in Russland verhassten proukrainischen Oligarchen. Entlang der Grenze zum prorussischen Transnistrien entstehen auf ukrainischer Seite Schutzanlagen, ein Graben zwischen den Völkern. Die Reflektierten wissen, sie müssen nicht „die Russen“ fürchten, sondern die Wiederkehr eines sowjetischen Systems, das keine Individualität und Nationalität duldet und nicht nach Wahrheit fragt. Viele sind erwacht und zum Nachdenken gekommen. Ich glaube, sie spüren jetzt erst richtig, wie gut die Befreiung von siebzig Jahren Sowjetunion war. Sie fühlen sich noch einmal befreit – wie die Straßen vom Staub nach dem unerwartet heftigen Sommerregen.

Andreas Hamburg

Andreas Hamburg ist Pfarrer der deutschen evangelisch-lutherischen Gemeinde in Odessa/Ukraine.

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