Oberforstmeister Hans Carl von Carlowitz

Nach dem Kahlschlag folgt Gottes Strafe

Marco Wagner

Wie nutzt man vernünftig die Natur? Der sächsische Bergbau- und Forstkenner Hans Carl von Carlowitz erdachte das Prinzip Nachhaltigkeit

Erst war das Heer des katholisch-kaiserlichen Feldherrn Wallenstein durchs Land gezogen, hatte gemordet, geplündert und Brände gelegt. Dann verwüsteten die Truppen des protestantischen Schweden Gustav Adolf das Land. Zudem raffte die Pest ganze Dörfer hinweg. Der Dreißig­jährige Krieg (1618 – 1648) dezimierte die Bevölkerung Sachsens durch Gewalt, ­Seuche und Hunger. „Mancher musste die Erde kauen“, vermeldet die Ratschronik von Chemnitz.

Als 1648 der Krieg endet und Bergbau, Handwerk und Landwirtschaft eine stürmische Entwicklung hinlegen, offenbart sich ein weiteres Desaster: ein dramatischer Holzmangel. Nicht nur durch den Krieg, sondern auch durch das einsetzende Wirtschaftswunder kam es zum Kahlschlag in den Wäldern des Landes. Der Silberbergbau im Erzgebirge erforderte immense Holzmengen zur Absicherung der Stollen wie auch zum Schmelzen der Erze, dazu kamen der Wiederaufbau der Häuser. Es wird an Bäumen gefällt, was irgendwie brauchbar ist: ein gigantischer Raubbau an der Naturressource Holz.

1645, drei Jahre vor Ende des großen Krieges, wird in der Burg Rabenstein, ­heute zu Chemnitz gehörend, Hans Carl von ­Carlowitz geboren. Sein Vater war säch­sischer Offizier gewesen, nun ist er kurfürstlicher Oberaufseher des Floß­wesens, später wird er Oberforstmeister. Auch die Familie besitzt Wälder und Erzhütten. So wird Sohn Hans Carl früh vertraut mit den Forsten und der Holzwirtschaft im Erzgebirge und mit ihrem Problem: dem wachsenden Holzmangel.
Als der junge Adelige nach seinen ­Jahren am Gymnasium Halle und an der Universität Jena 1665, im Alter von 20 ­Jahren, zu einer fünfjährigen Kavaliers­reise aufbricht, hat er das zentrale Thema für seine Naturforschungen bereits ge­funden: die Forstpolitik.

Die Natur und ihr Lebensgeist

Hans Carl ist ein frommer Lutheraner. Für ihn ist die Natur keine seelenlose Ressource, sondern auch die Wirkungsstätte eines Lebensgeistes. Er bezieht sich dabei auf den Reformator Philipp Melanchthon, der ein Zorngericht Gottes vorhersagt für alle, die die Natur ausbeuten und dadurch zugrunde richten. Gewissenhaft sucht Hans Carl nach dem richtigen Weg, mit der Natur umzugehen. In Paris fasziniert ihn die Strategie von Minister Colbert, dem starken Mann neben Sonnenkönig Ludwig XIV., den Holzeinschlag radikal zu reduzieren und die Wälder nicht bedingungslos dem Bau der Kriegsschiffe und Galeeren zu opfern. Auch in Venedig, das auf unzähligen Holzpfählen gründet und kontinuierlich seine Flotte erweitert, studierte er den Bedarf an Holz und den Umgang mit den Forsten.

Erst viele Jahre später, 1713 – da lebt Hans Carl von Carlowitz in Freiberg, der Silberstadt im Erzgebirge, und amtiert ­dort als Oberberghauptmann –, erscheint sein viel beachtetes Werk „Sylvicultura oeconomica. Die naturmäßige Anweisung zur Wilden Baum-Zucht“. In diesem mehr als 400-seitigen Buch, an dem er fast 50 Jahre gearbeitet hatte, schärft Carlowitz den Grundsatz ein, dass nicht mehr Holz einem Forst entnommen werden darf, als in ihm nachwächst. Und es fällt, zum ers­ten Mal in der Wirtschafts­geschichte, das Wort Nachhaltigkeit. Der Autor fordert eine solche Nutzung und ­einen solchen „Anbau des Holtzes (. . .), dass es eine continuirliche, beständige und nachhaltende Nutzung gebe“.

Das neue Wirtschaftsprinzip hat Folgen. Wer so handelt, muss die Zukunft im Blick haben. Es geht nicht ohne eine sorgfältige Aufnahme des Baumbestands. Man muss systematisch Samen gewinnen, auspflanzen, Baumschulen anlegen und  neue Wälder. Und es geht nicht ohne eine Kalkulation der weiteren Entwicklung der jungen Wälder. Es geht nicht ohne Geduld. Dieses die Zukunft einbeziehende Denken wird später von Naturforschern wie Carl von Linné und Alexander von Humboldt aufgenommen und weiterentwickelt.

Carl von Carlowitz starb bereits ein Jahr nach Erscheinen des Buches, an dem er so lange gearbeitet hatte. Welche Folgen es hatte, konnte er, einer der mächtigsten Männer Sachsens, nicht mehr erfahren. ­Er würde, so gründlich, wie er an das Thema herangegangen ist, sich aber kaum  gewundert haben, dass es auf lange Zeit seine Bedeutung behält.

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