Antiobiotika aus dem "Falschen Weißen Stengelbecherchen"

Kleiner Pilz mit Potenzial

Ueli Meier/Comet Photoshopping

Er zerstört Bäume – aber auch Krankenhauskeime. Eine Biotechnologin erzählt von ihrer Entdeckung
Deutschland spricht 2019

chrismon: Sie haben ein neues Antibio­tikum entdeckt. Wie kam das?

Sandra Halecker: Ich habe einen Pilz, das „Falsche Weiße Stengelbecherchen“, untersucht. Dieser aus Asien eingeschleppte Pilz führt in mittlerweile 25 europäischen Ländern zu einem rasanten Sterben der Gemeinen Esche. Wirtschaftlich und öko­logisch entsteht dadurch ein immenser Schaden. Wir wollten wissen, was den Pilz ­so gefährlich macht und weshalb asiatische Eschen resistent sind.

Wie haben Sie die antibiotische Wirkung bemerkt?

Ich habe einen Extrakt dieses Pilzes zu Bodenbakterien gegeben, um dessen Einfluss auf das Bakterienwachstum zu untersuchen. Am nächsten Tag waren alle Bakterien ab­gestorben. Mit einer Wachstumshemmung in diesem Ausmaß hatte ich nicht gerechnet. Ich habe den Pilzextrakt dann in seine ein­zelnen Stoffe getrennt, um die wachstums­hemmende Substanz zu gewinnen und gegen andere Bakterien zu testen – auch gegen einen bekannten Krankenhauskeim. Dagegen wirken oft nur noch sogenannte Reserve­antibiotika, da diese gefährlichen Keime zunehmend Resistenzen entwickeln. Aber der Extrakt hat auch diese Bakterien abgetötet.

Klingt so, als wäre die Lösung nahe!

Leider nicht. Es wird noch Jahre dauern, bis man Hymenosetin – so haben wir das Antibiotikum des Eschenschadpilzes genannt – zur Behandlung von Menschen einsetzen kann. Es vergehen allein schon Monate für die Kultivierung des Pilzes unter Laborbe­dingungen und die Gewinnung der Substanz für weitere Tests. Außerdem muss der Stoff zunächst chemisch modifiziert werden, da er zurzeit giftig für den Menschen ist.

Aber Sie bleiben dran?

Auf jeden Fall! Aus zwei Gründen: Ich bin gern in der Natur und sehe, dass viele Eschen sterben. Dagegen müssen wir etwas tun. Aber vor allem hoffe ich natürlich, dass Stoffe aus dem Pilz eines Tages bei schwerwiegenden Krankheiten helfen können. Zum Beispiel gegen Tuberkulose oder in Fällen mit anderen multiresistenten Keimen, in ­denen es momentan kaum wirksame Anti­biotika gibt. Manche Patienten liegen auf Isolierstationen – mit sehr geringer Aussicht auf Heilung.

Was möchten Sie in zehn Jahren wissen?

Ich hoffe, dass in naher Zukunft ein Mittel gegen das Eschensterben gefunden wird. Und dass die Stoffe, die der Pilz produziert, zum Medikament weiterentwickelt werden. Von hundert entdeckten Antibiotika schafft es gerade einmal eines durch alle Tests und klinischen Studien. Auch aufgrund der hohen Entwicklungskosten von mehreren 100 Mil­lionen Euro haben Pharmahersteller die Anti­biotikaforschung weitgehend eingestellt. Es ist sehr riskant, dass sich durch leicht­fertiges Verschreiben von Antibiotika vermehrt Resistenzen ausbilden, jedoch keine neuen Medikamente auf den Markt kommen.

Sandra Halecker

Sandra Halecker, 30, promoviert am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung. Ihre Arbeit ensteht in Koope- ration mit der TU Braunschweig.

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