Braucht die Elite keinen Schlaf?

Ich will schlafen!

Asuka Grün

Wer zur Elite gehört, der braucht keine Nachtruhe. Das behaupten, die dazugehören wollen. Sabine Horst sieht das ganz anders

Blam! So klingt das, wenn ich nachts aufwache. Mit einem Blam fängt das Herz an zu rasen. Dann bläht sich im Kopf ein Hefeteig aus Sorgen auf, echten und eingebildeten, und verstopft die Ausgänge – nichts geht mehr. Ich habe alles Mögliche probiert: regelmäßige Schlafzeiten, sämtliche Beruhigungsmittel, die rezeptfrei zu haben sind, gelegentlich eine Schlaftablette. Ich ­habe Abendspaziergänge gemacht, die langweiligsten Bücher der Welt gelesen, Milch mit Honig getrunken und sogar warmes Bier, dafür muss man schon sehr verzweifelt sein.

Aber bloß keine Panik jetzt. Nicht dran denken, was ich morgen erledigen muss. Ich schleppe mich ins Wohnzimmer zur Couch und fische das Tablet aus den Polstern. In unserem Vorort ist es sehr still. Im Netz steppt der Bär. Um 1.43 Uhr hat jemand das Protokoll der letzten Betriebsratssitzung gemailt, mein Shoppingclub informiert mich, dass in ein paar Stunden eine tolle Taschen­aktion startet, ein Freund auf Facebook schaut gerade die vierte Staffel von „The Walking Dead“. Zombies..., die sind nie müde, oder? Jedenfalls sieht man sie nicht schlafen. Sie wanken mit verquollenen Augen 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche durch die Gegend und tun, was von ihnen erwartet wird: fressen. Ruhelose Allesfresser. Die idealen Konsumenten eigentlich.

Genau das, was wir werden sollen, wenn man dem amerikanischen Kunsthistoriker Jonathan Crary glaubt, dessen Essay „24/7: Schlaflos im Spätkapitalismus“ im September bei uns erscheint (Wagenbach-Verlag). Tipps zum Durchschlafen gibt’s hier nicht – das wäre nur Doktern an Symptomen. Vielmehr beschreibt Crary, wie die moderne Gesellschaft eine neue Form der Zeit erschaffen hat: eine, die den natürlichen Wechsel von Tag und Nacht, Schlafen und Wachen außer Kraft setzt und unser Leben dem Prinzip pausenlosen Funktionierens unterwirft.

"Um 3.05 Uhr hänge ich auf dem Sofa herum: hellwach, aber erschöpft und den Tränen nah."

Angefangen hat das im achtzehnten, neunzehnten Jahrhundert mit der Industrialisierung, der Erfindung von Maschinen, die immerzu „ausgelastet“ sein müssen, mit der Einführung des Gaslichts und der Glühbirne. An der Diskreditierung des Schlafs waren auch die Aufklärung und die linken Bewegungen nicht unschuldig, die den „wachen“ Verstand gegen die Abgründe des Schlummers ausspielten – schließlich heißt es ja nicht „Ruht wohl, Verdammte dieser Erde“. Was folgte, war ein gigantischer Weck-Feldzug. Immer mehr Menschen zogen in laute, betriebsame Städte, die Erde begann bis ins All zu leuchten, und mit der jüngsten Medienrevolution ging die Welt auf Dauersendung. Wir produzieren leichter und werden älter als vor hundert Jahren. Zum Schlafen aber reicht die Zeit nicht: Zehn Stunden sollen es damals gewesen sein, davon können wir nur noch träumen.

Das Endprodukt dieses Prozesses bin ich, wie ich um 3.05 Uhr auf dem Sofa herumhänge: hellwach, aber erschöpft und den Tränen nah. Vielleicht stimmt mein persönliches Schlafmanagement nicht. Vielleicht bin ich noch nicht in „24/7“ angekommen. Statt um zehn in der Kiste zu liegen, hätte ich ins Fitnessstudio gehen sollen. Jetzt wär’ die Zeit, um ins Nachtleben aufzubrechen. Wenigstens sollte ich das Betriebsratsprotokoll lesen.

Man weiß nicht, ob ein Bauer im elisa­bethanischen England ausgeschlafener war als die Deutschen, von denen heute ein Drittel unter Schlafproblemen leidet. Klar ist: Dieser Bauer hatte außer Sex kaum Möglichkeiten, sich nach Einbruch der Dunkelheit zu beschäftigen. Schlaflosigkeit scheint früher eine Sache der Mächtigen gewesen zu sein. Die Könige bei Shakespeare jedenfalls lamentieren ständig darüber: dass sie von Sorgen beschwert durch prächtige Hallen geistern müssen, während die Untertanen in ihren rauchigen Katen selig schlummern. „Unruhig liegt das Haupt, das eine Krone drückt.“

Dann vielleicht lieber gar nicht mehr schlafen?

Der Satz von Henry IV. ist über die Jahrhunderte das Mantra der „schlaflosen Elite“ geworden. Wer immer sich für wichtig hält, brüstet sich mit Schlafzeiten von unter fünf Stunden: Napoleon, Churchill, Margaret Thatcher, Silvio Berlusconi (nur zwei Stunden, superwichtig!), Madonna. Napoleon soll zwar auf dem Pferd weggedöst sein, und Thatcher leistete sich catnaps, Nickerchen. Aber es gilt: Pennen ist für Loser. „Ich lasse mir nichts schenken; ich schlafe nicht und lade mir immer mehr auf“, so das Erfolgsrezept von Jennifer Lopez.

Sabine Horst

Sabine Horst, gelernte Germanistin, hat als Kulturjournalistin unter anderem für die "Rundschau" und "Journal Frankfurt" gearbeitet und ist seit 2002 Redakteurin bei epd Film. Sie schreibt für die "Zeit" und den "Tagesspiegel", gibt gelegentlich Bücher zu interessanten Themen (Robert De Niro, "Männer - Sex - Kino") heraus und sitzt in der Jury der Evangelischen Filmarbeit. Ins Kino geht sie in Frankfurt - am liebsten mit ihrer Familie.
Lena Uphoff
Abgesehen davon, dass all diese Mover und Shaker ihre Belastung übertreiben – eine Studie der DAK etwa hat heraus­gefunden, dass Arbeitslose und Alleinerziehende dem stärksten chronischen Druck ausgesetzt sind –, sollte man sie als verant­wortungslos entlassen. Denn Schlafmangel schwächt die Immunabwehr und die Wundheilung, das Herz, die Verdauung und das Gedächtnis; er macht gereizt, kann Depressionen auslösen. Und wenn ich nach einer durchwachten Nacht in den Spiegel schaue, dann sehe ich nicht nur nicht aus wie Jennifer Lopez – ich seh nicht mal aus wie ich selbst. Neuere Ratgeber wie die des amerikanischen Schlaf-Gurus James B. Maas plädieren denn auch für eine andere Strategie: „Sleep for Success“. Das macht die Sache allerdings nicht besser. Es bindet den Schlaf bloß in die endlose Kette der „Funktionstätigkeiten“ ein und weist die Verantwortung an den Schlaflosen zurück. Schlaf schön – damit du mehr arbeiten, verdienen, kaufen kannst. Und wenn das nicht klappt: hast du zu wenig Sport gemacht oder das Falsche gegessen. Für Schlafgestörte wie mich ein Programm, das auf der Stelle Stress erzeugt.

Und genau der, der Stress, ist der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung zufolge ein Hauptgrund für Schlafprobleme. Notorisch Schlaflose entwickeln Strategien, sich einem gestörten Rhythmus anzupassen: Schläfchen am Tage, Nachtarbeit, Kaffee zum Aufputschen, Alkohol zur Entspannung...

Dann vielleicht lieber gar nicht mehr schlafen. Wie die ­Menschen in Jürgen Neffes Roman „Mehr als wir sind“ (Bertelsmann-Verlag), der die Vorstellung einer Welt unterm Einfluss einer chemischen Wachdroge ausfantasiert: „Eine wissenschaftliche Sensation, niemand müsste mehr ein Drittel seines Lebens taten- und willenlos im Dämmerzustand nächtlicher Lähmung verbringen oder auch nur Müdigkeit ­fürchten.“ Die Testpersonen im Buch sind zunächst auch blendend drauf. Und ­machen sich daran, aufgeweckt und dauerdynamisch die Welt umzukrempeln.

"Ich stelle mir vor, wie sich mein Real Life im süßen Mondlicht auflöst"

Warum also den Schlaf so wichtig nehmen? Weil er ein Stück unseres Lebens ist, das sich der Überwachung und Kolonisierung durch die Medien entzieht, meint Jonathan Crary. Weil aus ihm nichts Brauchbares, kein Produkt entsteht. Vor allem aber, weil er an die Bedürftigkeit des Menschen erinnert: Wer schläft, braucht Schutz, Fürsorge, Solidarität. „Als der privateste, verletzlichste Zustand, der allen gemeinsam ist“, schreibt Crary, „ist der Schlaf zu seiner Aufrechterhaltung wesentlich abhängig von der Gesellschaft.“ Und es graust ihn vor einer Ordnungsmacht, die ausgerechnet diejenigen, die es am nötigsten haben: die Obdachlosen, durch allerlei Vorrichtungen daran hindert, sich auf einer Bank im Park oder in der U-Bahn auszustrecken.

Vor diesem Hintergrund wäre der Schlaf eine Form der Subversion – ein Aufstand der Hamster im Rad. Vielleicht sollte ich mal anfangen, ihn anders zu betrachten, nicht als Übung und Pflicht, sondern als ein Recht, das jedem zusteht und verteidigt werden muss. „Hallo, Schlaflose überall. Vereinigt euch!“, ruft eine Bloggerin in die grauen Stunden hinaus: „Ihr habt nichts zu verlieren.“ Da ist was dran, müde bin ich sowieso, egal, was ich jetzt tue. Vielleicht wieder ins Bett? Ich wühle mich ins Kissen und formuliere im Kopf eine Krankmeldung in 140 Zeichen: „Kann heute nicht an 24/7 teilnehmen, Reklamationen an das Sandmännchen, Herrn Morpheus oder wer sonst zuständig ist.“

Und dann stelle ich mir detailliert vor, wie sich mein hektisches Real Life im süßen Mondlicht auflöst und mein Hirn sich in Regionen verzieht, die kein Forscher, kein Analytiker je ganz ergründet hat... Hey, Leute, macht mal einer das Licht aus?

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Lesermeinungen

Der Artikel von Sabine Horst ist endlich einmal ein Beitrag, der zum Kern des Problems durchstößt. Denn wer den Schlaf nur als einen (vielleicht sogar verzichtbaren) Pflichtteil zum täglichen Funktionieren und Konsumieren der Angebote sieht, der geht am "Charakter" des Schlafs vorbei.
Der Schlaf ist ein Geschenk, er lässt sich nicht erzwingen oder imstrumentalisieren. Demzufolge steht er -von unserer Zivilisation her betrachtet- im Verdacht des Subversiven. Er passt nicht zu einer Gesellschaft, in der alles geregelt oder verordnet werden soll: Im Falle von Schlafstörungen soll quasi automatisch eine Tablette eingeworfen werden.
Doch wer schlafen möchte, der sollte zum "natürlichen Recht" auf den Schlaf stehen und seinen Weg suchen, ihn als ein Geschenk empfangen zu lernen.

Wenn es schwerfällt, den Schlaf als wichtigen und notwendigen Teil des täglichen Lebens anzusehen, kann das natürlich zu Schlafstörungen führen. Denn "eigentlich" würde man ja lieber noch wach sein und dieses und jenes tun... Aber warum eigentlich? Warum nicht hinlegen, wenn man müde ist (eine wichtige Voraussetzung, um einschlafen zu können!) und sich dem Schlaf "hingeben" - die natürlichste Sache der Welt, sowohl für Menschen als übrigens auch für Tiere. Normalerweise kommt ein neuer Tag, mit dessen Herausforderungen man auf jeden Fall besser fertig wird, wenn man gut und ausreichend geschlafen hat. Das Nachdenken über den Sinn des Schlafens erübrigt sich, wenn man den Schlaf als Teil des Lebens sieht, ohne den man nicht leben kann. Und sich hinlegt, wenn man müde ist (s.o.)...

"Blam", die spruchreife Elite ? " Gleichberechtigung und Machtmissbrauch ? Ich finde, die Frau an sich, kann noch so viel tun, so lange sie sich nicht gleichberechtigt fühlt, bleibt sie ewiglich das zweite Geschlecht . Auf die Persönlichkeit kommt es an, nicht auf die Erscheinung. Das Wort Elite stört mich, und ist eines der vielen evangelischen Fauxpas auf diesen Seiten. Es gibt tatsächlich sehr ernsthafte Probleme auf unserem Kontinent, doch dieses Blatt, welches sich immer noch evangelischer Provenienz rühmt, konzentriert sich eindeutig nur noch auf die Grandiosität verbildeter akademischer Narzissten, deren einziges Lebensziel zu sein scheint, in den Himmel der vollkommenen Glückseligkeit auf Erden zu gelangen. während die wenigen ausgesuchten Texte, die noch etwas über christliche Nächstenliebe erzählen, nur noch die Alibifunktion zu erfüllen scheinen ! Es ist HOHL, spirituell öde, , uninteressant, was hier präsentiert wird. Ein Stern der verglüht, dessen Präsenz unsichtbar geworden ist, weil seine Substanz im seichten gesellschaftlich konformen karrieristsichen, und zunehmend sinnlosen Sein, Mondsucht und Jetlag geplagter moderner "Elite" Sklavengesellschaft, im digitalen Schein der eigenen Medienpräsenz sich selbst versengt, oder ein Mensch ohne Persönlichkeit, eher ein Stereotyp der Moderne, der nach Bestätigung sucht. Karriere befriedigt nicht, der Erfolg mach hungrig nach mehr. " Best of..." , typisch Frau ? Zumindest auf evangelisch, es fehlt die Substanz . Wie kann sich Gleichberechtigung durchsetzen, wenn die Karrierefrau schlicht und ergreifend nur Macht und Bewunderung will ? Sehr weibliche Attitüden . -------
Hochgezüchtet und was nun ? Wir versuchen es mit Worten ! Wir kennen ja nichts anderes, Macht , und Macht und Macht. Und schliesslich kommt dann die Sehnsucht nach dem Kind aus der Retorte, spät aber geliebt, auf jeden Fall hochgehalten... Die späte Bestätigung. Die Zukunft sieht düster aus. Mt etwas mehr Verstand muss Frau nicht auf jeden Zug aufspringen, der ihr Glückseligkeit allein verspricht. Ein gesunder Selbstwert ist mehr Wert als jeder Experten Rat ! IPS : Zudem hört sich ein Text wie der andere an. Weder individuell, noch originell. Qualität wird durch Quantität
ersetzt. ----------------------- Wollte ich mildes Licht eindimmen, so schriebe ich, die Autorin habe einen netten, braven kleinen Einblick in ihr Innerstes gegeben. Sehr liebenswert , sie möchte bewundert werden... sie unterstreicht zudem ganz besonders das "real Life" , also die gesellschaftliche Ebene, auf welcher sie sich bewegt.
etwas weniger gnädig, sagte ich schlicht : Eine Jammertirade auf gesellschaftlich konformem Niveau. Gleichberechtigung ? Meine Damen, Kaffeekränzchen, nicht einmal mehr, der Spitzfindigkeiten !